Junge Union wählt neuen Vorsitzenden Kapuzenpullipaul oder Bäm-Benedict?

Von Melanie Heike Schmidt


Osnabrück. Das hat die Junge Union seit 41 Jahren nicht erlebt: Um den Vorsitz der mit 117000 Mitgliedern größten Nachwuchsorganisation Deutschlands, ja sogar Europas, bewerben sich zwei Kandidaten. Zum einen der betont leger auftretende Paul Ziemiac aus dem Sauerland, zum zweiten Benedict Pöttering, der niedersächsische Kampfhund im Anzug. Freitagabend kommt es im bayrischen Inzell im Chiemgau zum Showdown der Kontrahenten.

Ach, wie schade: Da erlebt die Junge Union (JU) erstmals seit vier Dekaden mal wieder eine erfrischende Kampfkandidatur um ihren Bundesvorsitz, und kurz vor knapp schwenken beide Kandidaten auf Kuschelkurs um. Nach der Wahl des neuen Vorsitzenden am Freitagabend durch die rund 300 Delegierten bei ihrem Deutschlandtag in Inzell werde man wieder enger miteinander arbeiten, und zwar „gemeinsam“ und unter angemessener „Berücksichtigung der Landesverbände“, orakelten beide kurz vor der Abstimmung. Sacharbeit? Gemeinsam? Wie langweilig.

„Sturmerprobt und erdverwachsen“

Dabei hatte alles so schön angefangen: Benedict Pöttering aus Bad Iburg, der sich selbst im Interview mit unserer Zeitung als „sturmerprobt und erdverwachsen“ beschreibt, erwies sich im Wahlkampf obendrein als einer, der austeilt. So wollte der Niedersachse – wie es sich als Chef in spe einer Jugendorganisation eigentlich auch gehört – nicht nur seiner Mutterpartei CDU ordentlich Dampf machen („Kritik gehört zur DNA der Jungen Union“), sondern sich auch höchstpersönlich dieser Aufgabe widmen. Das versprach er der Basis in einer langen, offenen Bewerbungs-E-Mail, mit der zugleich seinen basisorientierten Mitmach-Stil untermauerte.

Gretchenfrage Kritikfähigkeit

Obendrein stellte sich der 31-Jährige damit offen gegen seinen Mitbewerber um den Bundesposten, den 29-jährigen Paul Ziemiak aus Nordrhein-Westfalen. Dieser hatte zuvor erklärt, dass er Kritik an der Mutterpartei nicht als zentrale Aufgabe ansehe. Damit waren die Fronten abgesteckt – zumindest die persönlichen. Denn sachlich war bei beiden Kandidaten auch nach intensiver Suche kaum ein Unterschied auszumachen. Beide kritisierten harsch das Rentenpaket, welches die Union in der Großen Koalition zusammen mit der SPD beschlossen hatte. Insbesondere die Rente mit 63 stieß unisono auf Ablehnung. Und beide versprachen, mehr oder weniger lautstark, dass die Junge Union sich überhaupt wieder mehr einzumischen gedenke in der großen Politik.

Die Ära Mißfelder

Das war zuletzt unter Philipp Mißfelder, der immerhin zwölf Jahre lang die Junge Union anführte, tatsächlich etwas ins Hintertreffen geraten. Der hatte zu Anfang seiner Amtszeit mehrfach für Aufregung gesorgt, etwa, als er die Sinnhaftigkeit von neuen Hüftgelenken für 85-Jährige infrage stellte. Welch ein Wirbel. Mißfelder zog seine Lehre draus und hielt sich fortan deutlich bedeckter, zumindest in seiner Funktion als Bundesvorsitzender der JU. Ende August hat Mißfelder seinen 35. Geburtstag gefeiert, weswegen er den Staffelstab nun an einen Jüngeren abgeben muss. Nach rekordverdächtigen zwölf Jahren.

Zwei Politiker, zwei Stile

Als Mißfelders Favorit gilt Pöttering, schon jetzt Bundesvize und als Sohn von Hans-Gert Pöttering, versierter Europa-Politiker und heute Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, in einer Politikerfamilie großgeworden und längst mit allen - auch medienpolitischen - Wassern gewaschen. Die Strategie von Pöttering junior lautet in Kürze: Basis mobilisieren, optisch korrekt auftreten, aber verbal ordentlich austeilen. So tauchte er auf vielen regionalen Treffen auf, postete anschließend reichlich Fotos davon auf Facebook und kritisierte lautstark und öffentlichkeitswirksam Wahlgeschenke der Großen Koalition wie das Rentenpaket oder den Mindestlohn als falsch.

Pötterings Kontrahent Ziemiak, den immerhin zehn von 18 Landesverbänden der JU unterstützen, darunter das mitgliederstarke NRW, dessen Landesvorsitzender er ist, hielt sich dagegen lange zurück und tauchte kaum in Interviews auf. Erst, als sich der Wahlkampf zuspitzte, trat der Sauerländer, dessen Wurzeln in Polen liegen, vermehrt ins Rampenlicht. Zuvor hatte er seinen Anzug gegen einen Kapuzenpulli getauscht und sich als „Euer Paul“ ebenfalls als eifriger Basisarbeiter erwiesen. Den Titel „Kapuzenpullipaul“ hatte er schnell weg. Doch sein Stil war leiser, kompromissbereiter als Pötterings Poltern.

Galliger Wahlkampf

Derweil wurde der Wahlkampf immer galliger, ein peinlicher Mail-Verkehr von Pöttering tauchte bei einem Nachrichtenmagazin auf, den „der liebe Benedict“ wohl lieber nicht so gern öffentlich gemacht hätte. Doch er schoss zurück, Begriffe wie „Wegducken“ wiesen mehr als deutlich darauf hin, was Pöttering umgekehrt von Ziemiaks Stil hielt. Aus Pöttering wurde „Bäm-Benedict“.

Kaderschmiede Junge Union

Wer also wird am Ende die Nase vorn haben und sich die Krone sichern? Bis zum Wahltag zeichnete sich keine deutliche Mehrheit für einen der beiden Kandidaten ab. Ihre Reden vor den Delegierten werden entscheidend sein, sicher auch, welche Schwerpunkte die ebenfalls für eine Rede eingeplante Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel in ihrer Ansprache setzen wird.

Vermutlich wird am Wahlabend der Kuschelkurs der Kontrahenten noch einmal unterbrochen werden, denn ohne Kampf kein Sieg. Und es gibt ja viel mehr zu gewinnen als nur den Bundesvorsitz: Seit jeher gilt die Junge Union als Kaderschmiede und quasi als Garant, später für höhere Aufgaben auserkoren zu werden. Aus vielen der bisher 14 Vorsitzenden wurden Bundesminister. Ein Beispiel ist Hermann Gröhe, einst JU-Vorsitzender, jetzt Bundesgesundheitsminister.