Antibiotika-Rückständen Problem mit Arzneimittelrückständen im Trinkwasser


Osnabrück. Wie ernst das Problem von Arzneimittelrückständen im Trinkwasser ist, erklärt Martin Exner, Direktor des Instituts für Hygiene und öffentliche Gesundheit der Universität Bonn, im Interview. Am Mittwoch spricht der Wasserexperte, der auch der Trinkwasserkommission des Umweltministeriums vorsitzt, bei einer DBU-Konferenz in Osnabrück zum gleichen Thema.

Herr Exner, etwa 30 Tonnen Arzneimittel schlucken die Einwohner Deutschlands im Jahr. Vieles davon landet nach dem Ausscheiden über die Abwässer im Trinkwasser. Wie gefährlich ist unser Wasser?

Derzeit ist es so, dass die Medikamentenrückstände in den Konzentrationen, in denen sie im Trinkwasser nachgewiesen werden, nicht zu akuten toxischen oder akuten Reaktionen führen. So schätzt es auch das Umweltbundesamt ein. Nichtsdestotrotz müssen wir uns mit diesem Problem intensiv befassen. Es sind durchaus Auswirkungen auf die Umwelt, beispielsweise auf Tiere, dokumentiert. Ein besonderes Problem haben wir mit Antibiotika-Rückständen.

Sind die Konzentrationen von Antibiotika so hoch, dass wir uns Resistenzen einhandeln können?

Im Augenblick haben wir im Trinkwasser in Deutschland zumindest noch keinen Hinweis. Wir wissen aber aus anderen Ländern, die nicht über die hohen Qualitätsanforderungen bei der Trinkwasseraufbereitung verfügen, insbesondere aus Indien, dass hochresistente Erreger mittlerweile im Trinkwasser nachgewiesen werden. Das macht uns sehr aufmerksam.

Das liegt an der Massentierhaltung und dem damit verbundenen massiven Einsatz von Antibiotika, richtig?

Nicht nur, sondern in Ländern der dritten Welt auch an den vollkommen unzureichenden sanitärtechnischen Voraussetzungen im Bereich Abwasserentsorgung und Trinkwasserversorgung. Wir sehen bereits konkrete Auswirkungen. Es gibt Urlauber, die vor Ort gar nicht medizinisch behandelt wurden, die zurückkehren mit antibiotikaresistenten Erregern im Darm. Von Indien weiß man das sehr genau. Aus diesem Grund können wir auch hier in Deutschland Auswirkungen auf die Umwelt, auf Gewässer und gegebenenfalls auch auf das Trinkwasser nicht ausschließen.

Gibt es einen Unterschied in der Belastung zwischen Stadt und Land? Hat ein Nachbar einer großen Geflügelzucht ein höheres Risiko, Antibiotika-Rückstände aufzunehmen?

Derzeit ist das nicht im Detail untersucht. Unter anderem deshalb, weil es dazu keine konsequente Vorschrift in der Trinkwasserverordnung gibt.

Sollte es die geben?

Das wird derzeit ebenfalls geprüft. Man muss allerdings unterscheiden: Was liegt für eine Wasserversorgung vor? Ist es eine Quellwasserversorgung, ist es eine Versorgung mit Oberflächenwasser, also mit Wasser aus Flüssen, oder ist es eine Grundwasserversorgung. Im norddeutschen Raum ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie eine Grundwasserversorgung haben, sehr, sehr hoch. Von daher sind auch die Einflüsse eher unwahrscheinlich. Was nicht heißt, dass man dem Thema keine Bedeutung beimessen sollte, im Gegenteil. Wenn entsprechende Brunnen in der Nähe einer Intensiv-Masttierhaltung liegen, dann müssen in Zukunft Einflüsse daraus konsequent ausgeschlossen werden. Das ist eine konkrete Forderung.

Gibt es Grenzwerte für Medikamentenrückstände ?

