Auslegung bei Muslimen umstritten Gibt es ein Bilderverbot im Islam?

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Osnabrück. Blasphemie, Verhöhnung, Frevel: Muslimische Fundamentalisten dulden keine Mohammed-Darstellungen. Oft berufen sie sich dabei auf ein angebliches Bilderverbot im Islam. Dies mündete zuletzt in den blutigen Terroranschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, durch den insgesamt 17 Menschen starben. Dabei ist das Bilderverbot unter Muslimen umstritten.

Der Osnabrücker Islamwissenschaftler Rauf Ceylan erklärt im Gespräch mit der Redaktion, dass es „ein direktes Bilderverbot über den Propheten im Koran nicht gibt, aber sehr viele indirekte Hinweise darauf. Es lässt sich aus Sekundär- und Tertiärquellen ableiten.“ Eine davon ist die Hadith-Literatur, die Aussprüche und Handlungen Mohammeds beinhaltet und Muslimen als Quelle für ihre Lebensführung dient. Dort taucht das Bilderverbot im achten Jahrhundert zum ersten Mal auf.

Auch in den vier Büchern der Schiiten aus dem zehnten Jahrhundert gibt es bilderfeindliche Stellen. Der Tübinger Islamwissenschaftler Rudolf Paret, der den Koran ins Deutsche übersetzte, fand in diesen Schriften insgesamt 14 Überlieferungsvarianten, die für ein Bilderverbot sprechen oder zumindest die Diskussion darüber dokumentieren.

Vorrangig geht es dabei um die Frage, ob und wie Menschen und Tiere dargestellt werden dürfen. Der bedeutende islamische Gelehrte und Hadith-Autor aus dem neunten Jahrhundert, Al-Buchari, überlieferte etwa folgenden Ausspruch Mohammeds: „Die Engel betreten kein Haus oder Zimmer, in denen sich ein Hund oder eine bildliche Darstellung befindet.“ Einige Muslime berufen sich auf Textstellen wie diese und sehen in ihnen ein explizites Bilderverbot im Islam. Doch geben solche Versstellen laut Ceylan allenfalls eine Richtlinie wieder, die Polytheismus verhindern soll. „Das Bilderverbot ist eine Vorsichtsmaßnahme, gewisse religiöse Persönlichkeiten nicht zu vergöttern“, erklärt der Islamwissenschaftler. „Das gilt auch für biblische Propheten – des Christentums oder Judentums –, um sich vor zu starker Verehrung anderer Personen neben Gott zu schützen.“

Das Bilderverbot kennen im Übrigen alle monotheistischen Religionen, also auch Juden und Christen. So heißt es etwa im zweiten der zehn Gebote aus dem Alten Testament: „Du sollst dir kein Gottesbild machen.“

Unter Muslimen bleibt das Verbot umstritten. Selbst in der islamischen Rechtswissenschaft gibt es unterschiedliche Auffassungen über die bildliche Darstellung von Lebewesen. Die Einhaltung des islamischen Bilderverbots setzte sich vor allem unter den Sunniten durch, die die Mehrheit der Muslime stellen. Jedoch existieren Ceylan zufolge zahlreiche Malereien und Darstellungen von Mohammed.

„Es gibt in der islamischen Geschichte Kunst. Wichtig war vor allem die Kalligrafie-Kultur, in der auch später Tiere und Menschen dargestellt wurden.“ In Moscheen oder Koranhandschriften fänden sich allerdings so gut wie keine Bilder von lebendigen Wesen. Der Islamwissenschaftler erklärt: „Den Namen Mohammeds findet man in Moscheen nur in Kalligrafie-Form.“

Am Mittwoch erscheint die neue Ausgabe der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Drei Millionen Mal soll die neue Ausgabe der Satirezeitung gedruckt werden und in 16 Sprachen erscheinen. Die Titelseite ziert die Karikatur eines weinenden Mohammeds, der in seinen Händen ein Schild mit der Aufschrift „Je suis Charlie“ hält.


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