Appell an Wirtschaftsminister Gabriel DGB: Weiter Sklavenarbeit im WM-Land Katar

Reiner Hoffmann
              
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Osnabrück. Katar, Austragungsland der Fußball-WM 2022, steht seit Jahren wegen „Sklavenarbeit“ auf den WM-Baustellen in der Kritik. Verbesserungen der Lage gibt es immer noch nicht, wie DGB-Chef Reiner Hoffmann im Interview beklagt.

Herr Hoffmann, der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) hat schon 2011 vorausgesagt, bis zum Beginn der Fußball-WM 2022 in Katar könnten dort bei Bauarbeiten rund 4000 Menschen sterben. Wie kam es zu dieser Voraussage?

Wir wissen zum Beispiel über die Wanderarbeitnehmer aus Nepal, dass bei ihnen an jedem zweiten Tag ein Todesfall zu beklagen ist. Und wenn man sich anschaut, dass in Katar 1,5 Millionen Gastarbeiter leben, unter Bedingungen, die man meist nur als Sklavenarbeit beschreiben kann, dann ist die vom IGB prognostizierte Zahl leider sehr realistisch.

Haben sich die Arbeitsbedingungen mittlerweile gebessert?

Nein, so gut wie gar nicht. Es ist lediglich angekündigt worden, für gerade einmal zwei Prozent der Wanderarbeiter vernünftige Wohnunterkünfte sicherzustellen. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es gilt weiterhin weder die Koalitionsfreiheit, noch gibt es eine bessere Bezahlung.

Ausländische Arbeiter sind in Katar weitgehend rechtlos. Pässe werden eingezogen, Löhne zurückgehalten. Laut Amnesty International gibt es systematische Zwangsarbeit. Hat Sie das überrascht? Oder hätte man das bei der Vergabe der WM wissen können?

Die Informationen über die Missstände haben allen rechtzeitig vor der Vergabe vorgelegen, sie sind schlicht bei der WM-Vergabe ignoriert worden. Das ist ein Skandal. Denn es geht hier nicht nur um die Fußball-Weltmeisterschaft, sondern um eine ganze Reihe sportlicher Großereignisse: Wir haben ja gerade die Handball-WM in Katar gehabt, 2016 soll die Rad-WM dort stattfinden. In allen Fällen haben die Verantwortlichen die Augen verschlossen vor den katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen der dort ausgebeuteten Gastarbeiter.

Was muss sich ändern? Muss zum Beispiel das System der Kafala, der Entrechtung und Ausbeutung der Wanderarbeiter, ausgeschlossen werden, bevor weitere Sport-Großereignisse in die Region vergeben werden?

Absolut. Das muss eine Voraussetzung sein. Es kann nicht sein, dass sportliche Großereignisse, die bei den Menschen viel Begeisterung, viel Empathie hervorrufen, einen so hohen Preis haben. Es ist ein Skandal, dass Menschen dafür sterben und Sklavenarbeit verrichten müssen . Aber es geht in Ländern wie Katar nicht nur um die Sportbaustellen. Wir haben Berichte des Internationalen Gewerkschaftsbundes über die Lage der philippinischen Hausangestellten: Die werden wie Leibeigene behandelt, und es gibt Missbrauch bis hin zu Folter.

Was halten Sie von der Forderung, bis Ende 2015 eine unabhängige Kommission über die Zustände vor Ort berichten zu lassen? Wie sinnvoll ist das? Und welche Konsequenzen müssten bei einem negativen Urteil folgen?

Ich halte es für sehr sinnvoll, dass unabhängige Beobachter berichten. Wichtig ist vor allem, dass solche Kommissionen Zugang zu den Baustellen und zu den Unterkünften erhalten. Das wird bisher verweigert. Darüber hinaus muss aber auch grundsätzlich die Frage gestellt werden, ob es verantwortbar ist, unter diesen Arbeits- und Lebensbedingungen solche sportlichen Großereignisse stattfinden zu lassen. Auch eine Absage der WM in Katar würde ich aktuell nicht ausschließen. Wir haben eine Verantwortung für die Würde der Menschen in diesen Ländern – ohne sie würden diese Großereignisse nicht stattfinden. Zustände wie in Katar sind mit unseren Wertvorstellungen nicht vereinbar. Man darf solchen Ländern keine große internationale Bühne bieten und das Elend, das dahintersteht, einfach ignorieren.

Wie bewerten Sie die Rolle des Weltfußballverbandes FIFA?

Das Verhalten der FIFA ist grotesk und nicht nachvollziehbar. Wochen- und monatelang ist darüber diskutiert worden, ob die Fußball-WM nun im Sommer oder im Winter stattfinden soll. Hier hat die FIFA ihren Einfluss geltend gemacht, dass die WM jetzt wohl in die Wintermonate verlegt wird. Warum setzt sich die FIFA nicht in gleicher Weise dafür ein, dass in Katar endlich menschenwürdige Bedingungen für die Gast- und Wanderarbeitnehmer geschaffen werden?

Auch deutsche, französische und andere europäische Firmen sind am Bau von Straßen, Wohngebäuden und Stadien in Katar beteiligt. Tragen sie Mitverantwortung? Und wie können sie zu einer Verbesserung der Lage beitragen?

Zunächst steht die Regierung in Katar in der Verantwortung. Sie muss dafür sorgen, dass es eine vernünftige Arbeitsgesetzgebung gibt, dass Arbeitsschutz- und Gesundheitsbestimmungen erlassen werden, dass internationale Arbeitsnormen anerkannt und diese dann auch eingehalten werden. Darüber hinaus müssen natürlich auch deutsche und europäische Unternehmen, die in Katar Aufträge ausführen, internationale Standards bei der Behandlung der Arbeitnehmer beachten. Der Hinweis auf die europäischen Auftragnehmer ist berechtigt, darf aber nicht von der Verantwortung der Regierung in Katar ablenken.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel besucht das Land am Wochenende. Worauf sollte er Ihrer Ansicht nach drängen? Was geben Sie ihm mit auf den Weg?

Ich empfehle Sigmar Gabriel dringend, dass er sich die Bedingungen vor Ort genau anschaut, dass er sich Zugang zu Baustellen und Unterkünften verschafft und dass er die Regierung in aller Deutlichkeit auffordert, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeitnehmer rasch zu ändern. Außerdem sollte er mit den vor Ort tätigen deutschen Unternehmen in Kontakt treten und bei ihnen ebenfalls anständige Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen einfordern. Wenn ich die Zahlen richtig in Erinnerung habe, werden für die Fußball-WM 2022 in Katar 100 Milliarden Dollar investiert. Es geht um riesige Summen, auch für deutsche Unternehmen. Und da gehört es einfach dazu, dass der Bundeswirtschaftsminister diesen Unternehmen klar sagt, was er von ihnen in Bezug auf die Behandlung von Arbeitnehmern erwartet.

Trotz aller Kritik hegen einzelne Menschenrechtsexperten noch die leise Hoffnung, Katar könnte aufgrund der internationalen Kritik doch noch zu einem Vorreiter für positive Veränderungen in der Region werden. Halten Sie das für denkbar?

Wir führen die Diskussion über Katar nun schon seit mehreren Jahren. Der IGB hat seit 2011 auf die dortigen Missstände aufmerksam gemacht. Trotzdem ist in den vergangenen vier Jahren nichts passiert. Ich bin außerordentlich skeptisch, dass Katar noch zu einem guten Beispiel oder gar einem Vorreiter werden kann. Das halte ich für eine Illusion.


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