Im Land mit der mächtigsten Frau der Welt Merkels und Deutschlands unfreiwillige Führungsrolle

Von Christof Haverkamp

Kanzler Angela Merkel wird weltweit wegen Deutschlands wirtschaftlicher Stärke bewundert, wegen ihres Sparkurses aber auch kritisiert. Foto: ImagoKanzler Angela Merkel wird weltweit wegen Deutschlands wirtschaftlicher Stärke bewundert, wegen ihres Sparkurses aber auch kritisiert. Foto: Imago

Osnabrück. Kanzler Angela Merkel wird international bewundert, aber auch in Südeuropa kritisiert. Von Deutschland wird 25 Jahre nach dem Mauerfall eine Führungsrolle erwartet – doch das wollen die Deutschen nicht unbedingt. „Wir wollen andere nicht einschüchtern“, beteuert Bundespräsident Joachim Gauck.

Neun Mal ist Angela Merkel vom US-Magazin „Forbes“ mittlerweile zur mächtigsten Frau der Welt gekürt worden, zuletzt vier Mal in Folge. Die Kanzlerin und CDU-Chefin wird international bewundert; auf sie richten sich weltweit politische Hoffnungen.

Merkel gilt als Rückgrat und Architektin der Europäischen Union (EU). Aber auch als „eiserne Mutti“, die den südeuropäischen Krisenländern qualvolle Reformen und einen harten Sparkurs aufzwingt. Dass griechische und italienische Zeitungen oder Demonstranten die Regierungschefin mit Hitlergruß oder -bart zeigen, mit Hakenkreuz oder in SS-Uniform, ist längst gängige Praxis.

Diese Nazi-Diffamierung hängt nicht nur zusammen mit der schuldbeladenen Geschichte des Landes, das dem 20. Jahrhundert den Stempel aufgedrückt hat wie kein zweiter Staat. Es hat vor allem zu tun mit der Angst vor Deutschlands Größe und wirtschaftlicher Stärke.

Selbst wenn die Deutschen es gar nicht wollen, dominiert ihr Land Europa, sodass oft von einem deutschen Europa die Rede ist. Mit mehr als 80 Millionen Einwohnern übertrifft die Bundesrepublik die Bevölkerungszahl aller weiteren Länder der EU, und das mit deutlichem Abstand: Frankreich, Italien und Großbritannien bleiben jeweils unter 70 Millionen Einwohnern. Deutschland überbietet auch an Wirtschaftskraft alle anderen Länder, es profitiert von seiner zentralen Lage und ist größter Netto-Zahler in der EU.

Von Deutschland wird daher oft eine Führungsrolle in Europa erwartet. Den Deutschen selbst hingegen ist das gar nicht recht. „Ein deutsches Europa – das könnten am wenigsten die Deutschen selbst ertragen“, schrieb Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) im Juli 2013 in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ und fügte hinzu: „Das besondere politische Gebilde Europa eignet sich nicht dafür, dass einer führt und die anderen folgen.“ Erschrocken zeigte sich Bundespräsident Joachim Gauck im Februar 2013 in seiner ersten Europarede über Wahrnehmungen, die das heutige Deutschland in einer Traditionslinie mit deutscher Großmachtpolitik sehen. „Wir wollen andere nicht einschüchtern und ihnen auch nicht unsere Konzepte aufdrücken“, versicherte der Bundespräsident.

Angst bei den Nachbarn

Vor 25 Jahren, als ein wiedervereinigtes Deutschland in Sichtweite war, erwachte bei den europäischen Nachbarn die Angst vor einem vergrößerten und zu mächtigen Deutschland. Misstrauen machte sich breit, am stärksten bei der britischen Regierungschefin Margaret Thatcher.

Helmut Kohls große Leistung bestand 1989/1990 darin, Vertrauen zu schaffen. Große Beachtung schenkte der Kanzler zum Beispiel den kleineren Ländern in Europa. Und Kohl ging mit Frankreich einen Kompromiss ein: Für dessen Zustimmung zur Wiedervereinigung gab die deutsche Regierung den Widerstand gegen die Euro-Einführung auf. Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland war dann der erste Schritt zur Osterweiterung der EU.

Kranker Mann Europas

Anschließend hatten die Deutschen viel mit eigenen Problemen zu tun. Bis es tatsächlich zu blühenden Landschaften kam, dauerte es. Und die Wiedervereinigung war teuer – erheblich teurer als gedacht. Noch vor zehn Jahren schwächelte Deutschland in wirtschaftlicher Hinsicht, galt als reformunfähig und verstieß unter Kanzler Gerhard Schröder gegen die Stabilitätskriterien der EU. Als „kranker Mann Europas“ wurde es verlacht – bevor später der Aufstieg zum ökonomischen Superstar gelang.

Heute befürchten Beobachter eine Nationalisierung der Politik, weil Entscheidungen nicht über Brüssel laufen, sondern über die Regierungen der einzelnen Staaten. Auch dabei steht Deutschland im Mittelpunkt, etwa bei der Bewältigung von Krisen. „Je nach Blickwinkel wird Berlin als Problem, als Lösung oder als Schreckgespenst betrachtet“, stellte US-Professor Harold James im „Spiegel“-Interview fest.