Warschauer Aufstand von 1944 Heimatarmee-Kämpfer sind für viele Polen Helden

Von Norbert Meyer


In den polnischen Medien ist der Warschauer Aufstand gegen die NS-Besatzung von 1944 in diesem Herbst ein großes Thema. Über den Sinn dieser Erhebung wird gleichwohl heftig gestritten.

Warschau. Vor 70 Jahren, im Oktober 1944, scheiterte der Aufstand gegen die Nazi-Herrscher in Warschau. Rund 200000 Bewohner verloren dabei ihr Leben, die übrigen wurden bis auf ganz wenige wie den durch den Polanski-Film „Der Pianist“ bekannt gewordenen Musiker Wladislaw Szpilman brutal vertrieben oder zwangsdeportiert. Vor ihrem Rückzug legten deutsche Besatzungstruppen die Weichselmetropole in Schutt und Asche. Im Bewusstsein der polnischen Öffentlichkeit stellen diese Ereignisse derzeit selbst den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in den Schatten.

Die Reaktion der NS-Besatzer auf den am 1. August von der polnischen „Heimatarmee“ (Armia Krajowa, kurz: AK) begonnenen Aufstand war Völkermord. Einem Befehl Adolf Hitlers und Heinrich Himmlers folgend, töteten bewaffnete Deutsche in den ersten fünf Tagen zwischen 40000 und 50000 Warschauer Zivilisten. Wahllos wurden Gruppen von etwa 500 Personen, darunter Alte, Frauen und Kinder, in Hinterhöfe getrieben und erschossen. Dann wurde es der deutschen Militärführung zu viel, und sie erbat in Berlin einen Stopp der Massenerschießungen, um Kräfte für die Niederschlagung des Aufstandes zu bündeln.

Die Frage nach dem Sinn des gut zwei Monate währenden Aufstandes unter Führung des Generals Tadeusz Komorowski („Bór“) ist in Polen eine hoch politische. War es ein aussichtsloser Kampf, bei dem die Stadt Warschau und viele ihrer Bewohner sinnlos geopfert und zudem Kinder und Jugendliche als Soldaten missbraucht wurden? Oder war es ein heldenhafter Versuch, aus eigener Kraft zu Freiheit und Demokratie zu gelangen? Das Thema scheint derzeit das ganze Land zu beschäftigen. Die Presse publiziert Serien, im zweiten Fernsehprogramm läuft dazu ein Mehrteiler, die Kinos locken mit dem Film „Miasto 44 – Milosc w czasach apokalipsy“ („Stadt 44 – Liebe in Zeiten der Apokalypse“) vor allem das jüngere Publikum an.

Im Museum des Warschauer Aufstandes im Stadtteil Wola ebbt der Strom vor allem jugendlicher Besucher kaum ab. Fünf Millionen Eintrittskarten wurden seit der Eröffnung vor zehn Jahren verkauft. Polnische Kinder identifizieren sich gern mit den Aufständischen, manche verkleiden sich bei Gelegenheit gar als solche. Lehrer und Eltern, die diese Art des Umgangs mit der Geschichte zulassen, müssen sich auf Kritik einstellen.

Dariusz Gawin hält dagegen. Es sei nicht vergebens, Gewaltherrschaft die Stirn zu bieten, erklärt der stellvertretende Direktor des Museums des Warschauer Aufstandes. Das Ja zu einem solchen Kampf sei vielmehr die Konsequenz „aus der Erfahrung zweier totalitärer Regime“ zwischen 1939 und 1989 in Polen. Der Grund, warum die im Sommer 1944 bereits an das Ostufer der Weichsel vorgerückte Rote Armee vor dem Warschauer Zentrum gestoppt und so die Aufständischen sich selbst überlassen hat, liegt für den Museums-Macher auf der Hand. „Für Stalin waren die AK-Kämpfer Vertreter der bürgerlichen Exilregierung in London, die es zu beseitigen galt“, sagt er und spricht von „russischem Imperialismus“. Deshalb müsse man die Ausstellung seines Museums „auch im Kontext dessen betrachten, was heute in der Ukraine passiert“.

Laut ist es in dem Museum, das von der Stadt betrieben wird und auf eine Initiative des beim Absturz seines Flugzeuges ums Leben gekommenen Staatspräsidenten Lech Kaczynski als früherem Stadtpräsidenten Warschaus zurückgeht. Beim Gang durch die Ausstellung hört man Sirenen heulen, Kampfgeräusche und Rundfunkansprachen, sieht Waffen, Uniformen und die weiß-roten Armbinden, mit denen sich die AK zu erkennen gab. Besonders ins Auge sticht ein in Originalgröße aus Holz nachgebautes US-Flugzeug. Aus Maschinen wie diesen wurden Kisten mit Waffen und Hilfsmaterial für die AK über den von ihr verteidigten Stadtvierteln mit Fallschirmen abgeworfen.

Ein 3-D-Film, der auf Originalaufnahmen basiert, lässt die Besucher virtuell über das zerstörte Warschau fliegen. Am Ende werden Gräber gezeigt und Fotos von Trauernden. So lässt sich der Vorwurf entkräften, der gescheiterte Aufstand werde in dem Museum als Sieg dargestellt. Dennoch wird der Kampf der polnischen Antikommunisten dort insgesamt heroisiert – wohl auch eine Folge des jahrzehntelangen Leugnens und Verschweigens durch die sozialistische Staatsmacht bis 1989.

An der Wand neben dem Eingang zur Ausstellung steht die Kriegsparole „Deutschland kaput“. Als Besucher habe Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) irritiert reagiert und seine Gastgeber gefragt, warum sie nicht zwischen Deutschen und Nazis unterscheiden würden, erinnert sich Gawin. Polen hätten diesen Unterschied 1944 aber nicht erkennen können, schließlich habe es in Polen viele Schilder gegeben mit der Aufschrift „Nur für Deutsche“. Wegen seines Ansatzes, Besucher vor allem emotional anzusprechen, ist das Museum des Warschauer Aufstandes so umstritten wie der Aufstand selbst. Interessant ist es trotzdem – gerade für Deutsche, die ihrerseits oft nicht unterscheiden zwischen dem verzweifelten bewaffneten Kampf der Juden im Warschauer Getto 1943 und dem der „Heimatarmee“ 1944.