Ukraine: Trauma des 2. Mai Seit dem Massaker liegt ein Schatten auf Odessa

Von Christian Schaudwet


Odessa. Das Massaker vom 2. Mai, bei dem in Odessa Dutzende pro-russische Aktivisten getötet wurden, wird wohl nie restlos aufgeklärt werden – das belastet die ukrainische Hafenmetropole und droht das Land weiter zu spalten.

Oben auf dem Meeresboulevard, von dem Odessas legendäre Potemkin-Treppe hinunter zum Hafen führt, ist der Krieg weit weg. Pärchen küssen sich im Schatten alter Platanen, mobile Espressobars verströmen Kaffeeduft. Ein Mann mit Strohhut dient Touristen den stattlichen Adler an, der sich an seinen Unterarm krallt. Das Tier komme aus den Bergen der Krim, raunt er. Streicheln ist gratis, fotografieren kostet.

Als hätte der Krieg einige Hundert Kilometer östlich nicht schon rund 3000 Menschen den Tod gebracht, lässt die lebensfrohe Schwarzmeer-Metropole Odessa sich die Tragödie nicht anmerken. „Wir lachen noch, und wir machen immer noch Witze. Das ist die Mentalität von Odessa“, sagt der 31-jährige Anatolij Alexandrow.

Doch er weiß, wie sehr der Schein trügt: „Alle kennen die Bedrohung für unsere Stadt.“ Nur 90 Kilometer nordwestlich, im von der Republik Moldau abtrünnigen und von Moskau protegierten Transnistrien, stehen russische Truppen. Viele Odessiten trauen dem brüchigen Waffenstillstand im Osten der Ukraine nicht. Sollte der Konflikt mit Russland sich verschärfen, fürchten sie, dass die Einheiten in Transnistrien binnen Stunden die Stellungen der ukrainischen Armee überrennen und auf ihre Heimat vorstoßen werden.

Alexandrow, Vizechef der Jugendorganisation der Timoschenko-Partei Batkiwschtschyna (Vaterland) im Bezirk Odessa, will auch dann noch bleiben. Er sei Patriot, sagt er. Außerdem müsse er sich um seine schwer kranke Mutter kümmern. Sie könne nicht mehr fliehen.

Andere haben die Millionenstadt aus Furcht längst verlassen. Familien sind zu Verwandten in die Westukraine gezogen, in östliche EU-Länder, einige nach Moskau. Sie wollen zurückkehren, wenn die Gefahr vorüber ist – irgendwann.

Odessa liegt in jenem Gebiet im Süden der heutigen Ukraine, das einst Fürst Potemkin für die russische Zarin Katharina kolonisierte. Der Name „Neurussland“, den es damals erhielt, ist in Moskau heute wieder en vogue. Diesmal führt ihn der russische Präsident Wladimir Putin im Munde.

Das Erdgas lockt

Doch nicht Putins Reden von „Noworossia“ bereiten Alexandrow Sorge. In seinen Augen sind es die Erdgasvorkommen in der Region, die den russischen Staatschef locken. Ein solches Motiv wäre nicht abwegig: Mit Odessa verlöre die Ukraine den Zugang zu vielversprechenden Gasfeldern in den Küstengewässern, was ihre Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen vertiefen würde. Zudem gilt die Hafenstadt als idealer Standort für ein geplantes Flüssiggas-Terminal, das dem Kreml kaum genehm sein dürfte.

Daran, wie dünn die Oberfläche der Normalität in Odessa ist, erinnert auch die kleine, bunt gemischte Schar, die jeden Sonntag auf dem Kulikovo-Feld vor dem rußgeschwärzten Haus der Handelsgewerkschaft der Toten des 2. Mai gedenkt. Demonstrationen, gefolgt von Straßenschlachten zwischen pro-ukrainischen und pro-russischen Gruppen, waren hier zu einem grausigen Massaker eskaliert. In dem brennenden, belagerten Gebäude kamen nach offiziellen Angaben 48 Menschen um, nach Aussage pro-russischer Aktivisten waren es wesentlich mehr.

„Dort drin sind Schüler von mir gestorben, während die Kinder der Reichen von Kiew im Ausland zur Schule gehen“, ruft Ludmilla (Name von der Redaktion geändert). Die aus Weißrussland stammende Deutschlehrerin ist erzürnt darüber, dass die Polizei den Demonstranten an diesem Sonntag den Zugang zu der improvisierten Gedenkstätte mit Blumen, Fotos und Spendenkästen verwehrt. Beamte haben das gesamte Gelände gesperrt – mit der Begründung, es gebe eine Bombenwarnung. Ein fadenscheiniger Vorwand, sagen die Demonstranten.

Ein Mann mit Megafon wettert gegen die ukrainische Regierung, spricht von „Faschisten“ und der „Junta in Kiew“. Plötzlich Pfiffe, Schreie und Gerangel inmitten der rund hundert Teilnehmer. Uniformierte versuchen, einzelne Demonstranten festzunehmen, aber lassen rasch davon ab. Dass Gewaltszenen ausbleiben, könnte an den vier Vertretern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) liegen, die das Geschehen beobachten.

Von den Behörden nicht verhindert, nur halbherzig untersucht und bis heute nicht aufgeklärt, lasten der Tod der Aktivisten und die Kette von Provokationen und Gewalttaten, die ihm vorausgingen, schwer auf der Stadt und der gesamten Ukraine. Es kursieren widersprüchliche Theorien. Eine lautet: Rechtsradikale mit Rückendeckung der Regierung hätten ein Exempel statuieren wollen, um eine Gebäudebesetzung wie in ostukrainischen Städten zu verhindern. Eine andere: Von Russland finanzierte Agenten hätten die eigenen Sympathisanten in die Falle gelockt und verbrennen lassen, um ein Fanal gegen die ukrainische Regierung zu inszenieren. Immer wieder ist auch zu hören: Nicht durch Feuer oder Rauch, sondern durch Waffen und Gas seien die meisten Opfer zu Tode gekommen.

Eine tolerante Stadt

Auf eine Einschätzung immerhin können sich viele in Odessa einigen: Die entscheidenden Akteure kamen von außerhalb. Auch Andreas Hamburg, Pastor der deutschen evangelisch-lutherischen Gemeinde St. Paul, sagt: „Odessa ist eine tolerante Stadt mit vielen Nationalitäten und Religionen. Der 2. Mai war ein importierter Fremdkörper.“ Hamburg rechnet nicht mit einer lückenlosen Aufklärung. Man werde wohl „mit einer halben Wahrheit leben müssen“. Dringender sei nun, einen Versöhnungsprozess in Gang zu bringen – auch, wenn der sehr lange dauern werde.

Ob das Menetekel von Odessa Vorbote weiteren Unheils ist, bleibt offen. Eindeutig dagegen ist dem Soziologen Alexander Dobronin vom Europäischen Institut für soziale Kommunikation zufolge ein langfristiger Trend: „Wir sehen einen Wandel zur Identifikation mit der Ukraine.“ Und das, obwohl in Odessa nach wie vor überwiegend Russisch gesprochen wird. In drei Umfragen des Instituts zwischen 1989 und 2014 unter jeweils tausend Odessiten stieg der Anteil derer, die sich eine „ukrainische Identität“ zuschrieben, von 49 Prozent auf 73 Prozent.