Symbolfigur der Einheit Der Mann, der auf der Mauer stand



Berlin/Bremen. Ein Mann, der am 12. November 1989 auf der Mauer steht: Erik Roßbander wurde dank eines Fotos zur Symbolfigur der Einheit.

Ein junger Mann steht lässig auf der Mauer und erhebt seine Hände lächelnd zu einem doppelten Victory-Zeichen. In den vergangenen 25 Jahren hat diese Szene vielen internationalen Zeitungen und Magazinen als Titelbild gedient, zuletzt wieder beim Mauerfall-Jubiläum im vergangenen November. Das Bild vom Mann auf der Mauer wurde in der Werbung eingesetzt und von Berlin-Touristen als Postkarte in alle Welt geschickt. Es ziert Bücher, CD-Cover und Gedenkmedaillen. Das Foto zeigt den Schauspieler Erik Roßbander. Als er vor einem Vierteljahrhundert am Potsdamer Platz auf die Mauer kletterte, konnte er nicht ahnen, dass ihn seine Spontanaktion zu einer Symbolfigur der Einheit machen würde.

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Zeit für ein Gespräch über seine Erinnerungen an den November 1989 findet Roßbander zwischen zwei Proben der Bremer Shakespeare Company. Zum Repertoire des heute 54-Jährigen, der als Junge in Kurt Masurs Kinderchor sang, zählen der Zauberer Prospero in „Der Sturm“ und die Titelrollen in „König Lear“ und „Macbeth“.

Dass er es war, der damals am Potsdamer Platz auf der Mauer stand, daraus hat der 1960 in Dresden geborene Schauspieler gegenüber Freunden und Kollegen nie ein Geheimnis gemacht. Doch hausieren ging er mit seiner Geschichte nicht. Und so kommt es, dass die Identität des Mauerkletterers bislang nur einem kleinen Kreis bekannt gewesen ist.

Berühmte Szene

Als der Associated-Press-Fotograf Lionel Cironneau auf den Auslöser seiner Kamera drückte und die berühmte Szene festhielt, war es Sonntagmorgen, der 12. November 1989. Seit Günter Schabowski drei Tage zuvor in einer schicksalhaften Pressekonferenz wider Willen die sofortige Öffnung der Grenze besiegelt hatte („das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“), ebbte die Partystimmung in Ost und West nicht mehr ab. In der Nacht waren schwere Baufahrzeuge vorgefahren, und Arbeiter hatten am Potsdamer Platz ein Stück aus der Mauer gebrochen. Im früheren Herzen Berlins sollte ein provisorischer Übergang eingerichtet werden. DDR-Grenzer bereiteten sich darauf vor, einen zwar ungehinderten, aber dennoch wohlgeordneten Grenzübertritt zu organisieren. Zelte wurden aufgebaut und Absperrgitter bereitgelegt. Doch die Realität sollte alle Bemühungen der sichtlich überforderten Beamten zunichtemachen, die Situation nach obrigkeitsstaatlichen Vorstellungen zu gestalten. Immer mehr Menschen strömten heran, um den historischen Moment mitzuerleben und zu den Ersten zu gehören, die an diesem symbolträchtigen Ort durch das Loch in der Mauer gehen. Die Menge skandierte: „Wir wollen Frühstück auf dem Alex.“

Teil der Masse

Teil der Masse war Erik Roßbander. Am Abend des 9. November hatte der 29-Jährige noch in Magdeburg auf der Bühne gestanden und die Hauptrolle in dem Stück „Schade, dass sie eine Hure war“ von John Ford gespielt. Während der junge Mime sich keine Ablenkung leisten konnte, hatten seine Kollegen hinter der Bühne jede freie Minute genutzt, um ihre Ohren an die Radios zu pressen. Denn spätestens nach der Massendemonstration am 4. November in Leipzig habe jeder gespürt, dass etwas in der Luft liegt, erinnert sich Roßbander. Jede Nachrichtensendung und Pressekonferenz wurde gespannt verfolgt. Als Roßbander nach dem Schlussapplaus endlich abgehen konnte, blickte er in strahlende Gesichter: Du, stell dir vor, im Radio sagen sie, dass in Berlin und Helmstedt die Ersten über die Grenze gehen. – „Als ich auf die Bühne ging, stand die Mauer noch, als ich runterging, war sie gefallen“, fasst Roßbander den unvergesslichen Abend zusammen. Wie im Rausch sei er nach Hause geeilt. „Da habe ich dann erst mal geheult – vor Freude und vor Erleichterung.“

Probe angesagt

Am nächsten Tag stand im Theater eigentlich eine Probe an. Doch die wurde kurzerhand abgesagt. Es wäre sowieso niemand gekommen. „Und dann war da ein Student, der hatte ein Auto, und der sagte: Ich fahre nach Berlin, wollt ihr mitkommen? Und wir haben gesagt: Klar fahren wir mit.“

Wenig später fielen Roßbander und seine Frau einem gemeinsamen Freund um den Hals, der seit einigen Jahren in West-Berlin lebte. In den kommenden Stunden ließ sich das Trio durch die Stadt treiben und genoss die Atmosphäre. „Bands spielten spontane Konzerte, es gab Freibier – es war wie eine riesige Oper“, erinnert sich der 54-Jährige. Und als die drei Freunde erfuhren, dass am Sonntagmorgen am Potsdamer Platz die Mauer geöffnet werden sollte, wollten sie den historischen Moment miterleben. Doch sie kamen wenige Minuten zu spät: Die riesige Menschenmenge, die sich versammelt hatte, blockierte die Sicht auf das Geschehen. Auch die Aussichtsplattformen, die von der Westseite aus einen Blick über die Mauer ermöglichten, waren längst völlig überfüllt.

