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Zehn Jahre nach Jahrhundertflut Gebete und Tränen: Die Welt gedenkt der Tsunami-Opfer

Von dpa



Banda Aceh/Khao Lak. Mit Trauer und Schmerz haben die Menschen weltweit am zweiten Weihnachtstag der Opfer des katastrophalen Tsunamis vor zehn Jahren gedacht. Fast eine Viertelmillion Menschen kamen damals in 14 Ländern ums Leben, Zehntausende wurden verletzt Millionen verloren ihr ganzes Hab und Gut.

Viele Teilnehmer äußerten bei den Gedenkveranstaltungen und Zeremonien rund um den Indischen Ozean aber auch Dankbarkeit. Der Dank ging vor allem an die unzähligen Helfer, die damals in Indonesien, Thailand, Indien, Sri Lanka und anderen Ländern schnell vor Ort waren.

In der Touristenregion von Khao Lak in Südthailand beteten deutsche Seelsorger am Strand mit mehr als 100 Angehörigen von Opfern und Überlebenden. «Viele Wunden sind verheilt, aber viele Wunden wirken nach», sagte Seelsorger Uwe Rieske. «Viele Menschen sagen auch, dass sie an Stärke gewonnen haben.» Der damals 15-jährige Ben Atréu Flegel hatte die Katastrophe miterlebt. «Mein Blut ist in diese Erde geflossen», sagte er. Er konnte sich schwer verletzt retten. Seine Großeltern kamen um.

Unter den rund 8000 Toten in Thailand waren mehr als 1000 ausländische Touristen, die in der Region Khao Lak Weihnachtsurlaub machten. Darunter waren Hunderte Deutsche. Viele Angehörige waren zum zehnten Jahrestag zum ersten Mal wieder in Thailand.

Familien, Freunde, Ehepaare standen dort in stillem Gedenken an verlorene Eltern, Kinder, Geschwister und Bekannte minutenlang am Strand. Anders als vor zehn Jahren, als die Katastrophe bei strahlendem Sonnenwetter hereinbrach, ging am Freitag erst Nieselregen und dann ein heftiger Wolkenbruch nieder. «Der Himmel weint mit», hieß es.

Bundespräsident Joachim Gauck hob in einem Grußwort die Hilfsbereitschaft hervor: «Einheimische und Touristen fanden damals in einer Schicksalsgemeinschaft zusammen, die bis heute spürbar ist», hieß es in der Botschaft, die verlesen wurde. In der schwer betroffenen Provinz Aceh in Indonesien äußerte sich Vizepräsident Jusuf Kalla ähnlich. «Ich habe noch nie eine so außergewöhnliche Solidarität und Großzügigkeit erlebt», sagte er. «Sogar die Kinder aus aller Welt, von Deutschland bis zu den Vereinigten Staaten, haben ihre Sparschweine geknackt und den Tsunami-Opfern Geld geschickt.»

Aceh lag am nächsten am Zentrum des Bebens, das den Tsunami auslöste. Über die Küste brachen teils 20 Meter hohe Wellen herein. Allein 170 000 Menschen kamen dort ums Leben. Von der Provinzhauptstadt Banda Aceh waren fast nur Trümmerberge und Mauerreste übrig. «Ich habe zwei Kinder verloren, aber ich weiß nicht, wo sie beerdigt sind», sagte die 51 Jahre alte Maimunah an einem Massengrab. «Aber hier bete ich für alle Opfer.»

In Sri Lanka fuhr ein Sonderzug mit Überlebenden bis zu genau der Stelle in Peraliya, wo damals eine gewaltige Welle die Bahn traf. Der Sonderzug führte Lok und Waggons von damals mit, wie Organisator Ralph Gunawardena sagte. Der Zug sei nach dem Unglück restauriert worden. Die tonnenschweren Waggons waren aus den Schienen gerissen worden. Rund 1600 Insassen kamen um. Die überlebenden Passagiere - darunter auch der Schaffner von damals - gedachten der Opfer. Einige brachten alte Fahrkarten von damals und Fotos der Toten mit.

In Indien kamen Menschen auch zu Gebeten zusammen. Auf den schwer getroffenen Andamanen und Nikobaren-Inseln hielten Trauernde vor dem Tsunami-Denkmal in Port Blair zwei Minuten schweigend inne. Im Süden des Subkontinents setzten viele Dorfbewohner Süßigkeiten und Blumen ins Meer. In staatlichen Schulen wurde der vielen Kinder gedacht, die umkamen.


Am zweiten Weihnachtstag 2004 verwüsteten gewaltige Flutwellen die Küsten des Indischen Ozeans. Bei der größten Tsunami-Katastrophe seit Menschengedenken kamen rund 230 000 Menschen ums Leben. Ein Rückblick:

26. Dezember 2004: Um 7.59 Uhr Ortszeit (1.59 Uhr MEZ) erschüttert ein Seebeben der Stärke 9,1 bis 9,3 den Grund des Ozeans vor der Nordwestküste Sumatras. Die Wellen breiten sich binnen Stunden bis an die Küsten Afrikas aus.

27. Dezember: Die Vereinten Nationen sprechen von einer Katastrophe ohne Beispiel. Internationale Hilfsaktionen laufen an.

30. Dezember: Der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan geht von mindestens 115 000 Toten aus. Ein Lazarett-Flugzeug der Bundeswehr holt mehr als 50 Schwerverletzte aus dem Krisengebiet.

31. Dezember: Indonesien ist besonders schwer von der Flut betroffen, die Regierung rechnet mit mindestens 100 000 Opfern im Land.

1. Januar 2005: Mehr als tausend deutsche Touristen gelten noch als vermisst. Der US-Flugzeugträger „USS Abraham Lincoln“ trifft vor Sumatra ein, um die Opfer mit Hilfsgütern zu versorgen.

2. Januar: Die internationalen Hilfszusagen steigen auf mehr als zwei Milliarden Dollar.

4. Januar: Die UN rechnen mit mehr als 200 000 Flutopfern.

5. Januar: Mit Schweigeminuten gedenkt Europa der Opfer. Die Bundesregierung stockt ihre Finanzhilfe auf 500 Millionen Euro auf. Dazu kommen in den folgenden Monaten 670 Millionen Euro private Spenden allein aus Deutschland.

14. März: Das deutsche Tsunami-Frühwarnsystem wird offiziell an Indonesien übergeben.

19. März: Nach ihrem Einsatz in Indonesien kehren die letzten Sanitätssoldaten der Bundeswehr nach Deutschland zurück. Die 380 Soldaten haben mehr als 3000 Menschen medizinisch versorgt.

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