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22.11.2014, 09:00 Uhr KOLUMNE

Wie der Krieg nach Moskau kommt

Von Christian Schaudwet

Moskauer Metro: Im öffentlichen Raum der russischen Hauptstadt sind Hinweise auf den Krieg in der Ukraine keine Seltenheit, Kriegsverwundete etwa und orange-schwarze Bänder, die Solidarität mit den Separatisten in der Ostukraine signalisieren. Foto. ImagoMoskauer Metro: Im öffentlichen Raum der russischen Hauptstadt sind Hinweise auf den Krieg in der Ukraine keine Seltenheit, Kriegsverwundete etwa und orange-schwarze Bänder, die Solidarität mit den Separatisten in der Ostukraine signalisieren. Foto. Imago

Moskau. Bis zu neun Millionen Passagiere täglich nehmen die Moskauer Metro. Während der Rush Hour schieben sich Menschenmassen durch Umsteigestationen wie die Kurskaya, die Teatralnya oder die Kievskaya, die sogar diese riesigen unterirdischen Kathedralen aus der Stalin-Ära zum Bersten zu bringen scheinen. Aber auch der Krieg in der Ukraine ist gegenwärtig.

Beinah hätte ich den Man übersehen. Er war mittelgroß, schlank, trug einen grauen Anorak, eine schwarze Trainingshose mit militärischem Emblem, Rucksack, Wollmütze, die Haltung leicht gebeugt. Sein Mund stand offen. Ein Teil seines Unterkiefers fehlte. Aus dem weißen Operationsverband auf seiner linken Gesichtshälfte schlängelte sich ein Drainageschlauch, gefüllt mit blutigem Sekret.

Gewehrkugel? Schrapnell? Ich habe ihn nicht gefragt, ob er in der Ukraine gekämpft hat, aber die Art seiner Verletzung legte die Schlussfolgerung nahe. Menschen mit frisch operierten Kriegswunden sind für die Moskauer kein ungewohnter Anblick. In russischen Krankenhäusern werden Verwundete aus dem Kriegsgebiet versorgt: Separatisten aus dem Donbass, die aus Hospitälern nahe der Grenze weiter nach Osten verlegt werden. Russische Staatsbürger, die sich den Milizen angeschlossen haben. Menschen aus der Zivilbevölkerung.

Die russische Führung bestreitet nach wie vor, dass russisches Militär sich an den Kämpfen in der Ukraine beteiligt und dass die Separatisten Waffen aus Russland erhalten. Sie spricht von „Freiwilligen“, die die Grenze zur Ukraine überschritten hätten. Deutlicher äußerte sich im Sommer der Rebellenführer Alexander Sachartschenko, Chef der „Volksrepublik Donezk“. 3000 bis 4000 russische Staatsbürger kämpften in der Ostukraine, sagte er - viele davon ehemalige, teils hochrangige Offiziere. Andere seien aktive Militärangehörige in ihrem Urlaub.

Der Anblick der Versehrten, das Wissen um die Gefahr, Tod oder Verkrüppelung und Entstellungen zu erleiden, hält viele offenkundig nicht davon ab, hinüberzufahren.

„Der Mann, den Sie in der Metro gesehen haben, hatte Glück – er ist am Leben“, sagte mir ein russischer Mitarbeiter eines deutschen Unternehmens. Und fügte hinzu: „Er kann ja nach Deutschland, um medizinisch versorgt zu werden.“ Mir war nicht klar, ob er das ernst meinte oder ob es Smalltalk war, der unser Gespräch wieder in erfreulichere Bahnen lenken sollte. Er selbst will demnächst Geld spenden an einem der kleinen Zelte in der Nähe von Moskauer Metrostationen, wo Sympathisanten Spendenboxen aufgestellt haben. Und wo man sich für den Krieg melden kann.

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