Warum die Gegner von Stuttgart 21 nicht aufgeben Demo gegen Mammutprojekt Stuttgart 21: Wut zur Lücke

Montagsdemo, die Zweihundertfünfzigste: Die Gegner des Bahnprojektes Stuttgart 21 stehen am 8. Dezember vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Foto: dpaMontagsdemo, die Zweihundertfünfzigste: Die Gegner des Bahnprojektes Stuttgart 21 stehen am 8. Dezember vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Foto: dpa

Stuttgart. „Spinner“, schimpft ein Mann, schlägt unwirsch den Kragen seiner regengrauen Jacke hoch und kämpft sich im Zickzack durch die Menschenmenge, die ihn schnell verschluckt. Wer an diesem kalten Dezemberabend von der Stuttgarter Einkaufsmeile Königstraße Richtung Hauptbahnhof möchte, kommt um die 250. Montagsdemo gegen den umstrittenen Bahnhofsneubau Stuttgart 21 nicht herum. Dabei läuft der milliardenschwere Bahnhofsneubau bereits.

Auch wer nicht direkt in den Protest gerät, bekommt den Zorn zu spüren: Die Demonstranten blockieren eine der Verkehrsadern der ins Tal gedrängten Stadt, und das kurz vor Weihnachten, mitten im Feierabendverkehr.

So etwas trifft die Hauptstadt Baden-Württembergs, die Heimat von Mercedes und Porsche, die aber auch den zweifelhaften Titel „Stauhauptstadt“ trägt. Doch die Demo der Stuttgart-21-Gegner darf hier stattfinden, zuvor hatten sich die Veranstalter die Erlaubnis dafür erstritten. Während der umstrittene Bahnhofsneubau mittlerweile aus den Schlagzeilen verschwunden ist, geben die Gegner vor Ort nicht auf. Es ist die 250. Montagsdemo gegen S21.

Stuttgarts Wutbürgertum besteht aus unübersichtlich vielen Gruppen, bundesweit bekannt sind wohl die „Parkschützer“ oder das „Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21“. Sie alle treibt seit fünf Jahren das Bahnprojekt auf die Palme und die Straße. So unterschiedlich die Motivation, so einig sind sich die Projektgegner im Ziel: Sie wollen Stuttgart 21 stoppen. Das Milliarden-Euro-Vorhaben schade der Umwelt, der Stadt, der Infrastruktur, dem Steuerzahler. Es sei unwirtschaftlich, überflüssig und überhaupt das „dümmste Großprojekt seit dem Turmbau zu Babel“. Nur: Der Bau von S21 hat längst begonnen.

Neben dem provisorischen Tunnel, der Reisende derzeit zu den Bahnsteigen des Stuttgarter Hauptbahnhofs führt, klafft ein Loch. Schweres Gerät reißt den Boden auf, mehr als acht Meter tief ist die Grube, 16 Meter müssen es werden. Der ganze Bahnhof soll unter die Erde verlegt werden, ein kompliziertes Mammutprojekt, dessen Dimension sich erst auf Luftbildern vollends erschließt. Mitten im Herzen Stuttgarts befindet er sich, der alte Kopfbahnhof, erbaut im Ersten Weltkrieg. Er soll ersetzt werden durch einen um 90 Grad gedrehten, unterirdischen Durchgangsbahnhof. Ist der Bahnhof samt Gleisen erst vergraben, werden oben rund 100 Hektar Fläche frei. Filetstücke, die der Stadt „richtig Geld bringen“ – der eigentliche Grund für den Bau, wie ein empörter S-21-Gegner erklärt. Seinen Namen möchte er lieber nicht in der Zeitung lesen.

