Agenten in der „Frontstadt“ Verräter, Spione und Helden zwischen DDR und BRD

Von Frank Wiebrock


Berlin. Männer, die mit hochgeschlagenem Kragen durch dunkle Gassen hetzen. Grimmig schauende Grenzsoldaten, die mit Maschinenpistolen im Anschlag in die Nacht lauschen. Und eine fast unüberwindbare Mauer, die eine Enklave der Freiheit umringt: Berlin bietet den Stoff, aus dem Agentenromane gewoben sind.

Wo bis zur Wiedervereinigung die Systeme direkt aufeinandertrafen, wurde nicht nur politische Geschichte geschrieben, sondern auch die von Spionen, Verrätern und Überläufern. Vier Fälle aus einer geteilten und trotzdem gemeinsamen Vergangenheit. Um es vorweg zu nehmen: „Spionieren“, das machen immer die anderen. Die eigenen Behörden definieren ihre Tätigkeit lieber als „Aufklärung.“ In dem dunklen Gewerbe geht es aber um mehr als Informationsbeschaffung. Besonders in geteilten Staaten, in denen sich zudem konkurrierende Gesellschaftssysteme gegenüber stehen. Es geht auch darum, den anderen zu treffen und zu destabilisieren. In dieser Disziplin scheint die DDR der Bundesrepublik haushoch überlegen gewesen zu sein.

Plötzlich ist der Chef des Verfassungsschutzes abgetaucht

John oder Guillaume? Welches nun der größere Coup des DDR-Geheimdienstes war, lässt sich im Rückblick schwer beurteilen. Für mehr Aufsehen dürfte der Fall Otto John gesorgt haben, der die noch junge Bundesrepublik im Juli 1954 erschütterte.

Otto wer? Otto John. Der Jurist wurde 1950 zum ersten Präsidenten des neuen Bundesamtes für Verfassungsschutz ernannt. Erstaunlicherweise: Er hatte sich an den Vorbereitungen des Attentates auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt, sein Bruder war dafür von der SS hingerichtet worden. Nach dem Krieg hatte John sowohl in den Nürnberger Prozessen als auch später gegen von Manstein ausgesagt. Eine Biografie, die in der jungen Bundesrepublik nicht unbedingt eine Empfehlung war. Bundespräsident Heuss machte sich trotzdem für ihn stark.

Ist Otto John ein Verräter?

Dann die Katastrohe: Am 20. Juli 1954 – zehn Jahre nach dem geschichtsträchtigen Attentat auf Hitler – verschwindet John und taucht kurze Zeit später in der DDR wieder auf. Im Radio und auf Pressekonferenzen kritisiert er Adenauers Westintegration und die sich abzeichnende Wiederbewaffnung, die eine Wiedervereinigung torpediere, aber auch den wachsenden Einfluss ehemaliger Nationalsozialisten. Zum Beispiel beim Bundesnachrichtendienst, dessen Chef Reinhard Gehlen weiter seine alten Kameraden protegiert. Für die DDR ein Triumph: Der Beschützer der BRD-Verfassung, ein ausgewiesener Anti-Faschist, wechselt die Seiten, klagt öffentlich an.

Am 12. Dezember 1955 ist John dann plötzlich wieder zurück in der BRD: Geflohen sei er, seinen Bewachern entwischt, wie er sagt. Dass er entführt worden sei, glaubt ihm das Gericht nicht – es verurteilt John zu vier Jahren Zuchthaus. Möglicherweise zu Unrecht: Es gibt inzwischen Indizien und Hinweise, dass er tatsächlich nicht freiwillig die Seiten gewechselt hat.

Überläufer im Interzonenzug

Rund 30 Jahre später trifft es den Verfassungsschutz erneut hart: Hansjoachim Tiedge, Gruppenleiter für die Spionageabwehr DDR, steigt am 19. August 1985 in einen Interzonenzug und stellt sich den DDR-Grenztruppen. Kein Vorzeige-Überläufer, auch wenn er von der DDR-Spitze zum „Kundschafter des Friedens“ erklärt wird. Sein eigentlicher Wert ist in dem mindestens doppelbödigen Spiel der Geheimdienste dagegen fast unbezahlbar: Endlich kann die DDR längst durch Topagenten beim Verfassungsschutz und MAD beschafftes Wissen frei nutzen, ohne die eigenen Kundschafter zu gefährden. Eine seltene Gelegenheit.

Flucht in den Westen

Fünf Jahre zuvor hatte dagegen der BND einen großen Erfolg gefeiert: Werner Stiller war am 19. Januar 1979 aus dem Osten nach West-Berlin geflohen. Der Oberleutnant bei der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) der DDR hatte Gastgeschenke mitgebracht: die Namen etlicher DDR-Agenten. Stiller gab auch HVA-Chef Markus Wolf endlich ein Gesicht: Er identifizierte ihn auf einem Gruppenbild. Die Bilanz: Teile des Agentennetzes zerschlagen, der Chef an unerkannten Auslandsreisen gehindert und ein Mitarbeiter, der sich für den Westen, statt für die Segnungen des Sozialismus entschieden hat – viel mehr kann aus DDR-Sicht nicht schiefgehen. Entsprechend übel gelaunt war die Staatssicherheit, die Stiller laut „Spiegel“ nur zu gerne in die DDR zurückgebracht oder getötet hätte.

Ein Spion im Zentrum der Macht

Zu diesem Zeitpunkt war der zweite ganz große Coup der DDR schon Geschichte: ein Agent in unmittelbarer Nähe des Bundeskanzlers. Als persönlicher Referent und fast schon Freund Willy Brandts hatte Günter Guillaume ab 1972 Einblick in geheime Akten und die Entscheidungsabläufe, aber auch in das Privatleben des Kanzlers. Erst zwei Jahre später, am 24. April 1974, wurde Guillaume unter Spionageverdacht verhaftet.

Einen Agenten so platzieren – das erfordert neben Glück auch Geduld: Bereits 1956 hatte die Stasi ihren Maulwurf in den Westen geschickt und auf die SPD angesetzt. Dass er so weit kommen würde, konnte allerdings niemand ahnen oder planen. Guillaume wurde 1975 zu dreizehn Jahren Haft verurteilt, 1981 wurde er ausgetauscht. In der DDR war er ein Held.


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