Streit um Deutsche Bahn Verspätete Züge: Grünen-Fraktionschef Hofreiter sieht Regierung in der Pflicht

Von Melanie Heike Schmidt

Fordert ein Eingreifen der Bundesregierung: Anton Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Foto: dpaFordert ein Eingreifen der Bundesregierung: Anton Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Foto: dpa

Osnabrück. 3787237 Minuten. Das sind 2630 Tage, mehr als sieben Jahre. So hoch ist die Summe an Verspätungen, die Fernreisende der Deutschen Bahn allein im Jahr 2013 ertragen mussten. Wie das Problem gelöst werden kann, ist umstritten. Während die verkehrspolitischen Sprecher von Union und SPD, Ulrich Lange und Kirsten Lühmann, im Gespräch mit unserer Redaktion der Bahn Fortschritte attestieren, spricht Grünen-Fraktionschef von einer „verfehlten Strategie“.

Die Zahl von fast 3,8 Millionen Verspätungsminuten im Jahr 2013 im deutschen Fernverkehr stammt aus der Antwort der Bundesregierung auf eine 136 Einzelfragen umfassende Große Anfrage der Linken. Und sie sorgte für reichlich Aufregung.

Die Gründe, weshalb ein Zug zu spät abfährt oder ankommt, sind vielfältig: 2013 bremste das Elbe-Hochwasser, 2010, als der Wert mit 3,81 Millionen Minuten einen Rekord erreichte, war es der schneereiche Winter, fast immer gibt es Bauarbeiten. Und auch anderes stört: „Gegen mutwillige Eingriffe in den Bahnverkehr, Personen im Gleis, extreme Witterung oder Streiks können wir nur bedingt etwas tun“, formuliert es Bahnvorstand Ulrich Homburg.

Streiks, Bauarbeiten, Wetter

Unter den Lokführerstreiks hat die Pünktlichkeit der Bahn vor allem im Fernverkehr schwer gelitten. Der Anteil unpünktlicher ICE und Intercitys ist seit Jahresbeginn deutlich gestiegen , wie aus der jüngsten Statistik der Deutschen Bahn hervorgeht. Auch Bauarbeiten trugen nach Angaben des Unternehmens zu den schlechteren Werten bei.

Noch im Januar lag die Quote pünktlicher Fernzüge bei 85,5 Prozent. Sie ging dann fast in jedem Monat zurück bis auf 71,7 Prozent im Juli. Im September waren es dann 66,4 Prozent und im Oktober 68,4 Prozent. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hatte im Tarifkonflikt mit der Bahn seit Anfang September sechsmal zu bundesweiten Streiks aufgerufen.

Immerhin: Die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) hat versprochen, über Weihnachten nicht zu streiken. Das kündigte GDL-Chef Claus Weselsky am Dienstag an.

Nahverkehr punktet

In den vergangenen zehn Jahren hat die Summe der Zugverspätungen im Fernverkehr zugenommen, im Nahverkehr wurde sie kleiner. Das geht aus einer Auflistung der Bahn für die Jahre 2004 bis 2013 vor. Dabei gab es starke Schwankungen. Im Fernverkehr sammelten sich 2004 rund 2,92 Millionen Verspätungsminuten an, der Rekordwert wurde 2010 mit 3,81 Millionen erreicht, 2013 waren es 3,78 Millionen. Im Nahverkehr kamen 2004 etwa 15,35 Millionen Minuten zusammen, 2013 waren es nur noch 12,01 Millionen.

Die Bundesregierung hat diese Zahlen in einer Antwort auf eine Große Anfrage der Linke-Fraktion im Bundestag veröffentlicht, über die die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ (Dienstag) berichtete.

Eine Übersicht, die die Bahn am Dienstag publik machte, zeigt, dass der Anteil pünktlicher Fernzüge von 81,2 Prozent 2009 auf 73,9 Prozent 2013 zurückgegangen ist. Im Nahverkehr lagen die entsprechenden Durchschnittswerte in diesem Zeitraum zwischen 91,0 und 95,1 Prozent.

CDU: Nicht jede Minute auf die Goldwaage legen

Ulrich Lange, verkehrspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, lenkt in einem Gespräch mit unserer Redaktion den Blick auf den Nahverkehr: „Wenn man sich vor Augen führt, mit welchen Herausforderungen die Deutsche Bahn allein 2013 kämpfen musste, kann sich ein Pünktlichkeitswert für alle Nah- und Fernverkehrszüge von 94 Prozent sehen lassen.“ Im Jahr 2013 hätten „Unwetter, Hochwasser mit Streckensperrungen, nicht gesicherte Bergwerksstollen im Ruhrgebiet und Straftaten wie Kabelklau vor allem den Fernverkehr beeinträchtigt“, fügte Lange hinzu. „Da sollte man die Kirche im Dorf lassen und nicht jede Minute auf die Goldwaage legen“, forderte er.

