Rettung oder Verschleppung? Griechische Kinder wuchsen von Eltern getrennt in DDR auf

Von Joachim Göres

Sollte Vorzeigesozialist werden: Panagiotis Gekas, lebte in der DDR.Foto: GöresSollte Vorzeigesozialist werden: Panagiotis Gekas, lebte in der DDR.Foto: Göres

Winsen. Was macht ein Grieche in der DDR? Eine Frage, die Panagiotis Gekas immer wieder gestellt wurde, seit er 1949 im Alter von elf Jahren in ein Internat in Sachsen kam – als eines von 1100 Kindern, die auf Initiative der Kommunistischen Partei Griechenlands getrennt von ihren Eltern nach Ostdeutschland gebracht wurden. So sollten sie vor den Wirren des bis 1949 in Griechenland zwischen den Nationalisten und den Kommunisten tobenden Bürgerkriegs gerettet werden, so die DDR-Version der Dinge.

Gekas lacht viel, wenn er sich über stramme Ideologen lustig macht, die ihn als „Partisanenkind“ besonders schulen wollten. Doch wenn er auf seine Familie zu sprechen kommt, bricht das Lachen abrupt ab. „Ich wusste jahrelang nicht, wo meine Eltern sind, und durfte sie erst sechs Jahre nach unserer Trennung besuchen. Das verstehe ich bis heute nicht.“ Der 76-Jährige, der heute als pensionierter Lehrer in Winsen lebt, spricht nicht von Rettung, sondern benutzt ein griechisches Wort: Paidomazoma – Zwangsverschickung. „Meine Mutter hat mit uns Kindern 1948 Griechenland wegen des Bürgerkriegs verlassen, aus Angst, dass unsere Familie als Anhänger der Linken nach der sich abzeichnenden Niederlage im Bürgerkrieg verfolgt wird. Aber sie wollte natürlich nicht, dass wir für immer auseinandergerissen werden“, sagt Gekas.

Die Eltern kommen mit der ältesten Schwester nach Rumänien, die jüngste Schwester landet in Polen, Gekas und sein zwei Jahre älterer Bruder werden in die DDR geschickt. Insgesamt 28.000 griechische Kinder werden so auf den Ostblock verteilt und wachsen meist ohne Mutter und Vater auf. „Dafür kann die DDR natürlich nichts. Ich bin ihr dankbar für die Ausbildung, für die Vermittlung der deutschen Sprache, für Essen und Trinken. Wir waren in mancher Hinsicht privilegiert – aber nur, um uns zu Vorzeigesozialisten zu machen. Ich bin nicht dankbar für die ideologische Erziehung.“ Der ernste Ton wechselt schnell wieder zu amüsiertem Spott: „Jeder zweite Grieche wurde Chemiefacharbeiter, weil die gerade gebraucht wurden“, lacht Gekas schallend über solch ein „System“ der Berufsfindung.

Gekas ist intelligent, schafft den Sprung aufs Gymnasium nach Dresden, hat gute Noten, bricht die Schule aber nach der 11. Klasse ab, um Matrose zu werden. „Das war für mich ein Akt der Befreiung, weg aus der Enge des Heims.“ Nach einem halben Jahr auf See folgt die Ausbildung zum Elektriker in Wittenberge. Hier lernt er seine Frau Rosemarie kennen, hier wachsen die beiden Kinder Juliana und Thomas auf. Nach dem Studium in Zwickau unterrichtet Gekas ab 1970 an der Polytechnischen Oberschule II in Perleberg Deutsch und Sport.

Das Gefühl, durch Familie und Beruf endlich eine neue Heimat gefunden zu haben, ist von begrenzter Dauer. „Ich hatte fast jede Woche einen Unterrichtsbesuch, bei dem ich kontrolliert wurde. Außerdem war der Lehrstoff genau festgelegt, das war ein stumpfsinniges Arbeiten.“ 1979 wird ihm die Ausreise nach Griechenland zusammen mit seiner Familie genehmigt. Sein Geburtsland bleibt ihm fremd, die geplante Anstellung als Lehrer scheitert, und Familie Gekas siedelt 1980 nach Niedersachsen um, wo Panagiotis 20 Jahre am Gymnasium Marienau bei Lüneburg unterrichtet. „Hier ging es darum, die freie Meinungsäußerung der Schüler zu fördern und ich hatte viel größere Freiheit bei der Stoffauswahl.”

Viele Griechen sind inzwischen in ihre Heimat zurückgekehrt. Etliche sind in Ostdeutschland geblieben und hadern als einstige SED-Mitglieder mit den politischen Veränderungen seit der Wende. Gekas war niemals in der Partei und ist heilfroh, dass es die DDR nicht mehr gibt. Er hat seinen Frieden mit den verstorbenen Eltern gemacht, mit denen er nie richtig über die Gründe für die Trennung sprechen konnte. Doch die Trauer über den erzwungenen Verlust der Heimat und das Aufwachsen fernab von Eltern und Geschwistern bleibt. “Ich bin von niemandem davon zu überzeugen, dass wir, die 28.000 verschleppten Kinder, in Griechenland alle untergegangen oder gar umgekommen wären.”