Beeindruckende Sterbehilfe-Debatte „Bei uns waren Krankheit und Tod immer am Tisch“

Von Beate Tenfelde

Vier Stunden Diskussion, 48 Redner: Der Bundestag erlebte eine beeindruckende Sterbehilfe-Debatte.Foto: ImagoVier Stunden Diskussion, 48 Redner: Der Bundestag erlebte eine beeindruckende Sterbehilfe-Debatte.Foto: Imago

Berlin. Was ist ein guter Tod? Schicken wir bei der Sterbehilfe Ärzte in Grauzonen? Wie groß ist die Gefahr eines Dammbruchs, der Tod auf Bestellung bringt? Muss der Staat die Letzten Dinge regeln? Der Bundestag hat gestern diese schwierigen Fragen auf beeindruckende Weise diskutiert: Den Abgeordneten gelang es, sachlich zu bleiben – und Gefühle zu zeigen. „Beim Sterben“, so fasste Kathrin Vogler von den Linken es prägnant zusammen, „wird’s persönlich“.

„Krankheit und Tod waren zu Hause immer mit am Tisch“ – mit diesen Worten machte der CDU-Politiker Michael Brand klar, warum er bei der Union der Koordinator dieser Debatte ist. Es ist die lebenslange Erfahrung mit einem krebskranken Vater, der noch deutlich länger zu leben vermochte, als die Ärzte vorausgesagt hatten.

Brand warnte vor einer Regelung, die eine Tür öffnet zu immer mehr Fällen von Sterbehilfe. 6500 Tote durch die dort so genannten „Euthanasiegesetze“ in Belgien und den Niederlanden seien der Beweis: „Immer hat es klein begonnen, inzwischen sind in Belgien auch Kinder und Demenzkranke betroffen.“

Auch Kathrin Vogler von der Linken mahnte, der Tod dürfe keine leicht erreichbare Dienstleistung werden. Auf der voll besetzten Regierungsbank hörten die Minister von Union und SPD sehr aufmerksam zu. Kaum einer blätterte dieses Mal gelangweilt in mitgebrachten Akten. Nur Kanzlerin Angela Merkel (CDU) fehlte: Sie war schon auf dem Weg nach Australien zum G-20-Gipfel.

Vier Stunden Zeit nahm sich der Bundestag für die Diskussion, in der es um Orientierung ging. Fünf Papiere, die von Mitgliedern unterschiedlicher Fraktionen getragen werden, waren die Basis . Einige fordern ein strafrechtliches Verbot für Vereine, die Sterbehilfe anbieten. Außerdem gibt es den Vorschlag, Ärzten unter bestimmten Bedingungen die Hilfe bei der Selbsttötung zu erlauben. Und manche Abgeordnete wollen die Verhältnisse so lassen, wie sie sind.

Das ist die aktuelle Rechtslage bei der Sterbehilfe.

Noch mindestens dreimal will der Bundestag sich in Erörterungen und Beratungen mit dem Thema beschäftigen, bevor er Ende 2015 ein Gesetz verabschiedet. Das zeichnete sich in den Beiträgen von 48 Rednern als Mehrheitsmeinung ab: Die Menschen sollen selbstbestimmt entscheiden können. Und: Zur Würde, auch beim Sterben, gehöre die Behandlung von Schmerzen. Die palliative Begleitung auszubauen sei deshalb ein wichtiger Schritt – darin waren sich die Abgeordneten einig.

Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) warb leidenschaftlich für Erleichterungen für sterbende Menschen. Mit der Menschenwürde sei es nicht vereinbar, „wenn aus dem Schutz des Lebens ein Zwang zum Qualtod“ würde. Aber es gebe Leiden, bei denen die Palliativmedizin an Grenzen stoße. Ein Arzt müsse beim friedlichen Einschlafen helfen dürfen. „Das will auch die große Mehrheit der Bevölkerung“, sagte Hintze. Staatliche Bevormundung sei hier fehl am Platz.

Doch nicht nur Elisabeth Scharfenberg (Grüne) stellte infrage, ob wirklich von Selbststimmung gesprochen werden könne, wenn eine Entscheidung durch Angst vor Schmerzen, Einsamkeit und Hilflosigkeit falle. André Berghegger, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Melle, geht es vor allem darum, keinen Druck aufzubauen. Es dürfe nicht dazu kommen, dass sich alte oder schwer kranke Menschen aus Rücksicht auf ihre Nächsten für den Tod entschieden.

Berghegger hat an diesem trüben Donnerstag eigentlich den Kopf voller Zahlen. Der Haushaltsexperte muss eine „Nacht der langen Messer“ bestehen. So wird jene Sitzung genannt, bei der die Finanzausstattung der Ministerien festgezurrt wird. Aber Berghegger war es wichtig, trotz Zeitdrucks an der Sterbehilfe-Debatte teilzunehmen. Nicht nur er war beeindruckt. Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) zeigte sich zufrieden: „Ja, wir waren gut.“