GDL: Keine Streiks an Weihnachten

„Die Bahnkunden können froh sein, wenn sie von Streiks verschont werden“, schloss Lange mit Blick auf die Lokführerstreiks. Immerhin: Die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) hat versprochen, über Weihnachten nicht zu streiken. Das kündigte GDL-Chef Claus Weselsky am Dienstag an.

SPD verweist auf gestiegene Fahrgastzahlen

Kirsten Lühmann, verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, rät, auch die Hintergründe zu betrachten. In einem Gespräch mit unserer Redaktion sagte sie: „Die Zahl im Jahr 2013 ist zu hoch, damit kann man nicht zufrieden sein. Allerdings ist sie nicht so dramatisch, wie vielfach dargestellt.“ Im Vergleich zu anderen Jahren, etwa 2010, sei der Wert von 3,78 Millionen Minuten Zugverspätungen im Fernverkehr gesunken. Damals wurden 3,81 Millionen Minuten Verspätung im Fernverkehr gezählt. Lühmann erinnerte an die Jahrhundertflut 2013. „Außerdem hat sich die Zahl der von der Bahn beförderten Personen in den vergangen 20 Jahren massiv erhöht“, sagte die Verkehrsexpertin. Dies müsse man ebenfalls bedenken.

Positiv sei, dass sich im Gegensatz zum Fernverkehr beim Nahverkehr die Verspätungen verringert hätten. „Das liegt zum Teil an den kürzeren Strecken, aber zu einem großen Teil auch am Wettbewerb, der sich durch private Anbieter erhöht hat“, schätzte die SPD-Politikerin ein.

Problem: schleppende Zugzulassung

Dennoch sieht Lühmann die Bahn in der Pflicht. Ein Problem sei die Zulassung neuer Züge, dies dauere noch zu lange . Hier aber habe die Bundesregierung bereits ein neues Verfahren zur Verbesserung auf den Weg gebracht. Um bei Verspätungen den Frust der Fahrgäste nicht noch zu mehren, müsse sich überdies die Kommunikation bei der Bahn noch deutlich verbessern. Aber auch hier tue sich etwas. Neuerungen wie etwa die neue Bahn-App „Zugradar“ zeigen, dass die Bahn massiv an Verbesserungen arbeite. „Wenn diese Infos der App auch noch an den Anzeigetafeln der Bahnsteige ankommen, ist viel gewonnen“, sagte sie.

Der Bahnreform, die vor 20 Jahren gestartet worden war, stellte Lühmann unterm Strich ein gutes Zeugnis aus. „Es ist vieles, aber längst nicht alles besser geworden. Aber passiert ist etwas, und das ist das Entscheidende.“

Grüne: Auf Kosten der Fahrgäste

Anton Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion der Grünen , fordert ein Eingreifen der Regierung. In einem Gespräch mit unserer Redaktion sagte er: „Diese Statistik ist das Ergebnis einer verfehlten Firmenstrategie von Rüdiger Grube und einer gleichgültigen Bahnpolitik der Bundesregierung.“ Bahnchef Rüdiger Grube wolle die Deutsche Bahn „auf Kosten der Fahrgäste zu einem Weltkonzern aufbauen“, kritisierte Hofreiter. Dabei dürfe Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) „nicht länger zusehen“, verlangte er. Die Deutsche Bahn AG solle sich „endlich darauf konzentrieren, das Schienennetz wieder flott zu machen, statt sich in internationalen Beteiligungen zu verzetteln“, erklärte Hofreiter.

Trübe Aussichten für

Verbesserungen bei den Verspätungen im Fernverkehr sind aller Voraussicht für das laufende Jahr nicht zu erwarten. Hier verhageln vor allem die Lokführerstreiks die Pünktlichkeitsstatistik der Bahn. Demnach kamen in diesem Herbst nur zwei Drittel der Fernzüge pünktlich an.

Pünktlich ist relativ

Pünktlich heißt im Übrigen: weniger als sechs Minuten zu spät. Nicht in die Statistik kommen komplett ausgefallene Züge oder verpasste Anschlusszüge. Das geht auch anders, wie die Linken ebenfalls in ihrer Anfrage monierten. In der Schweiz etwa zählen Züge schon ab drei Minuten Verzögerung als zu spät. Und in Japan gilt ein Zug, auf den Reisende mehr als eine Minute warten müssen, als verspätet. (Mit dpa)