25 Jahre Mauerfall Erich Honecker: Der kommunistische Veteran

Von Karin Rieppel

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Kurz vor seinem Sturz: SED-Chef Erich Honecker (Mitte) und Mitglieder des Politbüros in Ostberlin. Foto: Getty ImagesKurz vor seinem Sturz: SED-Chef Erich Honecker (Mitte) und Mitglieder des Politbüros in Ostberlin. Foto: Getty Images

Berlin. „Erich, es geht nicht mehr. Du musst gehen.“ Mit diesen Worten soll DDR-Ministerpräsident Willi Stoph SED-Chef Erich Honecker am 17. Oktober 1989 zum Rücktritt aufgefordert haben. Mit dem Sturz Honeckers will das Politbüro die Notbremse ziehen: Seit dem Spätsommer haben Tausende DDR-Bürger ihr Land über Ungarn verlassen.

Montag für Montag demonstrieren Zehntausende für Reformen. Honecker ist nicht abgeneigt, Panzer gegen die Demonstranten auffahren zu lassen. Wenn die Situation in der DDR nicht insgesamt explodieren soll, dann muss man den greisen und versteinerten SED-Chef jetzt entmachten.

Honecker sträubt sich zunächst, will das Feld nicht kampflos räumen. Erst als er merkt, dass er keine Verbündeten mehr hat, beugt er sich und stimmt seiner eigenen Ablösung zu, fügt sich selbst in dieser Situation dem kommunistischen Prinzip der Einstimmigkeit im Politbüro.

Am 18. Oktober verkündet Honecker mit tonloser Stimme im Zentralkomitee der SED offiziell seinen Rücktritt: „Infolge meiner Erkrankung und nach überstandener Operation erlaubt mir mein Gesundheitszustand nicht mehr den Einsatz an Kraft und Energie, den die Geschicke der Partei und des Volkes heute und künftig verlangen.“

Sein Nachfolger als Generalsekretär des ZK der SED wird Egon Krenz, Honeckers Kronprinz und zugleich Führer der Anti-Honecker-Fraktion im Politbüro. „Im kommunistischen Herrschaftssystem“, sagt der Historiker Martin Sabrow, „gab es ja keine institutionalisierte Nachfolgeregelung, sondern nur den Tod oder den Sturz des Machthabers, wenn der nicht freiwillig abtrat. Egon Krenz war immerhin mutig genug, die Ablösung Honeckers zu organisieren, obwohl er keine direkte Rückendeckung aus Moskau hatte.“

Doch als Reformer ist Krenz absolut unglaubwürdig. Er kommt aus dem innersten Kreis der SED und gilt als verantwortlich für das brutale Vorgehen der Sicherheitsbehörden gegen Demonstranten während der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989.

Anfang Dezember muss er von allen Ämtern zurücktreten. Der Versuch, mit Egon Krenz an der Spitze den Machterhalt der SED zu sichern, scheitert. Es ist zu spät. Die Ära Honecker, die 18 Jahre währte, hat die DDR politisch, ökonomisch und moralisch ruiniert.

Wie kann man sich angesichts der Massenproteste, diesen völligen Realitätsverlust erklären? Einen Grund sieht der Historiker Martin Sabrow darin, dass sich schon in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts der Sozialismus von einer Zukunftshoffnung in ein System des Selbsterhalts gewandelt hat. Mehr und mehr sei die DDR „zu einer Diktatur ohne Zukunftsaussicht“ geworden, erklärt Sabrow, Professor an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

In einem solchen System zählt irgendwann nur noch der Machterhalt um jeden Preis, auch um den der Realitätsverdrängung. In dieser Disziplin brachte es Honecker im Lauf seiner Herrschaft zu einer wahren Meisterschaft.

Im Spätsommer 1989 hatte der durch eine schwere Krebserkrankung geschwächte Honecker dann den Bezug zur Wirklichkeit offenbar völlig verloren. Obwohl schon das gesamte sozialistische Lager wankte und es in der DDR überall rumorte, hielt Honecker unbeirrt an den althergebrachten Phrasen und Ritualen fest.

