Serie: 25 Jahre Mauerfall Das Anarcho-Dorf zwischen West und Ost

Von Maik Nolte

Fluchtbewegung einmal anders: Rechts räumen West-Polizisten das Camp, links werden die Protestler von DDR-Grenzern empfangen. Foto: dpaFluchtbewegung einmal anders: Rechts räumen West-Polizisten das Camp, links werden die Protestler von DDR-Grenzern empfangen. Foto: dpa

Berlin. Die Ostberliner Polizei wollte nicht dagegen vorgehen, die Westberliner durfte nicht: 1988 sorgte für fünf Wochen ein Protestcamp direkt an der Mauer für Aufsehen. Die üblichen Auseinandersetzungen mit der Polizei liefen über eine internationale Grenze hinweg, Beamte versuchten den Widerstand mit Musik zu brechen, Touristen fanden das alles spannend – Berlin, ein Jahr vor dem Mauerfall.

Wo genau im geteilten Deutschland die Linie zwischen West und Ost verlief, schien angesichts der unübersehbaren Grenzanlagen nirgendwo infrage zu stehen. Eigentlich. Tatsächlich aber gab es auf beiden Seiten der Mauer kleinere Flecken, die zum Gebiet des jeweils anderen Staats gehörten. Zu kurzzeitiger Berühmtheit brachte es 1988 das Lenné-Dreieck.

Das nördlich des Potsdamer Platzes gelegene Gelände zwischen Lenné-, Bellevue- und Ebertstraße gehörte zur DDR, die es beim Bau der Mauer 1961 allerdings ausgespart hatte, der Übersichtlichkeit halber. Die vorgelagerte Grenzbefestigung bestand hier aus einem normalen Zaun, und das Lenné-Dreieck, das heute zu den Filetstücken der Berliner Immobilienwirtschaft zählt, war lediglich eine Brache, auf der Wildpflanzen gediehen, ansonsten aber nicht viel los war. Nirgends war die bestgesicherte Grenze der Welt so leicht zu überschreiten wie hier – zumindest ein paar Meter weit. Gekümmert hat das im Osten kaum jemanden.

Das änderte sich im Frühsommer 1988. Die Westberliner Regierung hatte die DDR-Führung endlich so weit bekommen, einem Gebietstausch zuzustimmen, der das Lenné-Dreieck dem Westen zuschlagen sollte. Über das Gelände sollte ein Teil einer heftig umstrittenen Schnellstraße, der Westtangente, geführt werden.

Als die Verträge unter Dach und Fach gebracht worden waren und DDR-Grenzer den Zaun abrissen, besetzten Ende Mai 1988 Umweltschützer, Alternative, Punks und Politaktivisten die Brache – anfänglich aus ökologischen Motiven gegen die Schnellstraßenpläne heraus, aber im Berlin der 80er-Jahre brauchte es ohnehin nicht viel, um die Protestkultur anzufeuern. Das entstehende Camp zog Hunderte Widerständler an, manche tageweise, andere richteten sich häuslich ein. Zum Gedenken an einen Demonstranten, der im Vorjahr in Haft Suizid begangen hatte, benannten die Besetzer das Gelände in „Kubat-Dreieck“ um. Für ein paar Wochen sollte es de facto zu einer Art exterritorialem Niemandsland zwischen den großen Machtblöcken werden.

Denn Westberliner Ordnungshüter konnten nicht einschreiten: Noch gehörte das Gelände rechtlich zur DDR, der Tausch sollte erst zum 1. Juli 1988 in Kraft treten. Und die DDR-Grenzer ließen die Besetzer gewähren: Im Osten störten sie niemanden, und bald genug würden sie ohnehin ein Problem des Klassenfeinds sein. Die Westberliner Polizei versuchte, das Gelände mit einem neuen Zaun abzuriegeln – da dieser an seinen Endpunkten aber nicht bis an die Mauer reichen durfte, blieb der Zugang zum Camp offen, auch wenn Bewohner wie auch Besucher Schikanen erdulden mussten. Nicht nur beim Betreten oder Verlassen des Geländes: Nachts beschallte die Polizei das Camp mit lauter Musik. In jener Zeit habe er die Band Queen „hassen gelernt“, schreibt ein Zeitzeuge bei Facebook: Die Polizisten drehten mit Vorliebe deren Hymne „We are the Champions“ auf, immer wieder. Tagsüber wiederum wurde das Kubat-Dreieck zu einer Touristenattraktion, die man besichtigen konnte; mit Zelten, Hütten, einer „Volxküche“ und einem eigenen Radiosender – und wiederkehrenden Scharmützeln mit der Polizei über den Zaun hinweg, mit Pflastersteinen und Wasserwerfern. Das alles über eine internationale Grenze hinweg. Es war eine bizarre Situation.

Allerdings war das Ablaufdatum des anarchistischen Takatukalands absehbar: Daran, dass die Westberliner Polizei das Gelände pünktlich zum Inkrafttreten des Gebietstauschvertrags gewaltsam räumen würde, zweifelte niemand. Als es am 1. Juli so weit war und neun Hundertschaften der Bereitschaftspolizei auf das Lenné-Dreieck vordrangen, taten 196 Besetzer genau das, was ihnen so oft von konservativer Seite nahegelegt wurde: Sie gingen „nach drüben“. Genauer gesagt: Sie erklommen auf der Flucht vor den Ordnungskräften die Mauer, um sich auf der anderen Seite des „antifaschistischen Schutzwalls“ der Verhaftung zu entziehen. Die einzige Massenflucht der deutschen Nachkriegsgeschichte von West nach Ost.

Die frühzeitig in diesen Notfallplan eingeweihte DDR-Führung sorgte, einen leicht zu erringenden PR-Coup witternd, für einen angenehmen Empfang: Matten wurden ausgelegt, damit die Westflüchtlinge beim Sprung von der Mauer weich landen konnten, Frühstück wurde gereicht und die Grenzverletzer nach einer kurzen Befragung zur nächsten S-Bahn-Station Richtung Westen gebracht.

Denn so betont lässig die Ost-Grenzer auf die denkwürdige Situation auch reagierten: Im selbst ernannten Arbeiter-und-Bauern-Paradies bleiben wollte kein einziger der West-Flüchtlinge.

Und heute? Die Pläne zum Bau der Westtangente hatten sich nach dem Fall der Mauer bald erledigt. Und das Lenné-Dreieck, für knapp fünf Wochen ein Symbol des Protests gegen so ziemlich alles, vom Autowahn über Wohnungsnot bis hin zum Kapitalismus als solchen, ist heute schwer angesagt. Wo damals die Widerständler Totenkopffahnen hissten, Barrikaden bauten und sogar Nutzvieh hielten, steht heute das Ritz-Carlton-Hotel.

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