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19.11.2014, 15:02 Uhr FÜHRUNGSWECHSEL BEIM BKA

Ende der Ära Ziercke: Fast ohne Fehl und Tadel

Ein Kommentar von Melanie Heike Schmidt


Verabschiedet sich nach zehn Jahren im Amt in den Ruhestand: BKA-Präsident Jörg Ziercke. Foto: ImagoVerabschiedet sich nach zehn Jahren im Amt in den Ruhestand: BKA-Präsident Jörg Ziercke. Foto: Imago

Osnabrück. Ziercke geht, Münch kommt: Ende November erhält Deutschlands oberste Polizeibehörde einen neuen Präsidenten: Holger Münch, bisher Bremer Vize-Innensenator, übernimmt das Amt von Jörg Ziercke, der sich in den Ruhestand verabschiedet. Fast elf Jahre lang leitete der vielfach gelobte Hanseat das BKA praktisch ohne Fehl und Tadel. Allein die Edathy-Affäre hinterlässt einen Fleck auf der weißen Weste.

Er ist ein Genosse, und was für einer: Noch-BKA-Chef Jörg Ziercke (SPD) hat als oberster Polizist im Land in seinen fast elf Jahren Amtszeit gleich unter vier schwarzen Bundesinnenministern Erfolge gefeiert. Denn bis auf die Edathy-Affäre, die jetzt zum Amtsende einen kleinen Fleck auf seiner Weste hinterlässt, fing Ziercke parteiübergreifend reichlich Lob ein. Zu Recht.

Intern rechnen ihm viele der rund 5500 Mitarbeiter hoch an, dass er einer Zusammenlegung mit der Bundespolizei energisch einen Riegel vorgeschoben hat. Und dass aus dem drohenden Komplett-Umzug der Behörde von Wiesbaden nach Berlin zum Schluss ein erträglicher Teil-Umzug wurde, ist auch einem Stück weit Zierckes Einfluss zu verdanken. Dass er überdies kein Schreibtisch-Jurist, sondern ein waschechter, praxiserprobter Polizist ist und weiß, wie seine Untergebenen arbeiten, was sie bewegt, was sie brauchen und was keinesfalls, macht das Bild komplett: Die Bilanz für Ziercke fällt eindeutig positiv aus.

Natürlich hat einer wie er auch Kritiker, alles andere wäre unrealistisch. Ein dauerhaftes Problemfeld, das auch Ziercke nicht lösen konnte, ist etwa die schwierige Abstimmung der Bundesbehörde mit den jeweiligen Landeskriminalämtern. Und auch die Edathy-Affäre, in der man dem BKA mindestens Zögerlichkeit, teils auch bewusste Verschleierung oder Vertuschung vorwarf, ist vielen noch frisch und nicht gerade positiv besetzt im Gedächtnis. Fast wünschte man sich, dass Ziercke das unleidliche, legendenumwobene Vier-Minuten-Telefonat mit SPD-Fraktionschef Oppermann nie geführt hätte. Doch er hat. Und selbst wenn es stimmt, was beide versichern, nämlich dass Ziercke am Telefon über den Edathy-Fall nichts verraten und Oppermann dieses Nichts-Sagen auf seine Weise interpretiert hat, bleibt trotzdem ein Geschmäckle. Mehr aber auch nicht, denn selbst die Rücktrittsforderungen der Opposition sind derweil verstummt. Gut so. Den Rest an notwendiger Aufklärung erledigt der Edathy-Untersuchungsausschuss.

Ziercke hinterlässt seinem Nachfolger Holger Münch - ebenfalls ein Nordlicht, allerdings parteilos - ein bestelltes Feld. Das allerdings inmitten von Krisengebieten liegt. Nicht umsonst ist das Thema der diesjährigen BKA-Herbsttagung Organisierte Kriminalität. Die Bedrohungslage, auch durch islamistische Terroristen, ist real. Neun von zehn geplanten Terrorakten konnte das BKA während Zierckes Regentschaft verhindern, eine bemerkenswerte Bilanz. Der IS-Terror verschärft die Lage. Keine einfache Aufgabe für den Neuen an der BKA-Spitze.

Dass aber Gewalt auch Züge annehmen kann, die zuvor unvorstellbar scheinen, hat die Blutspur des rechtsextremen NSU gezeigt. Angesichts der Morde der Terrorzelle zeigte sich Ziercke geschockt und bestürzt. Und er forderte, dass sich die BKA-Mitarbeiter von geistigen Schranken befreien. Mehr Fantasie sei nötig, um auch das Unmögliche in Betracht ziehen zu können. Eine erfrischende Idee für einen Leiter einer Behörde, die als ausgesprochen verknöchert gilt. Der Präsident verändere nicht das BKA, sondern das BKA seinen Präsidenten, heißt es. Es scheint, als ob Ziercke hier eine rühmliche Ausnahme macht.


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