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11.09.2014, 11:56 Uhr US-PRÄSIDENT UNTER DRUCK

Obama gegen IS: Zähneknirschend in den Krieg

Kommentar von Franziska Kückmann

In einer Rede an die Nation erläutert US-Präsident Barack Obama seine Strategie gegen den IS-Terror. Foto: ReutersIn einer Rede an die Nation erläutert US-Präsident Barack Obama seine Strategie gegen den IS-Terror. Foto: Reuters

Osnabrück. Bisher hat US-Präsident Barack Obama alles versucht, um sich nicht in einen neuen Krieg in Nahost verwickeln zu lassen. Doch die Terrorgruppe IS zwingt ihn zu handeln. Zähneknirschend stimmt Obama sein Land auf einen langwierigen Kampf ein.

Es waren die Worte, die er niemals hatte sprechen wollen: US-Präsident Barack Obama hat die amerikanische Bevölkerung auf einen langwierigen Kampf gegen die Terrorgruppe IS eingestimmt und Luftschläge in Syrien angekündigt. Einst war er dieses Amt angetreten, um hinter dem Kriegstreiber George W. Bush aufzuräumen und die USA aus den beiden großen Militäreinsätzen Irak und Afghanistan herauszuführen. Doch nun musste er die Bürger auf einen weiteren langwierigen Krieg im Nahen Osten einschwören – was für ein Eingeständnis der eigenen Niederlage.

Für den Zerfall des Iraks und Syriens mögen verschiedene Faktoren verantwortlich sein. Das Versagen der amerikanischen Außenpolitik ist einer davon – und zwar ein bedeutender. Nach der Invasion im Irak 2003 haben die USA dort systematisch politische Strukturen zerstört; allerdings ist es ihnen nicht gelungen, ein neues, stabiles System aufzubauen. Der Rückzug fast zehn Jahre später erfolgte überstürzt, das Machtvakuum nutzten die Terroristen. Dafür bekommt Obama nun die Quittung.

Gerade weil der IS-Terror die Vereinigten Staaten bisher noch nicht unmittelbar bedroht, hat der US-Präsident den Moment sehr sorgfältig gewählt, um der Bevölkerung dieses neue militärische Engagement beizubringen: den Vorabend des 11. Septembers, jenes Tags der Terroranschläge, die Amerika vor 13 Jahren bis ins Mark erschütterten und für immer veränderten. Obama erinnert seine Landsleute daran, wie konkret die Terrorgefahr für die USA werden kann – und begründet damit die Notwendigkeit, gegen die IS vorzugehen.

Dass er dafür nun auch Luftschläge auf Stellungen der Terroristen in Syrien ankündigt, ist nur konsequent. Die Gruppe breitet sich in dem Krisenland bisher unbehelligt aus, die US-Luftwaffe fürchten zu müssen. Dennoch wird dem US-Präsidenten diese Entscheidung schwergefallen sein: Seit Beginn des dortigen Bürgerkriegs hat er schließlich alles versucht, um die USA aus den Auseinandersetzungen herauszuhalten. Nun droht sein Land, in die Kriegswirren hineingezogen zu werden.

Und das mit fragwürdigen Mitstreitern: Die USA kämpfen schließlich ebenso gegen die IS-Stellungen wie das syrische Assad-Regime. Das wiederum ist mit dem Iran verbündet, der als schiitische Bastion ebenfalls großes Interesse an der Zurückdrängung der radikal-sunnitischen Miliz hat. Zwar hat Obama eine Zusammenarbeit mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gegen die IS ausgeschlossen – doch sie bekämpfen immerhin einen gemeinsamen Feind.

Weil der Fokus auf dem vorrückenden „Islamischen Staat“ liegt, gerät der ursprüngliche Grund für den syrischen Bürgerkrieg völlig in den Hintergrund: der blutig eskalierte Widerstand gegen den nicht einlenken wollenden Diktator Assad. Die USA wollen nun syrische Rebellen ausbilden, damit sie sich gegen den IS zur Wehr setzen können. Doch diese sind einst angetreten, um Assad zu stürzen – und werden neu erworbenes Wissen auch für dieses Ziel einsetzen. Damit greifen die USA doch stärker in das Kriegsgeschehen ein, als es auf den ersten Blick scheint.

Und so mag Obama sich noch so sehr bemühen, mit Blick auf die Ausweitung der Luftschläge auf Syrien das Wort „Krieg“ nicht in den Mund zu nehmen: Wer genau hinsieht, der sieht den Rattenschwanz an Konsequenten, die sich aus dem verstärkten militärischen Engagement im Krisengebiet ergeben. Der US-Präsident kann seine Entscheidung auf eine breite Zustimmung in der Bevölkerung stützen. Dennoch wird sie ihm nicht schmecken. In seiner zweiten Amtszeit wollte er sich verstärkt auf innenpolitische Baustellen konzentrieren – doch die außenpolitischen Versäumnisse der Vergangenheit holen ihn ein.

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