„Dresden“-Inferno an der Ostsee Vor 70 Jahren wurde Swinemünde bombardiert

Die Gedenkstätte auf dem Golm auf der Insel Usedom erinnert an die 23000 Opfer, die bei einem alliierten Luftangriff am 12. März 1945 in Swinemünde umgekommen sind. Foto: dpaDie Gedenkstätte auf dem Golm auf der Insel Usedom erinnert an die 23000 Opfer, die bei einem alliierten Luftangriff am 12. März 1945 in Swinemünde umgekommen sind. Foto: dpa

Am 12. März 1954 bombardierten die Alliierten den Küstenort Swinemünde an der Ostsee, der überfüllt war mit zehntausenden Flüchtlingen. 23000 Menschen kamen ums Leben.

tac Wallenhorst. Auf den Straßen und in den Parkanlagen lagen überall zerfetzte Menschen und Pferde, die sonst so freundliche Stadt glich einem Inferno, Hausrat hing in den Bäumen und Büschen. Diese Bilder kann Brigitte Gödeker seit 70 Jahren nicht vergessen. Die heute in Wallenhorst lebende Frau – Jahrgang 1938 – spricht nicht von der Bombardierung Dresdens, sondern von Swinemünde an der Ostsee. Dort kamen bis zu 23000 Menschen ums Leben.

Am 12. März 1945 warfen 671 Bomber der 8. US-Luftwaffe insgesamt 1600 Tonnen Bomben über dem beliebten Kurort auf der Insel Usedom ab. Zehntausende Flüchtlinge mit ihren Planwagen wähnten sich dort Anfang März in Sicherheit, denn sie waren der Roten Armee über die zugefrorene Ostsee oder über Land entkommen und rechneten nun mit dem baldigen Kriegsende. Außerdem beherbergte Swinemünde zahlreiche verletzte und sich zurückziehende Wehrmachtssoldaten.

„Die Stadt war brechend voll“, sagt Brigitte Gödeker. „Das musste den Alliierten bekannt gewesen sein. Ich will heute niemandem einen Vorwurf machen, aber militärisch war der brutale Angriff mit vielen Streubomben völlig sinnlos, denn Kriegsschiffe und U-Boote hatten den Hafen längst verlassen.“

Gegen 12 Uhr habe es Fliegeralarm gegeben, erinnert sich die Wallenhorsterin, die zusammen mit ihrem vier Jahre älteren Bruder in Swinemünde aufwuchs. Die Eltern stammten zwar aus Osnabrück, doch der Vater wurde als Marinesoldat schon 1934 an die Ostseeküste abkommandiert. „Eine knappe Stunde dauerte die Bombardierung“, erzählt Gödeker. „Meine Mutter brachte uns Kinder in den Keller, der mit Baumstämmen zusätzlich abgestützt war. Mein Bruder wäre dort fast erstickt, weil er die gewaltigen Luftdruckwellen der Bomben nicht aushielt.“ Wie durch ein Wunder wurde das Haus nicht direkt getroffen. „Als wir danach nach draußen gingen, raubten uns die grauenhaften Szenen fast den Verstand.“

Nur weil sie nicht allein gewesen sei und zusammen mit der Mutter und dem Bruder die Hölle lebend habe verlassen können, habe sie diesen Tag verarbeiten können, sagt Gödeker. „Unsere Mutter impfte uns, noch unter Schock stehend, geistesgegenwärtig ein, dass wir beim Sanitätsdienst heftige Schmerzen angeben sollten. So konnten wir mit dem allerletzten Lazarett-Zug Swinemünde in Richtung Hamburg verlassen.“ Ihr Vater sei zu diesem Zeitpunkt bereits auf Sylt in Kriegsgefangenschaft geraten und habe dort von der Bombardierung Swinemündes erfahren.

Zweimal habe sie in den vergangenen 13 Jahren Swinemünde (polnisch: Swinoujscie) besucht, sagt Brigitte Gödeker. „Als ich die Gedenkstätte auf dem Golm besuchte, wo allein 10000 Menschen begraben liegen, wäre ich fast zusammengebrochen.“ Der Golm, ein Hügel außerhalb der 20000-Einwohner-Stadt, war vor dem Krieg ein beliebtes Ausflugsziel der Swinemünder. Das Elternhaus stehe noch, aber den Kontakt zu den jetzt dort lebenden Polen habe sie nicht gesucht. „Ich bedaure aber die Polen, die im Zweiten Weltkrieg so viel Leid erfahren haben.“

Die Bilder jenes Tages würden immer wieder hochkommen, sagt die Wallenhorsterin, die betont, dass nach Berichten der Alliierten in Swinemünde die größte Anzahl Bomben auf das kleinste Ziel im damaligen Deutschen Reich abgeworfen worden sei. „Immer wieder wird vollkommen zu Recht auf die Zerstörung Dresdens hingewiesen“, sagt Gödeker, „als Mahnung gegen die Sinnlosigkeit von Kriegen. Aber es wurden viele Städte zerstört. Ein besonderes Schicksal traf Swinemünde.“


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