Politologe Herfried Münkler im Interview Mauerfall: Eher Wunsch nach Wohlstand, als nach Freiheit


Osnabrück. Mit unbequemen Analysen blickt der Politologe Herfried Münkler auf den 25. Jahrestag des Mauerfalls. In einem Interview mit unserer Redaktion wies der Erfolgsautor („Der Große Krieg“, „Die Deutschen und ihre Mythen“) jetzt darauf hin, dass die Wende eher auf dem Streben nach Wohlstand als nach Freiheit beruhte.

Herr Professor Münkler, 25 Jahre nach dem Mauerfall: Ist die innere Einheit Deutschlands geglückt?

Das kann man sagen. Dabei lässt das eine oder andere noch zu wünschen übrig. Was die sozioökonomischen Daten angeht, gibt es heute vor allem einen deutlichen Gegensatz zwischen Nord und Süd, übrigens auch in den neuen Ländern. Sachsen und Thüringen haben deutlich bessere Daten als Sachsen-Anhalt, Teile von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Diese Unterscheidung zeigt, dass der Ost-West-Gegensatz nicht mehr die zentrale oder zumindest nicht mehr die ausschließliche Spaltungslinie in Deutschland ist.

Ist diese Beobachtung auch auf die politische Dimension und die Befindlichkeit der Menschen anwendbar?

Das ist nach Generationen zu differenzieren. Diejenigen, die lange in der DDR sozialisiert worden sind, zeigen deutliche Unterschiede in ihrer Haltung gegenüber denen aus dem Westen. Diese Personen sind in einer Mangel- und Knappheitsökonomie groß geworden. Die sind in ganz anderer Weise gewohnt, miteinander zu kooperieren und mit dem Mangel zurechtzukommen. Für die jüngere Generation trifft das nicht mehr zu: Vor 15 Jahren hätte ich mir noch zugetraut, in meinem Seminar zu wissen, wer eine Wessi und wer ein Ossi ist. Die Berliner Humboldt-Universität war dafür ein sehr guter Ort. Heute wüsste ich das nicht mehr.

Es gab kein historisches Vorbild für Wende und Wiedervereinigung, es gab kein Rezept dafür, wie ein solcher Wandel zu bewältigen ist. Ist dabei alles richtig gelaufen?

Sicher nicht. Das konnte gar nicht der Fall sein. Im Rückblick stellen sich einige Fehler heraus. Die Verantwortlichen haben die politischen Imperative höher gestellt als den sozialen und ökonomischen Imperativ. Der Umtauschkurs zwischen der Mark der DDR und der D-Mark der Bundesrepublik war viel zu hoch. Infolgedessen ist die Industrie im Osten zusammengebrochen. Es ist allerdings schwer zu sagen, wie das anders hätte organisiert werden können, ohne eine Völkerwanderung Richtung Westen auszulösen. Im Abstand von zehn oder 15 Jahren nach dem Mauerfall haben sich viele Maßnahmen als richtig herausgestellt. Die unmittelbare Wirkung auf das Leben der Menschen war allerdings verheerend. Ganze Landstriche sind entindustrialisiert worden. Es hat ein Jahrzehnt und mehr gedauert, bis sich da wieder etwas Neues getan hat, gerade auch im Bereich der Dienstleistungen.

Gibt es aus heutiger Sicht noch Defizite, die das Leben im wiedervereinigten Deutschland beeinflussen?

Das zeigt sich vor allem am Nordosten der ehemaligen DDR. Die besser gebildeten Frauen aus Vorpommern sind weggegangen, etwa nach Bayern und Baden-Württemberg. Dort konnten und können sie ein Vielfaches verdienen. Es ist eine andere Frage, ob sie im Süden und Südwesten Deutschlands glücklich geworden sind. In der Regel haben sie dort nicht geheiratet und keine Kinder bekommen. In Mecklenburg-Vorpommern jedoch sind frustrierte junge Männer zurückgeblieben, die eine starke Neigung nach rechts haben, teilweise zu fremdenfeindlichen und rassistischen Gruppierungen. Bei diesen Männern muss nicht von vornherein rechtsradikales Gedankengut vorhanden gewesen sein. Aber sie fühlen sich zurückgelassen und alleingelassen. Das ist auch nicht mehr reparabel. Die quantitative Disparität zwischen Männern und Frauen ist in der arabischen Welt, in Indien und China ein großes Problem. Wir können dieses Bild in Deutschland unter Laborbedingungen studieren und etwas begreifen, was in anderen Weltgegenden gerade geschieht.

Gibt es weitere Trends, die die deutsche Gesellschaft nach dem Mauerfall verändert haben?

Die Annahme von Lothar de Maizière, Deutschland würde östlicher und protestantischer werden, ist so nicht eingetreten. Mit Sachsen und Sachsen-Anhalt ist zwar das Mutterland der Reformation hinzugekommen. Aber man kann nicht sagen, dass die Leute dort besonders protestantisch seien. Viele sind im weiteren Sinn Heiden, die sich zu religiösen Fragen nicht verhalten. Daneben gibt es aber starke kirchliche Gruppen. Der größte Teil des politischen Personals aus den neuen Ländern ist über kirchliche Gruppen in die Politik gekommen. Aber das sind bürgerschaftliche Eliten innerhalb einer Bevölkerung, die durch vierzig Jahre DDR und davor noch einmal zwölf Jahre Nationalsozialismus entwöhnt worden sind, Initiative und Verantwortung zu entwickeln.

Die Landtagswahl in Sachsen hat markante Ergebnisse ergeben. Wählt der Osten anders als der Westen, gibt es eine neue Ost-Identität?

Nein. Die CDU hat in Sachsen ein überzeugendes Ergebnis eingefahren und bildet eine Große Koalition. In Thüringen ist der Regierungswechsel Ergebnis eines veränderten Koalitionsverhaltens der SPD. Dahinter steht kein dramatisch verändertes Wahlverhalten der Menschen. Parteibindungen haben sich im Osten natürlich nicht so entwickelt, wie das im Westen mit 40 Jahren Vorlauf möglich gewesen ist. Sowohl bei der Linken und bei der AfD gibt es im Osten stärkere Ergebnisse, weil das Protestpotenzial stärker ausgeprägt ist. Überhaupt liegen die Zufriedenheitsmerkmale in den neuen Bundesländern nach wie vor unter denen der alten Länder. Aber es ist nicht so, dass Deutschland ein geteiltes Land wäre. Man findet ähnliche Einsprengsel der Mentalitäten auch in den alten Bundesländern.

Es gibt in den neuen Bundesländern zum Teil eine dramatisch geringe Wahlbeteiligung. Ist das ein Zeichen für eine mangelnde Identifikation mit der Bundesrepublik und ihrem politischen System?

Das ist ein zentraler Punkt. Allerdings liegt die Wahlbeteiligung in den neuen Bundesländern höher als in den USA. Ich würde diese Zahlen von daher nicht dramatisieren. Wir sind relativ hohe Wahlbeteiligungen gewohnt. Das hat etwas mit inneren Bindungen sozialer Erwartungen zu tun. In Teilen der neuen Länder ist das so nicht.

Der Mauerfall hat vor allem den Gewinn der Freiheit gebracht. Wird dieses Geschenk heute noch ausreichend wertgeschätzt?

Eine selbstverständlich gewordene Freiheit führt immer dazu, dass die Wertschätzung der Freiheit nachlässt. In bestimmten Situationen ändert sich das auch wieder, gerade dann, wenn man mit Unfreiheit und Unterdrückung im Nahbereich konfrontiert wird. Es gehört aber zur Normalität einer politischen Ordnung, dass das, was wir für selbstverständlich halten, nicht mehr so stark wahrgenommen wird. Das würde ich nicht dramatisieren wollen. Allerdings ging es 1989 nicht nur um die Freiheit, sondern auch um den Wohlstand, übrigens nicht nur in der DDR, sondern auch in den anderen Ländern des äußeren Sowjetimperiums. Zum Zusammenbruch des Regimes der DDR hat geführt, dass das Freiheitsbegehren einer kleinen, fast avantgardistisch agierenden Gruppe und das Wohlstandsbegehren einer großen Mehrheit zusammengekommen sind. Aus der Sicht der herrschenden Eliten hat das Wohlstandsbegehren womöglich den größeren Druck entfaltet. Das Freiheitsbegehren wäre noch zu unterdrücken gewesen, aber die Eigenständigkeit der DDR wäre nur aufrecht zu halten gewesen, wenn das Regime der DDR den Wohlstand der Bevölkerung um 20 bis 30 Prozent gesenkt hätte. Das war einfach nicht durchzusetzen.

Wie hat sich Deutschlands Rolle in der Welt durch Mauerfall und Wiedervereinigung verändert?

Weniger durch den Mauerfall. Der hatte zunächst zur Folge, dass die Deutschen sehr mit sich selbst beschäftigt waren und zehn, zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung als der ökonomisch kranke Mann Europas galten. Dann kam die Agenda 2010, die große Kraftanstrengung des zweiten Kabinetts Schröder/Fischer und eine allmähliche Besserung der Lage. Mit der Euro-Krise ist sichtbar geworden, welch ungeheures Gewicht und damit welch große politische Macht Deutschland in der Mitte Europas hat. Da ist auch deutlich geworden, dass sich die politische Geografie verändert hat. Zu Zeiten des Kalten Krieges war die Bundesrepublik ein Rand- , ja sogar ein Frontstaat. Heute hat Deutschland die Aufgabe, das verfasste Europa zusammenzuhalten und zu verhindern, dass Nord- und Südeuropa auseinanderdriften. Die neue Aufgabe der Bundesrepublik ist die Integration. Damit ist Deutschland die neue Zentralmacht Europas.

Sie haben eine der neuen maßgeblichen Darstellungen zum Ersten Weltkrieg geschrieben. Was können wir aus den Szenarien des Ersten Weltkriegs im Hinblick auf die heutige politische Lage lernen?

Wenn wir uns daran erinnern, dass die Wiener Politik 1914 durch Niedergangsängste und die Berliner Politik durch Einkreisungsängste geprägt war und dass das zu heiklen Reaktionen geführt hat, dann müssten wir in der Lage sein zu begreifen, dass auch die russische Politik heute durch Niedergangs- und Einkreisungsängste geprägt ist. Wenn wir das begriffen haben, dann können wir vielleicht ein wenig geschickter und flexibler gegenüber Putin und der politischen und militärischen Elite in Russland reagieren. Die Deutschen sind mit ihrer zentralen Lage in der Mitte Europas politisch gefordert, durch ihre Geschichte aber auch verwundbar. Ihre Geschichte ist schließlich auch die Geschichte großer Kriege und furchtbarer Verbrechen. Damit müssen wir umgehen. Es geht um politische Klugheit und um politisches Durchsetzungsvermögen auch angesichts der Geschichte. Zudem ist eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik gefragt. Dabei sollte die Bundesrepublik entschieden vorangehen. Bundespräsident Joachim Gauck, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Ursula von der Leyen als Verteidigungsministerin haben das in diesem Frühjahr bei der Münchener Sicherheitspolitik lanciert. Dieses Thema wird die deutsche Politik in den nächsten Jahren stark beschäftigen. Der Werdersche Markt, Ort des Außenministeriums, der jahrelang keine Rolle gespielt hat, ist wieder zu einem wichtigen politischen Ort geworden.

Mit Blick auf den Mauerfall spricht man oft von Deutschlands zweiter Chance. Hat Deutschland diese Chance genutzt?

Ich finde schon. Ja, wir haben diese Chance genutzt. Dazu gehört auch die Bereitschaft zu inneren Reformen im Gefolge der Agenda 2010. Das hat uns in die Lage versetzt, in der Mitte Europas eine angemessene Rolle zu spielen. Dazu gehört natürlich auch, vorlautes und rabiates Auftreten zu vermeiden. Inzwischen zeigt Deutschland aber auch Formen von europäischer Führung. Ich beobachte das an Politikern wie Wolfgang Schäuble und Steinmeier, die beide Führung in Europa zeigen, allerdings in sehr unterschiedlicher Weise. Deshalb gibt es Grund zu Optimismus und Zufriedenheit. Wir haben einen Anfang gemacht.

Was haben Sie am Tag des Mauerfalls gemacht?

Wir hatten damals noch kleine Kinder, unsere Tochter war vier, unser Sohn ein Jahr alt. Ich habe abends in der Küche Nachrichten gesehen. Die sich überschlagenden Nachrichten haben meine Frau und mich vor dem Fernseher gehalten. Während meine Frau versuchte, die Kinder vor dem Einschlafen zur Ruhe zu bringen, habe ich ihr immer wieder den neuesten Stand der Nachrichten berichtet. Als unsere Kinder eingeschlafen waren, saßen wir beide, fasziniert und fassungslos zugleich, vor dem Fernseher.


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