„Für ihn war entscheidend, dass keiner unter einer Brücke schlafen muss, dass alle Arbeit und etwas zu essen haben “ , sagt der damalige Dresdner SED-Bezirkssekretär Hans Modrow. „Das war sein Sozialismus. Doch die jungen Leute wollten Kultur, sie wollten etwas von der Welt sehen und sie wollten nicht wie Unmündige behandelt werden. Das hat er nicht erkannt.“

Modrow hatte es 1989 in Dresden mit einer starken Opposition zu tun. Seine Rolle beim Vorgehen gegen Demonstrante n ist bis heute umstritten. Als DDR-Ministerpräsident (13. November 1989 bis 12. April 1990) holte er Vertreter der DDR-Opposition in die sogenannte „Regierung der nationalen Verantwortung“. Er kannte Honecker seit 1949, erlebte ihn zunächst als Vorsitzenden der Jugendorganisation FDJ: „Er war ein guter FDJ-Vorsitzender. Später, als SED-Chef, war er, glaube ich, von Anfang an überfordert.“

Für Sabrow ist Honecker einer der typischen kommunistischen Veteranen, wie sie auch in anderen Ländern des Ostblocks an der Spitze standen und dort ebenfalls Ende der 80er-Jahre weggefegt wurden: „Sie haben die sozialen und politischen Härten des frühen 20. Jahrhunderts erlebt, sind Figuren eines Zeitalters der Systemkonflikte.“ Honecker habe immer an seiner Stalin-Verehrung festgehalten, sei zu enormer Härte und brutaler Machterhaltung bereit gewesen. Auf der anderen Seite habe er auch eine pragmatische „Kümmerer-Herrschaft“ über seine Landsleute zu praktizieren versucht. „Und er hatte bis 1987 gute Kontakte zur Bundesrepublik. Das war seine Spannbreite, enge Bindung an die Sowjetunion einerseits und Kooperation mit dem Westen andererseits.“

Seine Sowjetunion, das war zum Beispiel Magnitogorsk, „die Stadt am magnetischen Berg“, 1929 als Indus-trie- und Arbeiterstadt am Ural gegründet. Hier wurde der erste sozialistische Stahl gestochen, und Magnitogorsk wurde zu einem leuchtenden Aushängeschild der Sowjetunion. Dorthin reiste Honecker im Juni 1989, wie Sabrow erzählt. Einfach so. Vielleicht, um sich seiner selbst zu versichern.

Die Sowjetunion von Michail Gorbatschow ist nicht mehr seine. Der Mann an der Spitze in Moskau kommt am 6. und 7. Oktober 1989 zu den Feiern der Staatsgründung nach Ostberlin, und die Menschen jubeln ihm zu, weil sie ihn als Reformer sehen .

Honecker dagegen, der sich Rückendeckung erhofft hatte, wird von Gorbatschow ermahnt, nicht den Anschluss zu verlieren. Bis heute weiß man nicht genau, ob er tatsächlich im Vier-Augen-Gespräch mit Honecker die berühmt gewordenen Worte sagte: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Fest steht aber, dass er vor dem SED-Politbüro sagte: „Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort.“ Erich Honecker konnte und wollte das nicht mehr beherzigen.

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www.noz.de/mauerfall


Erich Honecker kam 1912 in Neunkirchen/Saarland auf die Welt. Sein Vater war Bergmann und ab 1919 Mitglied der KPD. Er selbst wurde als Zehnjähriger Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation und 1930 ebenfalls Mitglied der KPD. 1935 wird er in Berlin von der Gestapo verhaftet und zwei Jahre später vom Volksgerichtshof wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zehn Jahren Haft verurteilt. Nach Kriegsende schließt er sich der „Gruppe Ulbricht“ an, baut die FDJ auf und wird ihr erster Vorsitzender. 1961 leitet Honecker als ZK-Verantwortlicher für Sicherheitsfragen die Vorbereitungen für den Mauerbau. 1971 drängt er Walter Ulbricht aus dem Amt und wird als SED-Chef der mächtigste Mann der DDR. Nach seinem eigenen Sturz flüchtet Honecker 1991 gemeinsam mit seiner Frau Margot nach Moskau, um der Strafverfolgung in Deutschland zu entgehen. 1992 Rückkehr nach Berlin und Inhaftierung. 1993 darf er als todkranker Mann zu seiner Tochter nach Chile ausreisen. Dort stirbt er am 29. Mai 1994. hav

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