25 Jahre nach dem Mauerfall Deutschlands Image: Abschied vom Hunnen-Klischee

Von Christian Schaudwet

Sympathieträger: Der Touristenmagnet Berlin trägt viele zu Deutschlands Image-Wandel im Ausland bei. Bild: eine geführte Fahrradtour am Brandenburger Tor Foto: dpaSympathieträger: Der Touristenmagnet Berlin trägt viele zu Deutschlands Image-Wandel im Ausland bei. Bild: eine geführte Fahrradtour am Brandenburger Tor Foto: dpa

Osnabrück/Berlin. In das babylonische Stimmengewirr in Berliner U-Bahn-Waggons, an touristischen Brennpunkten wie dem Checkpoint Charlie oder in Kreuzberger Szene-Bars mischt sich seit einigen Jahren eine Sprache, die in Deutschland lange äußerst selten erklang. Immer mehr Israelis reisen nicht nur als Touristen in die deutsche Hauptstadt.

„Berlins Image ist inzwischen so gut, dass viele junge Menschen aus Israel lieber dort leben wollen als bei uns“, sagt David Witzthum, Moderator der Politik-Nachrichtensendung „MeHayom LeMahar“ beim TV-Sender Channel 1 in Jerusalem. Für die jungen Berlin-Fans zähle vor allem der offene, liberale Charakter der Stadt – ergänzt um die öffentliche Sicherheit und niedrige Preise. Das Wissen um den Holocaust hindere sie nicht daran, sich in Deutschland niederzulassen, sagt der Journalist.

25 Jahre nach dem Mauerfall genießt der einstige Brandstifter Deutschland in großen Teilen der Welt einen besseren Ruf denn je. Eine jährlich in 24 Ländern für den britischen BBC World Service auf allen Kontinenten durchgeführte Image-Umfrage setzt Deutschland aktuell mit 60 Prozent Zustimmung auf Platz eins als Land, dessen „Einfluss auf den Gang der Dinge in der Welt“ am besten beurteilt wird – vor Kanada und Großbritannien. Frankreich folgt auf Platz 4, die USA liegen auf Position acht.

Vertreter deutscher Unternehmen im Ausland erleben diesen Sympathiebonus täglich. Das alte Klischee von den fleißigen, pünktlichen, qualitätsversessenen Deutschen erweist sich für deutsche Unternehmen als wertvolles Kapital.

Negatives Deutschland-Bild in Spanien

Aber auch negative Stereotype wie jene von der Sturheit, der Vorschriftenhörigkeit und der Ruppigkeit der Deutschen leben fort – insbesondere bei ehemaligen Kriegsgegnern. Den berühmten Ausspruch des einstigen britischen Premiers Winston Churchill aus dem Jahr 1943 indes würden heute wohl nicht mehr viele Briten unterschreiben: „Den Hunnen hat man stets entweder an der Kehle oder zu Füßen.” Ausgerechnet aus dem Land, in dem sich karikaturenhafte, wahlweise dem Krieg oder dem Fußball entlehnte Hunnen-Klischees am hartnäckigsten hielten, bekommen die Deutschen inzwischen am meisten Lob für ihr Auftreten in der Weltpolitik : 86 Prozent der befragten Briten beurteilten Deutschlands Rolle positiv.

Der schmeichelhafte Spitzenplatz in dem BBC-Ranking bedeutet jedoch keineswegs, dass Deutschlands Politik überall gut ankommt. Überwiegend negative Stimmen erhielt Deutschland aus zwei Ländern: Spanien und Israel. Während der Image-Schaden in den Augen der Spanier vor allem auf Deutschlands harte Linie in der Debatte über Sparmaßnahmen und Reformen in der Euro-Zone zurückzuführen sein dürfte, könnte in Israel zuletzt besonders die deutsche Kritik an der Palästinenser-Politik der israelischen Regierung zur Negativ-Bewertung beigetragen haben. „In Israel reagiert man auf Apartheid-Vergleiche aus Deutschland sehr sensibel“, sagt Journalist Witzthum. „Es herrscht der Eindruck vor, dass die deutsche Öffentlichkeit über den Nahost-Konflikt nicht gut informiert ist.“

Die Erwartungen der Polen steigen

Die Polen indes sehen vor allem Deutschlands Haltung im Ukraine-Konflikt skeptisch: „Deutschland wird hier sehr stark für Naivität gegenüber Russland kritisiert“, sagt Sebastian Płóciennik vom Polnischen Institut für Internationale Angelegenheiten in Warschau. Grundsätzlich aber habe sich das Bild vom westlichen Nachbarn in den vergangenen 25 Jahren sehr positiv entwickelt, erklärt der Ökonom. „Zuletzt bekam Deutschland bei uns für seinen wirtschaftlichen Aufschwung nach der Finanzkrise große Anerkennung.“ Doch auch die Erwartungen nähmen zu: „In Polen wird eine Stärkung der deutschen Armee gefordert, damit sie ihren Beitrag zur europäischen Verteidigung leisten kann.“ Und das, fügt Płóciennik hinzu, sei nach den Ereignissen der vergangenen 200 Jahre „eine ziemlich neuartige Forderung“.

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