Boxer und Bürgermeister im Gespräch „Herr Klitschko, ist die Euphorie in der Ukraine verflogen?“



Kiew. Nach den erfolgreichen Maidan-Protesten haben die Menschen in der Ukraine immer noch einen schweren Weg vor sich. Der ehemalige Profiboxer und amtierende Bürgermeister Kiews, Vitali Klitschko, sagt, was jetzt passieren muss.

Herr Klitschko, Sie sind nun Bürgermeister von Kiew, seit den Protesten auf dem Maidan sind bereits mehrere Monate vergangen. Ist die Euphorie über den Regierungswechsel in der Ukraine inzwischen verflogen?

Die Menschen sind auf die Straße gegangen, weil sie einen Wechsel wollten, eine neue Richtung, in die sich die Ukraine entwickelt – nach Europa. Sie hatten Angst, dass sie diese Richtung mit Präsident Janukowitsch nicht einschlagen würden, weil er sich weigerte, das Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen. Die oppositionellen Kräfte haben sich gemeinsam gegen die Regierung gestellt – jetzt, nach der Revolution, kämpfen sie teilweise gegeneinander. Das ist gefährlich. Ich sehe da große Risiken, dass sich die Fehler von 2004 wiederholen. Damals, nach der Orangenen Revolution, haben sich die oppositionellen Parteien ebenfalls zerstritten – und damit den Weg frei gemacht für die Rückkehr reaktionärer Kräfte wie Janukowitsch.

Was muss geschehen, damit die Ukraine auf dem Weg bleibt, den sie nach den erfolgreichen Maidan-Protesten eingeschlagen hat?

Wir sind in einer schwierigen Situation. Innenpolitisch macht uns die verbreitete Korruption zu schaffen, dazu kommen dringend notwendige Reformen. Zusätzlich ist da die von Russland ausgehende Aggression: Präsident Putin hat die Schwäche der Ukraine genutzt und die Krim annektiert; hinzu kommt die Einmischung Russlands im Osten. Klar ist: Ohne die finanzielle und militärische Hilfe aus Moskau für die Terroristen gäbe es die Kämpfe dort nicht. Russland muss sich aus unserem Land zurückziehen, die Grenzen müssen gesichert werden. Dann haben wir die Möglichkeit, uns auf politische und wirtschaftliche Herausforderungen konzentrieren. Unsere Wirtschaft funktioniert nicht, Investoren bleiben weg, Arbeitsplätze fehlen. Diese Probleme müssen wir angehen.

Der Winter steht bevor und viele Kiewer haben Angst, dass sie ihre Wohnungen nicht heizen können, wenn es kalt wird. Können Sie den Bürgern die Gasversorgung garantieren?

Im Moment haben wir tatsächlich nicht genug Gasreserven für den ganzen Winter. Aber ich bin optimistisch, dass wir eine Lösung finden. Und ich hoffe, dass der kommende Winter nicht so kalt wird.

Wie erleben Sie die europäische Unterstützung für die Ukraine?

Wir freuen uns, dass die Ukraine viele Freunde in Europa hat. Die Botschaft des Euromaidans ist schließlich, dass wir Ukrainer uns als Europäer verstehen. Wir wollen ein freies, moderndes, demokratisches Land sein. Deshalb müssen wir nun einen europäischen Lebensstandard aufbauen, und das braucht Zeit. In der Ukraine nennen wir die Maidan-Proteste die „Revolution der Würde“ – das ist es, was die Menschen wollen, in Würde leben. Deshalb sind die kommenden Parlamentswahlen Ende Oktober so wichtig, um zu beweisen, dass wir ein demokratisches Land sind, das seine Zukunft in Europa sieht.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN