Kleines Blockflöten-Orchester Syrische Musiker spielen vor Flüchtlingskindern in Jordanien

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Irbid. Eigentlich sind es die beiden syrischen Musiker Kinan Azmeh und Dima Orsho gewohnt, auf großen Bühnen vor fachkundigem Publikum zu stehen – wie derzeit beim 10. Morgenland Festival in Osnabrück. Zuvor aber waren sie in Jordanien, um mit syrischen Flüchtlingskindern zu musizieren. Für die beiden Künstler eine besondere Erfahrung.

Eine Blockflöte in ungeübten Händen bedeutet meist schrille Töne. 20 Blockflöten in den Fingern halbstarker Jungen, die noch nie zuvor ein solches Instrument gehalten haben, lässt Unerträgliches erahnen. Doch Kinan Azmeh teilt allen Warnungen zum Trotz die Flöten unter den wartenden syrischen Flüchtlingskindern aus. Hier, in einem Sozialzentrum in der jordanischen Stadt Irbid an der Grenze zu Syrien, bedeutet ein Korb voll Blockflöten eine Abwechslung vom tristen Alltag. Von der Angst vor der Zukunft, von der Erinnerung an die Vergangenheit, die geprägt ist von Flucht und Vertreibung, Krieg und Gewalt.

Ein Jahr nicht komponiert

Azmeh ist syrischer Klarinettist und Komponist, geboren in Damaskus. Seit mehr als 15 Jahren lebt er in New York, hat dort an der renommierten Julliard School studiert, tourt seit Jahren mit seiner Klarinette durch die ganze Welt. In Osnabrück war der 38-Jährige bereits häufig zu Gast, und auch beim 10. Morgenland Festival steht er in der Hasestadt auf der Bühne. Doch der professionelle Künstler, der Virtuose an der Klarinette ist verschwunden, als er den aufmerksam lauschenden Kindern zeigt, wie sie ein hohes A und ein hohes C auf der Blockflöte greifen sollen.

Als Anfang 2011 die Revolution in Syrien ausgebrochen sei, habe er sich gefragt, was er tun könne, sagt Azmeh. Die nicht enden wollende Gewalt lähmte ihn, ein Jahr komponierte er gar nicht mehr. Dann folgte die Erkenntnis: Musik zu machen, ist ein Akt der Freiheit. Azmeh schrieb und spielte wieder. „Musik kann keine Kugeln aufhalten, aber sie kann begeistern“, sagt er in der Rückschau auf seinen Jordanien-Besuch in einer Rede vor den Vereinten Nationen. „Das ist ein kleiner Teil, den ich als Musiker leisten kann: diesen Kindern eine gute Zeit zu schenken.“

Trauma-Arbeit mit Musik

Das gelingt im Flüchtlingszentrum in Irbid. Allein im Großraum dieser Grenzstadt haben mehr als 120000 Syrer Zuflucht gesucht. Das jordanische Sozialsystem und die Infrastruktur ächzen unter der Überlastung – und täglich kommen mehr Menschen. Organisationen wie das Kinderhilfswerk terre des hommes sind vor Ort, um Flüchtlingshilfe zu leisten.

Trauma-Arbeit gehört neben der Notversorgung zur Arbeit des Hilfswerks. Gemeinsam mit dem Morgenland Festival Osnabrück hat die deutsche Sektion von terre des hommes mit Sitz in Osnabrück die Reise von Azmeh, Dima Orsho und dem deutschen Akkordeonist Manfred Leuchter nach Irbid organisiert. Zu dritt spielen sie nach der Blockflöten-Übung zum Tanz auf. Orsho stimmt ein arabisches Volkslied an – und nachdem die erste Schüchternheit verflogen ist, bewegen sich die Kinder begeistert im Takt.

Orsho ist Sopranistin, ebenfalls in Damaskus geboren, seit vielen Jahren lebt sie in Chicago. Sie hat nicht gezögert, die Einladung nach Irbid anzunehmen. Ihre Eltern lebten noch bis vor einem Jahr in Damaskus, dann sind sie vor dem Krieg in die USA zu ihrer Tochter geflohen. Mitnehmen konnten sie nur, was in ihre Koffer passte, der Rest blieb zurück – unbewacht, Plünderern preisgegeben. „Wir wissen nicht, was mit unserem Haus und den Sachen passiert ist“, sagt Orsho schlicht. Sie schweigt einen Moment. Dann erzählt sie von Freunden und Verwandten, die gestorben sind im Krieg. Von der Angst, nicht zu wissen, wen es als nächstes trifft.

Gegen die eigene Ohnmacht

Azmeh und Orsho spielen und singen vor den Flüchtlingskindern in Irbid gegen die eigene Ohnmacht an, das sinnlose Blutvergießen in ihrer Heimat nicht stoppen zu können. Sie legen Trauer und Verzweiflung in ihre Musik, aber auch Lebensfreude und Hoffnung – und packen damit ihre jungen Zuhörer, die sich darin wiederfinden.

Später hat sich eine Gruppe syrischer Frauen versammelt, die meisten mit Kopftüchern, einige völlig verschleiert. Manche halten ihre Babys im Arm, Kleinkinder krabbeln herum oder drücken sich an die Beine der Mütter. Zurückhaltend lauschen die Frauen der Musik – bis Orsho ein arabisches Liebeslied anstimmt. Ihre kraftvolle Stimme vermischt sich mit dem klagenden Klang der Klarinette. Da huscht ein Lächeln über viele Gesichter, manche Mütter wiegen sich langsam im Takt der sehnsuchtsvollen Melodie, hier und da rollen Tränen.

Die Blockflöten bleiben im Sozialzentrum in Irbid zurück, als Azmeh und Orsho gehen – für die nächste Flötenstunde. Die Begegnung mit den Kindern, die sich nach der Flucht in ihrer neuen Umgebung zurechtfinden müssen, oft arm und verunsichert, hat die beiden Musiker berührt. Und inspiriert: „Dieser kleine Junge, dieser Beatboxer, der gemeinsam mit seinen Freunden kleine Stücke einstudiert – der ist ein echtes Vorbild“, sagt Azmeh. Zum Abschied klatscht er jeden persönlich ab. Strahlende Kinderaugen danken ihm und Orsho für ihren Besuch.


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