Essebsi gegen Marzouki Stichwahl um Präsidentenwahl in Tunesien erwartet

Mit Vorsprung, aber ohne absolute Mehrheit: Béji Caïd Essebsi will Präsident in Tunesien werden. Foto dpaMit Vorsprung, aber ohne absolute Mehrheit: Béji Caïd Essebsi will Präsident in Tunesien werden. Foto dpa

kück/dpa Tunis. Die Wahl des neuen Präsidenten soll den Übergang Tunesiens zur Demokratie abschließen. Erste Prognosen sehen den 87-jährigen Essebsi vor dem Übergangspräsidenten Marzouki. Eine Stichwahl wird immer wahrscheinlicher.

Nach der ersten freien Präsidentenwahl in Tunesien seit dem Umsturz zeichnet sich eine zweite Runde ab. Der säkulare Politikveteran und frühere Regierungschef Béji Caïd Essebsi hatte nach ersten Prognosen zwar einen deutlichen Vorsprung vor den anderen Bewerbern. Er verfehlte jedoch nach diesen Prognosen vom Sonntagabend die absolute Mehrheit. Sein härtester Konkurrent war Übergangsstaatschef Moncef Marzouki. Die Wahlbeteiligung in Tunesien gab die Agentur TAP am frühen Montagmorgen mit 64,6 Prozent an.

Jetzt wird eine Stichwahl am 28. Dezember zwischen Essebsi und Marzouki erwartet. Dafür stehen die beiden Kandidaten:

Der 87-jährige Essebsi ist ein wahrer Politikveteran. Seine Partei Nidaa Tounes, die liberale und säkulare Kräfte, aber auch Anhänger des gestürzten Machthabers Zine el Abidine Ben Ali vereint, gewann im Oktober die Parlamentswahlen gut 39 Prozent der Stimmen. Nach dem Arabischen Frühling und der tunesischen Jasminrevolution war Essebsi von März bis Dezember 2011 bereits Ministerpräsident. Der Jurist sieht sich als Erbe des Staatsgründers Habib Bourguiba. In dem Städtchen Sidi Bou Said nahe der Hauptstadt Tunis am 29. November 1926 geboren, schloss sich der Angehörige einer Familie führender Grundbesitzer 1942 Bourguibas Kampf für die Unabhängigkeit an. Später wurde er Berater des Präsidenten, Chef der Staatssicherheit und unter anderem Innen-, Außen- und Verteidigungsminister.

Gegenkandidat Marzouki engagierte sich lange Jahre international für Menschenrechte. Der 69-Jährige reiste als Jugendlicher nach Indien, um mehr über Gandhis gewaltlosen Widerstand zu lernen. Später zog es ihn nach Südafrika, wo die Anti-Apartheids-Bewegung stärker wurde. In Frankreich studierte er Medizin und bekam 1973 den Doktortitel. Sechs Jahre später kehrte er nach Tunesien zurück und wurde Professor an der Universität in der Küstenstadt Sousse. In einem Armenviertel rief er ein medizinisches Zentrum ins Leben und wurde Gründer eines afrikanischen Netzwerks gegen Kindesmissbrauch. Wegen seiner Opposition zu Machthaber Zine el Abidine Ben Ali durfte er ab 1992 nicht mehr an staatlichen Universitäten lehren, mehrmals wurde er ins Gefängnis gesteckt. Später ging er ins französische Exil. Marzouki warnt vor einem Machtmonopol der Nidaa Tounes, sollte Essebsi Präsident werden. Zugleich sucht er die Nähe von Islamisten und verärgert damit viele Tunesier.

Vier Jahre nach der Jasminrevolution war es nun das erste Mal, dass die Tunesier demokratisch und direkt ihren Staatschef wählen durften.

Die Außenbeauftragte der EU, Federica Mogherini, würdigte den ruhigen Verlauf der Präsidentenwahl in Tunesien als „weitere Etappe des demokratischen Übergangs“. Die Tunesier müssten den Prozess nun transparent zu Ende führen.

Der staatliche Fernsehsender Tunisia 1 blendete während einer Wahlsendung Prognosen ein, wonach der 87-jährige Essebsi auf fast 48 Prozent kommt. Marzouki lag demnach bei knapp 27 Prozent. Mehrere Wählerbefragungen ergaben für Essebsi knapp 42 Prozent der Stimmen, knapp zehn Prozentpunkte mehr als Marzouki, wie die Agentur TAP berichtete.

Insgesamt waren mehr als fünf Millionen registrierte Wahlberechtigte aufgerufen, über 27 Kandidaten abzustimmen. Die islamistische Ennahda hatte keinen Kandidaten ins Rennen geschickt, um das Land nicht weiter zu spalten, wie die Partei erklärte

Tunesien ist das Geburtsland des Arabischen Frühlings. Nach dem Sturz des Langzeitherrschers Zine El Abidine Ben Ali Anfang 2011 begannen auch in Ägypten, Libyen, Syrien und anderen Ländern Massenproteste. Auf dem Weg zur Demokratie ist Tunesien seitdem am weitesten vorangekommen.


Tunesiens Weg zur Demokratie

17. Dezember 2010: Aus Verzweiflung über Behördenwillkür verbrennt sich ein Gemüsehändler selbst. Nach der Verzweiflungstat fordern Tausende Demonstranten Reformen. Es folgen anhaltende Massenproteste.

14. Januar 2011: Präsident Zine el Abidine Ben Ali flieht nach 23 Jahren an der Macht ins saudische Exil.

23. Oktober: Die gemäßigte islamistische Bewegung Ennahda (Wiedergeburt) um Rachid Ghannouchi gewinnt die Parlamentswahl.

13. Dezember: Moncef Marzouki wird als erster demokratisch gewählter Präsident vereidigt. Ennahda-Generalsekretär Hamadi Jebali wird Regierungschef, er tritt aber nur Wochen später im Streit zurück.

8. März: Die Islamisten präsentieren ein neues Kabinett mit politisch unabhängigen Experten. Regierungschef wird der Islamist Ali Larayedh.

27. Januar 2014: Nach langem Ringen stimmt das Übergangsparlament für eine neue Verfassung. Mit Rechten wie Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit und der Gleichstellung von Mann und Frau gilt sie als wegweisend in der arabischen Welt.

28. Januar: Eine neue Regierung aus parteiunabhängigen Experten unter dem parteilosen Ingenieur Mehdi Jomaâ wird bestätigt.

5. März: Tunesien hebt den vor mehr als drei Jahren verhängten Ausnahmezustand auf. Die Sicherheit sei durch Polizei und Armee gewährleistet, heißt es. Dennoch gibt es Anschläge von Islamisten.

20. Juli: Die Regierung lässt Extremisten-Moscheen schließen. Betroffen sind auch Einrichtungen, in denen der Tod von 15 Soldaten bei einem Anschlag von Islamisten drei Tage zuvor gefeiert wurde.

26. Oktober: Die Tunesier wählen ein neues Parlament. Dabei siegen die säkularen Kräfte der Allianz Nidaa Tounes über die Islamisten von Ennahda. Am 23. November folgt die Präsidentschaftswahl.