Migrationsforscher Jochen Oltmer: „Es fehlt eine dauerhafte Diskussion über Migration“

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Jochen Oltmer, Professor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück, ist einer von nur wenigen Migrationsforschern in Deutschland.Foto: E. PartonJochen Oltmer, Professor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück, ist einer von nur wenigen Migrationsforschern in Deutschland.Foto: E. Parton

Osnabrück. Vor 70 Jahren zogen Vertriebene in die Region, nun kommen erneut Flüchtlinge aus Kriegsgebieten. Der Migrationsforscher Jochen Oltmer von der Universität Osnabrück erläutert die Hintergründe von Aus- und Zuwanderung.

Herr Professor Oltmer, Niedersachsen richtet sich auf mehr Kriegsflüchtlinge ein. Das gab es nach dem Zweiten Weltkrieg schon einmal. Wie wurden Flüchtlinge und Vertriebene aus Schlesien und Ostpreußen damals aufgenommen?

Die Ablehnung war riesig. In einer Katastrophengesellschaft, wie die deutsche sie damals war, in der Menschen von außen dazukommen, gibt es Verteilungskämpfe: um Lebensmittel, um Wohnraum, später auch um Arbeitsplätze, die auf dem Land rar waren. Man musste teilen. Man musste fremde Familien in seinem Haus aufnehmen.

Offenbar nahmen die Spannungen dann ab.

Viele Menschen wanderten weiter in die Industriezentren des Ruhrgebiets, andere gründeten Unternehmen. Unter den Zuwanderern waren Kaufleute und Handwerker, die versuchten, hier wieder eine selbstständige Existenz aufzubauen. Das Emsland wurde für Zuwanderer interessant mit dem Emslandplan und dem Aufbau landwirtschaftlicher Betriebe. Das riesige mobile Potenzial der Flüchtlinge und Vertriebenen sorgte für ein im europäischen Vergleich sehr niedriges Lohnniveau. Als billige, gut ausgebildete Arbeitskräfte trugen die Zuwanderer das Wirtschaftswunder zu einem großen Teil mit.

Nicht immer sind Krieg und Not die Ursachen – warum verlassen Menschen im Frieden ihre Heimat, um in der Fremde neu anzufangen?

Es sind zumeist junge Menschen auf der Suche nach Chancen. Ihre Abwägung lautet: Wenn ich dort bessere Chancen habe als hier – egal ob in 50 Kilometern Entfernung oder in 5000 –, dann ist das für mich der richtige Weg.

Locken vor allem ökonomische Chancen?

Sie sind ein häufiges Motiv, auch sehr wichtig sind aber Bildungs- und Ausbildungschancen. Die verbreitete Annahme, regionale Wohlstandsunterschiede führten zu Wanderungsbewegungen, greift dagegen zu kurz. All diese Bewegungen finden nämlich in verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Netzwerken statt, in denen intensiv kommuniziert wird, in denen man den Informationen traut, die man bekommt.

Gilt das für alle Migrationsbewegungen auf der Welt – gestern wie heute?

Ja. Blicken Sie zurück ins 19.Jahrhundert. Da war das Osnabrücker Land eines der größten Auswanderergebiete Deutschlands. Zehntausende gingen in die USA, und zwar nicht irgendwohin, sondern nach Missouri. Als die Georgsmarienhütte gebaut wurde, gelang es nicht, genug Arbeitskräfte aus der Umgebung dort hinzulocken, weil viele es vorzogen, ihren Verwandten und Bekannten 6000 Kilometer weit nach Missouri zu folgen. Es gab ein vertrauenswürdiges Netzwerk dorthin, aber keines in die Umgebung der Georgsmarienhütte.Die Bewegung in die USA ging auch dann noch weiter, als hier und im Ruhrgebiet immer mehr Industrie entstand und die Landwirtschaft sich entwickelte. Man wusste mehr über St. Louis als über Bochum.

Gibt es solche Netzwerke heute noch?

Durchaus. Wir wissen, dass die Bundesrepublik relativ viele Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt, weil schon vor Beginn des Bürgerkrieges relativ viele Syrer hier lebten. Wenn Menschen Krisen- und Kriegsgebiete verlassen, ist Deutschland häufig ein Ziel, weil sie von Bekannten und Verwandten Informationen über Deutschland haben.

