Wissmann: Treue Kunden „Grabenkämpfe zwischen Bahn und Autobauern sind vorbei“

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Osnabrück. Ist das Auto heute noch ein Statussymbol? Steuern die deutschen Hersteller trotz globaler Krisen auf Wachstumskurs? Dazu im Interview Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie. (VDA).

Das Auto verliert angesichts von Parkplatznot und Staus seinen Wert...

Einspruch! Weltweit ist das Auto weiter auf Wachstumskurs: 2015 werden voraussichtlich rund 77,4 Millionen neue Pkw verkauft. Besonders die deutschen Konzernmarken verfügen über hohe Attraktivität: Sie haben einen Weltmarktanteil von 20 Prozent. Auch in Deutschland sagen Umfragen unter jungen Leuten, dass die meisten, die sich heute noch kein Auto leisten können, diesen Wunsch verwirklichen wollen, wenn die Berufsphase beginnt. Klar ist: Unsere Automobilhersteller verstehen sich heute als Mobilitätsdienstleister und setzen auf Vernetzung mit anderen Verkehrsträgern. Auto und Bahn sind schon lange kein Widerspruch mehr – die Zeit der alten Grabenkämpfe ist vorbei.

Die deutschen Automobilhersteller wollen 2015 die Produktion weiter steigern und erstmals mehr als 15 Millionen Autos bauen. Wird das Ziel trotz globaler Krisen geschafft?

Wir sind da zuversichtlich, 2014 hatten wir ja schon 14,9 Millionen Einheiten. Wichtige Märkte sind weiterhin gut unterwegs: Der US-Markt wird 2015 auf 16,7 Millionen Pkw und Pick-ups steigen, China auf 19,5 Millionen Pkw. Westeuropa erholt sich weiter auf 12,3 Millionen Neuwagen, wobei in Ländern mit den mutigsten Reformen wie Spanien und Portugal die günstigste Entwicklung zu sehen ist.

Bringt die unsichere Lage Jobabbau in deutschen Produktionsstätten?

Die deutsche Automobilindustrie ist exportstark, global aufgestellt und hoch innovativ. Deshalb zeigt auch die Beschäftigung ein sehr positives Bild: Wir haben 20000 zusätzliche Beschäftigte in den Stammbelegschaften, verglichen mit dem Vorjahr. Im Inland sind in der Automobilindustrie 782000 direkte Mitarbeiter beschäftigt, hinzu kommt noch der indirekte Bereich, etwa der Kfz-Handel oder das Kfz-Handwerk. Wir sind das einzige große Automobilland in Westeuropa, das in den letzten 15 Jahren Beschäftigung aufgebaut hat – anders als Frankreich oder Italien.

Wie empfindlich trifft die Russland-Ukraine-Krise mittlerweile die deutsche Automobilwirtschaft?

Der Pkw-Markt in Russland ging 2014 um zehn Prozent zurück, in den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres brach die Nachfrage um fast ein Drittel ein. Für das Gesamtjahr 2015 rechnen wir mit einem Rückgang um ein Fünftel. Diese Entwicklung trifft die Unternehmen der deutschen Automobilindustrie unterschiedlich.

Wie steht es um Firmen wie Schmitz Cargobull oder Krone im Emsland...

Besonders betroffen sind die Trailer-Hersteller: Bei Sattelanhängern lag der wertmäßige Anteil Russlands an den deutschen Exporten 2012 noch bei 15 Prozent, 2014 waren es nur noch sechs Prozent. Aber: International betrachtet, konnten die gesamten Sattelanhänger-Exporte um 13 Prozent gesteigert werden. Fakt ist: Russlands Anteil am Gesamtumsatz der deutschen Automobilindustrie liegt bei nicht einmal drei Prozent, Tendenz abnehmend.

Themenwechsel: Google arbeitet bereits seit Langem am autonomen Auto, treibt die Verschmelzung von Smartphone und Pkw voran. Droht die Automobilindustrie von IT-Konzernen abgehängt zu werden?

Das sehe ich nicht. Beim vernetzten und automatisierten Fahren ist die deutsche Automobilindustrie ganz vorn. Und sie wird auch künftig im „driver seat“ sein. Schon jetzt ist jedes vierte Neufahrzeug vernetzt, in zwei Jahren werden es vier von fünf sein. Smartphone und Auto wachsen zusammen, sie sind zwei Seiten einer Medaille. Google & Co. sind für uns Partner. Unsere Industrie hat einen Fahrplan für die nächsten zehn bis 15 Jahre. Der erste Schritt ist die Weiterentwicklung des teilautomatisierten Fahrens, also des Fahrens mit Spurhalte- und Bremsassistent. Weitere Assistenzsysteme werden integriert. Der nächste Schritt wird das hochautomatisierte Fahren sein, bei dem man im Stau das Steuer auch mal loslassen kann. Oder bei dem der Parkassistent das Auto selbstständig ins Parkhaus fährt. Das geht natürlich nur mit optimaler Vernetzung. Außerdem müssen noch rechtliche Rahmenbedingungen angepasst werden. Kein Zweifel: Autofahren wird mit Vernetzung noch sicherer und komfortabler.

Es kreißte der Berg und gebar ein Mäuslein: treffende Beschreibung für das neue Elektromobilitätsgesetz?

Das Bild passt nicht, das Gesetz bringt Erleichterungen für die Elektromobilität, etwa die kostenlose Nutzung von Parkraum. Ich hoffe auch, dass Kommunen Busspuren für Elektroautos freigeben. Was bislang jedoch noch fehlt, ist ein finanzieller Impuls. Ich plädiere für eine befristete Sonderabschreibung im ersten Jahr nach Kauf von Elektroautos für Firmenflotten. Da sehen wir großes Potenzial. Es wird Zeit, hier einen Impuls auszusenden. Die Deutschen bauen die besten Elektroautos der Welt – aber wir sind noch kein Leitmarkt. 2014 wurden rund 14000 E-Autos neu zugelassen. Wir müssen jedoch bald in den sechsstelligen Bereich vordringen, um in die Nähe des Ein-Millionen-Ziels der Bundesregierung für Elektroautos im Jahr 2020 zu kommen.

Zum Schluss: Hat die Bahn wegen der Unsicherheiten durch Lokführerstreiks dauerhaft Kunden aus der Automobilwirtschaft verloren?

Wir sind treue Kunden der Bahn. Jeder zweite Pkw, der in Deutschland neu gefertigt wird, wird anschließend per Bahn oder Binnenschiff transportiert. Wir haben ein hohes Bewusstsein für die Erhaltung von Mobilitätsketten. Natürlich ist klar, dass jeder längere Streik die Vertrauensbasis schwächt. Deshalb der dringende Appell an die Tarifpartner, auch an die Gesamtverantwortung für das Unternehmen zu denken. Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, wenn der Wettbewerb zwischen Gewerkschaften auf dem Rücken eines Unternehmens ausgetragen würde.


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