Deutschlands Image „Germanija“ glänzt in Russland nicht mehr

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Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew in einem Interview des Nachrichtensenders Rossiya 24. Staatsfreundliches Fernsehen ist für die Mehrheit der russischen Bevölkerung die wichtigste Informationsquelle. Foto: ImagoRusslands Ministerpräsident Dmitri Medwedew in einem Interview des Nachrichtensenders Rossiya 24. Staatsfreundliches Fernsehen ist für die Mehrheit der russischen Bevölkerung die wichtigste Informationsquelle. Foto: Imago

Moskau. Der Ukraine-Konflikt und die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen verändern die russische Sicht auf Deutschland. Umfragen zufolge ist nur der amerikanische Präsident Barack Obama unbeliebter als Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Marina Voskanyan blickt dem Wiedersehen mit gemischten Gefühlen entgegen. Im Dezember will sich eine Arbeitsgruppe des von der Bundesregierung offiziell auf Eis gelegten deutsch-russischen Forums „Petersburger Dialog“ in Potsdam treffen. Voskanyan wird dabei sein. „Ich hoffe, dass wir da konstruktiv diskutieren können, aber das Thema Ukraine wird heikel“, sagt die junge Moskauer Journalistin. „Es gibt in unseren Ländern einfach grundverschiedene Auffassungen.“

Der Ukraine-Konflikt und die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen verändern die russische Sicht auf das einst gemochte „Germanija“. Mancher Deutsche in Russland erlebt das unmittelbar. „Ich bin mir darüber mit russischen Freunden richtig in die Wolle geraten“, sagt ein Vertreter eines deutschen Unternehmens in Moskau. Besonders, dass Deutschland Russland vorwerfe, die Krim völkerrechtswidrig annektiert zu haben, nachdem Russland vor zwei Jahrzehnten den Weg für die deutsche Wiedervereinigung frei gemacht habe, nähmen sie den Deutschen übel.

In der Rangliste Russland freundlich gesonnener Länder des Moskauer Meinungsforschungsinstituts Levada-Center belegte Deutschland im vergangenen Jahr noch einen guten fünften Platz. „Bei der nächsten Umfrage wird Deutschland voraussichtlich abrutschen“ sagt Levada-Meinungsforscher Denis Volkov. Und im Ranking der am negativsten bewerteten ausländischen Politiker steht Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits auf Platz zwei hinter dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Der französische Staatschef François Hollande und der britische Premier David Cameron erhalten bessere Noten. Eine Welle der Zustimmung indes trägt den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Seit Beginn der Krise ist sie weiter gestiegen – Putins Zustimmungswert beträgt 88 Prozent. Vor den Olympischen Winterspielen von Sotschi im Jahr 2013 lag seine Quote noch bei 64 Prozent.

Eigentlich, sagt Volkov, interessiere sich die Mehrheit der Russen kaum für internationale Politik. „Aber in unserer monatlichen Umfrage nach den fünf wichtigsten Themen ist der Konflikt in der Ukraine absolut dominant.“ Bei dessen Einschätzung fehle den meisten Menschen ein grundsätzliches Verständnis des westlichen Handelns. „Sie wissen nicht, warum der Westen Sanktionen verhängt hat.“ Die Europäer und die USA würden als diejenigen gesehen, die Russland von einer Beilegung des Konflikts abhielten.

Grundlage dieser Einstellungen ist in Volkovs Augen die mediale Diät der Bevölkerungsmehrheit: 90 Prozent informieren sich nach Levada-Statistiken aus dem staatlich dominierten Fernsehen, nur 25 Prozent (in Moskau 40 Prozent) aus dem Internet. Lediglich rund 20 Prozent der Menschen in den Städten und deutlich weniger auf dem Land nutzen alternative Medien mit abweichender Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt.

Und die Möglichkeiten, sich aus Nachrichtenquellen abseits des regierungsfreundlichen Mainstreams zu infomieren, werden weniger. Zuletzt verlor die weitgehend unabhängige Nachrichtenwebsite Lenta.ru ihren Biss. Im März wurde ihre redaktionelle Leiterin Galina Timtschenko auf politischen Druck durch einen Kreml-treuen Chefredakteur ersetzt. Ein Großteil der Redakteure verließ Lenta.ru aus Protest.


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