Verhasstes Bauwerk

Da fielen dem jungen Mann die Absperrgitter auf, die die DDR-Staatsmacht vorsorglich bereitgelegt hatte. Nun lagen sie nutzlos herum. Roßbander griff zu. Er lehnte eines der Gatter gegen die Mauer, kletterte hoch – und schon saßen zunächst er und dann sein Freund auf dem verhassten Bauwerk. Wenig später hatten sie einen Logenplatz, als der West-Berliner Bürgermeister Walter Momper und sein Ost-Berliner Amtskollege Erhard Krack direkt zu ihren Füßen, von Fotografen und Kameraleuten umringt, ihren historischen Händedruck tauschten. Dann gab es kein Halten mehr: Die Masse strömte durch das Mauerloch.

Inzwischen waren viele weitere Menschen Roßbanders Beispiel gefolgt und auf die Mauer geklettert. „Ich war der Erste. Und dann wurde es voll und voller.“ Doch warum stand er irgendwann auf und wurde so zum Helden von Cironneaus berühmtem Foto? „Es war schweinekalt“, erinnert sich der 54-Jährige, er habe sich ganz einfach etwas bewegen wollen. Auf der Mauer habe man im Übrigen ganz gut stehen können. „Das sieht auf dem Foto wackliger aus, als es war.“ Und wie kam es zum Victory-Zeichen? Roßbander weiß es nicht mehr genau. Eine bewusste Geste in Richtung der vielen Foto- und Filmkameras sei es auf jeden Fall nicht gewesen. „Das war einfach spontan.“

Zurück nach Magdeburg

Wenige Stunden nach den Erlebnissen vom Potsdamer Platz fuhren Roßbander und seine Frau zurück nach Magdeburg. Abends stand er wieder auf der Bühne und spielte für eine Handvoll Leute, die trotz allem den Weg ins Theater gefunden hatten.

Roßbander blieb noch ein gutes halbes Jahr in Magdeburg. Er erfüllte die letzten Monate seines Vertrages, der am 31. Juli 1990 auslief. Bereits einen Tag später war er in Bremen und absolvierte seinen ersten Arbeitstag bei der Shakespeare Company.

Der selbstverwalteten Bühne ist er bis heute treu geblieben – auch wenn ein renommierter Shakespeare-Darsteller wie er an einem subventionierten Stadttheater deutlich mehr Geld verdienen könnte. Doch eine Hierarchie mit Abteilungsleitern und einem mächtigen Intendanten an der Spitze ist nichts für einen Menschen, der sich schon zu DDR-Zeiten nichts vorschreiben lassen wollte – schon gar nicht, was er zu denken hatte. So viel Mühe der Staatsbürgerkunde-Lehrer sich auch gab: Erik Roßbander konnte sich nicht für Karl Marx erwärmen, dessen Lehre in seinen Augen „wie eine kalte Mathe-Aufgabe daherkommt und immer den Menschen außen vorlässt, mit seinen Nöten und mit seinen genialen Fähigkeiten“. Stattdessen faszinierten den jungen Mann die Idee der Europäischen Union mit ihren offenen Grenzen und die Bürgergesellschaft der Bundesrepublik. „Mir war klar: Das ist meine Zukunft. Ich lasse mir das nicht wegnehmen und mich nicht dominieren von irgend so einer Ideologie.“

Stets ein Freigeist gewesen

Umso besorgter beobachtet der Schauspieler heute das Treiben der Pegida-Bewegung in Sachsen („das ist mir hochpeinlich“), und es enttäuscht ihn, „dass sich die SPD zum nützlichen Idioten macht“ und in Thüringen einen Ministerpräsidenten der Linkspartei ins Amt hievt. Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall seien viele Bürger offenbar wieder auf der Suche nach der Führung durch eine starke Obrigkeit. Für Roßbander ist das unverständlich. Sein Leitmotiv bleibt das Streben nach Selbstbestimmung und Freiheit. So wie am 12. November 1989, als er als Einziger erkannte, dass ein Absperrgitter, das eigentlich hergestellt wurde, um Menschen zurückzuhalten, auch eine Leiter sein kann, mit der sich ein Hindernis überwinden lässt. „Jeder kann es machen, aber keiner sieht es. Und ich sehe es und tue es.“ Er sei eben stets ein Freigeist gewesen. „Und das ist ein Geschenk, das man nur dankbar annehmen kann.“


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