Wir gehen in der Regel von Konzentrationen von 0,1 Mikrogramm aus, die wir als grundsätzlichen Maßstab nehmen. Aber die große Frage ist: In wie weit brauchen wir neben den klassischen drei Reinigungsstufen zukünftig eine vierte Stufe, die in der Lage ist, unter anderem durch Aktivkohle, durch UV beziehungsweise durch Ozon eine weitere Verringerung der Belastung mit humanen Arzneimitteln herbeizuführen.

Die üblichen drei Filterstufen reichen nicht aus, um die Medikamente herauszufischen?

Nicht in der erforderlichen Sicherheit. Deswegen wird derzeit diskutiert, in wie weit man zusätzliche Reinigungsschritte einfordern sollte.

Das ist aber nicht billig.

Das ist mit Sicherheit nicht billig. Insofern werden auch andere Möglichkeiten geprüft. Zum Beispiel die Fragen, in wie weit zukünftig das Verschreibungsverhalten und die Herstellung von Medikamenten Umweltgesichtspunkte stärker berücksichtigen können. Da sind wir aber noch relativ weit von entfernt. Auch entsorgen immer noch viele Verbraucher nicht mehr benötigte Medikamente über die Toiletten. Das sollte eigentlich der Vergangenheit angehören.

Die Demografie arbeitet dagegen: Immer mehr Menschen werden immer älter und verbrauchen immer mehr Medikamente.

Das stimmt. Wir müssen mit einem steigenden Arzneimittelverbrauch rechnen. Es ist eine sehr dynamische Entwicklung, die auch immer wieder ganz neue Substanzen hervorbringt.

´Welche Verantwortung hat die Pharmaindustrie?

Eine große, vor allem in der Entwicklung von Substanzen. Da ist die Frage, in wie weit die pharmazeutische Industrie nicht zukünftig schon in der Entwicklung neuer Wirkstoffe stärker berücksichtigt, wie sich Medikamentenrückstände in der Umwelt auswirken.

Reichen die Gesetze aus?

Da ist man in der Diskussion. Ich persönlich würde mindestens verlangen, dass man bei der Arzneimittelprüfung für die Zulassung die Umweltpersistenz berücksichtigt.

Beobachten Sie es mit Sorge, dass immer mehr Medikamente freiverkäuflich sind?

Durchaus. Medikamente sollten einer möglichst engen ärztlichen Indikation unterliegen. Denn es sind Wirkstoffe, die auch schon in sehr geringer Konzentration wirken sollen. Damit sollte man nicht leichtfertig umgehen.

Was kann man sich vor Gefahren durch Medikamente im Wasser schützen?

Es gibt Wege. Wir konnten im vorigen Jahr eine Häufung von antibiotikaresistenten Kolonisationen und Infektionen unter anderem auf das Abwasser einer Klinik zurückführen. Wir haben dies auch im zentralen Abwasser nachweisen können, und wir konnten auch eine Übertragung auf Lebensmittel nachweisen. Die Arbeit darüber ist publiziert, und sie zeigt, dass wir es nicht mehr mit Spekulationen zu tun haben. Wir konnten über einen Eingriff in das Abwassersystem diesen Ausbruch unter Kontrolle bringen.

Das heißt, man kann konkret etwas tun.

Ja. Aber es heißt auch, dass wir uns mit diesen Aspekten intensiv in der Forschung befassen müssen.

Wäre ein Pfandsystem für Medikamente sinnvoll?

Das muss die Politik wissen, dazu laufen ja auch Gespräche. Allerdings würde das nicht bei den Tiermastbetrieben helfen.

Brauchen wir neue Vorschriften zur Wasseruntersuchung?

Mikrobiologische Untersuchungen finden schon jetzt regelhaft statt. Bei Untersuchungen auf Medikamente würde es reichen, zunächst das Rohwasser, welches zur Trinkwasseraufbereitung verwendet wird, zu untersuchen. Einige Wasserunternehmen machen das schon, andere noch nicht. Es ist noch nicht vorgeschrieben.

Muss es eine solche Vorschrift geben?

Ja, sollte es. Und ich denke auch, dass es dahin kommen wird.

Trinken Sie das Wasser aus dem Hahn?

Wir trinken unser Trinkwasser, ja. Allerdings mit Kohlensäure versetzt.


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