Ukraine-Krise Australien sucht die Konfrontation mit Russland

Von dpa

Wladimir Putin, russischer Präsident (l.), wird sich vom australischen Regierungschef Tony Abbott am Wochenende in Brisbane Kritik anhören müssen. Fotos (2): dpaWladimir Putin, russischer Präsident (l.), wird sich vom australischen Regierungschef Tony Abbott am Wochenende in Brisbane Kritik anhören müssen. Fotos (2): dpa

Bangkok. Der australische Regierungschef Tony Abbott will den russischen Präsidenten Wladimir Putin vor dem G-20-Gipfel in Brisbane unter Druck setzen. Beim Absturz des Fluges MH17 über der Ostukraine starben auch 38 Menschen aus Australien.

Tony Abbott ist für seine markigen Sprüche bekannt. Der australische Regierungschef lässt Zorn freimütig in seinen blaugrauen Augen funkeln. Der Hobby-Extremsportler mit einigen Iron-Man-Rennen hinter sich ist gerne schroff. Diese Woche will er sich Wladimir Putin zur Brust nehmen – weil Russland zu wenig tue, um den Absturz des Malaysia-Airlines-Fluges MH17 aufzuklären. Auf seine Forderungen nach einem Treffen mit dem russischen Präsidenten reagierte der Kreml zuerst reserviert: Nichts sei geplant.

Doch dann verkündete Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow, Abbott bekomme seinen Termin an diesem Dienstag in Peking beim Asien-Pazifik-Gipfel (Apec). Der gerade vom US-Magazin „Forbes“ zum zweiten Mal in Folge zum „mächtigsten Menschen der Welt“ gekürte Kremlchef scheut keine Konfrontation. Zudem will der frühere Geheimdienstchef wohl rasch wissen, was Abbott gegen ihn vorzubringen hat – bevor er Gast ist in Australien.

Putin reist an diesem Wochenende zum Gipfel der 20 führenden Industrienationen (G20) ins australische Brisbane. Und er dürfte sich dort nicht vorführen lassen wollen, zumal Abbott ihn wegen des Ukraine-Konflikts sogar ausladen wollte.

„I will shirtfront him“, kündigte Abbott kühn an. Das lässt sich kaum übersetzen. Es handelt sich um einen Slangbegriff aus dem rauen Football-Spiel mit australischen Regeln und bedeutet so viel, wie jemanden aggressiv und frontal anzurempeln. In Putin hätte er einen formidablen Gegner: Der Kremlchef trägt den schwarzen Judo-Gürtel und zeigt sich gern mal mit freiem Oberkörper als Naturbursche auf dem Pferd. Und wie Abbott ist auch Putin nicht auf den Mund gefallen.

MH17 geht den Australiern so nahe, weil an Bord 38 Landsleute und dort lebende Ausländer waren. MH17 startete am 17. Juli in Amsterdam und war auf dem Weg nach Kuala Lumpur in Malaysia, mit Anschlussflügen nach Australien. 298 Menschen starben, als das Flugzeug über der Ukraine mutmaßlich abgeschossen wurde.

Ans Herz geht den Australiern die Geschichte mit den Geschwistern Mo (12), Evie (10) und Otis (8) aus Perth. Sie sollten mit dem Großvater nach einem Familienurlaub in die Heimat fliegen, während die Eltern noch ein kinderfreies Wochenende in den Niederlanden genießen wollten. „Unser Schmerz ist unerbittlich“, schrieben die Eltern Anthony Maslin und Marite Norris später: „Unser Leben ist schlimmer als die Hölle. Keiner verdient so etwas, nicht einmal die Leute, die unsere Familie vom Himmel geschossen haben.“

Abbott zeigte sofort mit dem Finger auf die prorussischen Separatisten in der Ukraine. Er machte auch Russland im Parlament zu seiner Zielscheibe: „Kleine Länder zu schikanieren, zur nationalen Selbstverherrlichung Recht und Anstand mit Füßen zu treten und Menschenleben rücksichtslos aufs Spiel zu setzen – das sollte in unserer Welt eigentlich keinen Platz haben.“

Abbott kündigte eine „knallharte Unterhaltung“ mit Putin an. „Ich werde ihm sagen: Australier sind ermordet worden. Ermordet von von Russland unterstützten Rebellen mit russischer Ausrüstung“, sagte Abbott. 63 Prozent der Australier befürworten klare Worte Abbotts an die Adresse Putins, wie eine Umfrage zeigt.

Dass der Russe dabei den Australier in die Schranken weist, daran zweifelt in Moskau niemand. Putin stellt seit Monaten die prowestliche ukrainische Führung an den Pranger. Kiew sei für das Blutvergießen im Osten des Landes verantwortlich, weil es mit Panzern und Luftschlägen in dem russisch geprägten Gebiet vorgehe. Dass die Separatisten russische Militärhilfe erhalten, hat Putin stets bestritten. Die Unterstützung sei nur politisch und humanitär.

Ungelegen kommt die Konfrontation mit Abbott für Putin auch deshalb nicht, weil er noch einmal die russische Sicht schildern kann. Der Kremlchef hat gern das letzte Wort. Er betonte nach dem Absturz, dass die Ukraine die Verantwortung für die Tragödie trage – weil sie ihren Luftraum über dem Kriegsgebiet nicht gesperrt hatte.