Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung Rechtsextremismus nimmt ab, Ausgrenzung bleibt verbreitet

Von Karsten Frei

Demonstranten protestieren in Berlin gegen die geplante Aufstellung von Wohncontainern für Flüchtlinge im Stadtteil Marzahn-Hellersdorf. Foto: dpaDemonstranten protestieren in Berlin gegen die geplante Aufstellung von Wohncontainern für Flüchtlinge im Stadtteil Marzahn-Hellersdorf. Foto: dpa

Osnabrück/Berlin. Jeder zehnte Deutsche ist der Meinung, dass der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten gehabt habe und ein neuer „Führer“ dem Land guttäte. Jeder Sechste meint, dass Ausländer nur herkommen, um die Sozialsysteme auszubeuten. Und jeder Dritte wünscht sich ein stärkeres Nationalgefühl. Das ist das Ergebnis einer neuen Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Auf den ersten Blick mögen diese Zahlen erschrecken, doch für Ralf Melzer, den Herausgeber der Studie „Fragile Mitte – Feindselige Zustände“ von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) , sind sie ein ungeahnter Erfolg. „Überrascht hat mich das Ausmaß des Rückgangs“, sagte er auf Nachfrage unserer Redaktion, „sowohl im rechtsextremen als auch im menschenfeindlichen Denken.“ Die Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Chauvinismus sanken jeweils auf historische Tiefststände. Die Verharmlosung des Nationalsozialismus nahm unter den Befragten hingegen in geringem Maße zu.

In Osten Deutschlands sanken rechtsextreme und menschenfeindliche Tendenzen nach einem massiven Anstieg zwischen den Jahren 2010 und 2012 zuletzt wieder stark ab, sagte Melzer. Dennoch seien diese Einstellungen dort noch immer stärker verbreitet als im Westen.

Bei den Altersgruppen gibt es bei den über 60-Jährigen und den unter 30-Jährigen mehr Zustimmung für ausländerfeindliche Haltungen als bei der mittleren Altersgruppe.Die FES untersucht alle zwei Jahre, in welchem Ausmaß rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung verbreitet sind. Für die Studie wurden vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld in einer repräsentativen Telefonumfrage zwischen Juni und August 1915 Menschen befragt.

„Die Ergebnisse sind zwar erfreulich, doch es gibt keinen Grund zur Entwarnung“, sagte Melzer. Denn die sogenannte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die Randgruppen herabwürdige, sei weit verbreitet. So habe fast die Hälfte der Bevölkerung ein negatives Bild von Langzeitarbeitslosen und Asylsuchenden – insbesondere der wirtschafts- und bildungsschwache Bevölkerungsteil. Melzer sieht darin eine Angst vor einem weiteren sozialen Abstieg. „Das drückt sich durch eine Abgrenzung derer aus, die noch weiter unten stehen“, sagte Melzer.

Sorge bereitet den Forschern zudem die weit verbreitete Einstellung, die Wettbewerb höher bewertet als Solidarität und Gleichwertigkeit aller Menschen. Diesem sogenannten marktförmigen Extremismus stimmt ein Fünftel der Deutschen zu, unter Anhängern der AfD sind es sogar 40 Prozent. Wer zu dieser Art Extremismus neigt, vertritt laut Studie auch häufiger rassistische und homophobe Ideen. Auf dem zweiten Platz hinter der NPD-Anhängerschaft findet sich demnach auch unter AfD-Wählern eine überdurchschnittlich hohe Zustimmung zu Ausländerfeindlichkeit, Chauvinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus.

Hauptautor Andreas Zick warnte am Donnerstag bei der Vorstellung der Studie in Berlin vor dem Hintergrund der derzeitigen Stimmungsmache gegen eine steigende Zahl von Flüchtlingen vor einer Polarisierung der Gesellschaft. Es sei eine „brisante Lage“, in der Gruppen in der Lage seien, mehr Menschen gegen Asylsuchende zu radikalisieren. Die Frage sei, ob man Asylbewerber am Ende als Kosten verursachendes Problem begreife oder als Herausforderung, die man gemeinsam meistern wolle.

Die Studie zeigt auch: Rechtsextreme und menschenfeindliche Orientierungen gehen mit Zweifeln an der Demokratie und Ablehnung der Europäischen Union einher. Entsprechend hoch sind diese in der Studie Tendenzen unter denjenigen, die mit der rechtsextremen NPD und der eurokritischen AfD sympathisieren. „Es zeigt sich, dass es der AfD gelingt, in dem vorhandenen Einstellungspotenzial zu mobilisieren und es in Wählerstimmen umzuwandeln“, sagt Melzer.

(Mit epd)

Die Studie: noz.de/politik