Geschehen soll das alles bei laufendem Zugbetrieb, bis 2021 sollte S 21 (daher der Name) fertig sein. Schon jetzt ist dieser Termin illusorisch. Und wie es sich für ein deutsches Großprojekt gehört, dauert es nicht nur länger, sondern kostet auch mehr: Inzwischen verschlingt das Projekt, für das Tunnel mit einer Gesamtlänge von mehr als 59000 Meter durch Stein und Erdreich getrieben werden sollen, geschätzte 6,5 Milliarden Euro, vielleicht auch mehr. 1995 ging man von umgerechnet 2,45 Milliarden aus. Gestemmt werden die Kosten per Mischfinanzierung von Bund, Land, Stadt, dem Flughafen, dem Verband Region Stuttgart sowie der Bahn.

Rund 20 Jahre wurde geplant, verworfen, debattiert, angepasst und abgestimmt. Das Projekt hat alle parlamentarischen Hürden genommen. Dennoch entbrannte der Volkszorn. Heiner Geißler, graue Eminenz der CDU, versuchte die Schlichtung. Am Ende gab der – ebenfalls umstrittene –Volksentscheid 2011 endgültig grünes Licht.

Nun wird gebaut. Der erste grüne Oberbürgermeister der Stadt, Fritz Kuhn, findet das immer noch nicht gut, fügt sich jedoch den Tatsachen. Ein Fakt, der einige Wutbürger noch wütender macht, gaben sie ihm doch auf dem Höhepunkt des Streits ihre Stimme.

Unterdessen sind fast 1700 Meter Tunnelröhre fertig, das Stadtbild ist übersät mit Baustellen, die alle irgendwie zu S21 gehören. Da, wo der Mittlere Schlossgarten war, klafft eine Lücke. 108 Bäume wurden gefällt, 68 umgesetzt.

Trotz des unübersehbaren Baufortschritts gibt es allmontaglich die Gegendemo vor dem Rathaus, mal mit einigen Hundert, mal mit mehr Teilnehmern. Zur 250. Montagsdemo sammeln sich die Gegner auf dem Arnulf-Klett-Platz, direkt vor dem Hauptbahnhof. Es wird gepfiffen, gerufen, gesungen. Lautsprecher verbreiten die Reden der Wortführer über den Platz. „Oben bleiben!“, tönt es. „Oben bleiben“, prangt auf Buttons, Schildern, Taschen, Luftballons.

Sind das alles Spinner? Wohl kaum. Versammelt sind vielmehr mehrere Tausend ernsthafte, auch leidenschaftliche Gegner des Mammutprojekts. Viele haben die Jahre des Protests zu Experten gemacht. Sie erklären ausführlich, weshalb das Projekt einen „geringen bahntechnischen Nutzen“ habe, weshalb die versprochene „Leistungserhöhung“ durch S21 nicht gelingen könne, warnen vor gefährlicher „Längsneigung der Bahnsteiggleise“, kritisieren das „unzureichende Brandschutzkonzept“ und brandmarken das „Grundwassermanagement“ als „unkalkulierbares Risiko für die Mineralquellen“ der Stadt.

Argumente, die nicht alle, aber vielfach schlüssig wirken. In der Mahnwache am Bahnhof – die seit fünf Jahren rund um die Uhr besetzt ist – gibt es Infomaterial zuhauf, dazu Alternativkonzepte. „Alle besser als diese Geldvernichtungsgrube“, sagt einer der Protestler. Schon entbrennt eine lebhafte Diskussion um die beste Alternative. Stuttgart 21 polarisiert. Jedes noch so kleine Detail eignet sich zum ausufernden Diskurs. Wie das abläuft, offenbart dieses Beispiel:

Nach der 250. Demo sprechen die Veranstalter von 7000 Teilnehmern, die Polizei von 3700. Wie viele es wirklich waren und wer wohl die Unwahrheit sagt, wird Gegenstand einer unerquicklichen Internetdebatte.

Derweil schreitet der Bau voran. Und die Gegner? Sie bereiten die nächste Montagsdemo vor. Ein Ende ist nicht abzusehen.


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