Im Emsland hat man mit großem Engagement junge Spanier als Praktikanten und Azubis in die Region geholt, um den Nachwuchs- und Fachkräftemangel zu lindern. Die meisten sind nicht geblieben. Wie erklären Sie sich das?

Obwohl wir seit den Sechzigerjahren Freizügigkeit haben und diese auch intensiv propagiert wird, leben nur zwei Prozent der Unionsbürger in einem anderen Land der EU. Das ist fast nichts. In den Jahren der Krise hat die Bewegung nach Deutschland zugenommen, doch ist sie sehr überschaubar. In diesem Licht muss man Programme wie das emsländische sehen. Es sind Programme und eben keine Netzwerke. Menschen, die in diesem Rahmen kommen, wissen wenig darüber, wo sie eigentlich landen. Das hat man bei Gesprächen mit den jungen Männern im Emsland gesehen. .Netzwerke hingegen liefern diese Informationen, helfen vorab bei der Orientierung. In ihnen gibt es Leute, die beide Sprachen und Kulturen kennen. Sie fangen auf, wenn es mal nicht gut läuft

Was können mittelständische Unternehmen tun, um für Zuwanderer interessant zu werden?

Sie können an die Zuwanderung der vergangenen Jahrzehnte anknüpfen – die portugiesische zum Beispiel, die spanische, die polnische, die aus Russland und Kasachstan. Es gibt Menschen aus diesen Gruppen, die seit Jahrzehnten hier sind. Unternehmen könnten versuchen, sie für Anwerbungsprojekte zu gewinnen. Erstaunlich wenig wahrgenommen werden übrigens die Universitäten. Sie haben seit Jahren riesige Netzwerke ins Ausland geknüpft und sind außerordentlich attraktiv für ausländische Studierende. Viele hoch qualifizierte Menschen machen ihre Abschlüsse in Deutschland, sprechen Deutsch, kennen das Land und das System. Davon können Unternehmen in den Regionen profitieren. Sie müssen an diese Leute herantreten.

Wie stellen Unternehmen das am besten an?

Zum Beispiel, indem sie Praktika explizit Menschen aus dem Ausland anbieten. Der Weg der Praktika ist ganz zentral, wenn es darum geht, Kontakt aufzunehmen und Verbindungen auch in die Heimat der Studierenden zu knüpfen. Da können sehr schnell Netzwerke entstehen. Die Unternehmen hatten es über lange Jahre nicht nötig, sich intensiv um Nachwuchskräfte zu bemühen, weil das Angebot groß war. Das hat sich geändert. Deshalb müssen sie neue Strategien entwickeln, die auch die Zuwanderung einbeziehen. Oft fehlt aber die Kenntnis der relevanten Faktoren.

Wissen wir in Deutschland zu wenig über Migration?

Die Migrationsforschung in Deutschland ist eine Katastrophe. Es gibt ein einziges Universitätsinstitut an einer recht kleinen Universität, das Fragen der Migration erforscht, nämlich unseres – in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern, in dem Migration jeden Tag Realität ist.

In jüngster Zeit artikuliert sich mehr Widerstand gegen Zuwanderung. Woran liegt das?

Ich glaube nicht, dass es mehr geworden ist. Solche Strömungen kennen wir seit Langem. In den frühen Neunzigerjahren war die Ablehnung sogar deutlich stärker. Man wird solche Bedrohungsvorstellungen aber nie komplett ausräumen können. Absolut kontraproduktiv ist dabei der Versuch, Dinge zu verschweigen – nach dem Motto „Es ist doch alles gut“. Es muss eine aktive Auseinandersetzung geben.

Werden in Deutschland Probleme der Zuwanderung verschwiegen?

Die bisherige Diskussion reicht zumindest nicht aus. Einerseits, weil die Kenntnisse über Migration relativ gering sind. Andererseits aus Angst vor dem Wähler. Es ist die Vorstellung: „Wenn wir als Partei Migration in den Vordergrund rücken, bekommen wir ein Problem mit den Wählern.“ Die Parteien packen das Thema lieber nicht an. Das hat sich zuletzt zwar ein bisschen geändert mit der Diskussion um den demografischen Wandel und den Arbeitskräftebedarf. Aber es fehlt eine dauerhafte Diskussion darüber, was Migration eigentlich ist und was wir als Gesellschaft und als Staat wollen.

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