Mazyek im Interview Zentralrat der Muslime fordert gezieltere Schulung von Imamen

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Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Foto: Michael GründelAiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, spricht im Interview mit unserer Zeitung über die sogenannte „Scharia-Polizei“ in Wuppertal, die Gefahr rückkehrender Terroristen aus dem Irak oder Syrien und die Chancen, Radikalisierung unter jungen Muslimen vorzubeugen.

Herr Mazyek, was halten Sie von den Reaktionen auf das Auftreten der sogenannten „Scharia-Polizei“ in Wuppertal?

Erst einmal: Diese paar Halbstarken sprechen nicht in unserem Namen. Sie zweckentfremden unsere Religion und haben den Muslimen in Deutschland enorm geschadet. Gleichzeitig waren die Reaktionen darauf teilweise übertrieben. Der bayerische Innenminister hat gar von einer Kriegserklärung an Deutschland gesprochen – dadurch geben wir diesen Leuten nur ein unangemessen großes Gewicht.

Welche Reaktion wäre denn angemessen gewesen?

Es hätte gereicht zu dokumentieren, dass Muslime diese Aktion als völligen Unsinn und schrill abgestempelt haben. Doch durch den medialen Hype und die vielen Äußerungen von Bundespolitikern wurde das Thema viel zu hoch gehängt.

„Scharia-Polizei“, IS-Terror, die Angst vor gewaltbereiten Rückkehrern aus dem Irak und Syrien – inwiefern beeinflussen diese Themen das Islambild in Deutschland?

Sie beeinflussen es nachhaltig negativ und verunsichern viele – und zwar Nicht-Muslime wie Muslime gleichermaßen. Wir beobachten zwischen ihnen eine gesellschaftliche Entfremdung, die zum Teil sogar größer ist als noch vor zehn Jahren. Auch wenn es viele Nicht-Muslime gibt, die differenzieren können zwischen Islam und dem sogenannten Islamismus, ist ein Großteil der Bevölkerung doch verunsichert. Und dies wiederum verunsichert Muslime, die fürchten, unter Generalverdacht gestellt zu werden.

Was lässt sich dagegen tun?

Wir brauchen mehr Zeichen und weniger Reden. Am kommenden Freitag etwa werden wir in den Moscheen Friedenskundgebungen organisieren, mit Vertretern der Muslime und der Zivilgesellschaft. Zum Schluss spricht der Imam ein Bittgebet für Frieden in der Welt. Diese Aktion steht unter dem Motto „Muslime stehen auf gegen Hass und Unrecht“. Thematisiert wird jene Gewalt, die missbräuchlich im Namen des Islams geschieht, und jene, die wir im Alltag erleben, zum Beispiel Anschläge auf Moscheen.

Thema IS-Terror im Irak und in Syrien: Deutsche Behörden warnen vor islamistischen Rückkehrern aus den Krisengebieten nach Deutschland. Ist das Panikmache?

Nein, diese Gefahr ist real. Doch der Ansatz müsste sein, Verdächtige gar nicht erst ausreisen zu lassen . Bereits vor zwei Jahren haben wir diesen Vorschlag gemacht: Ausländer, die in dieser Richtung straffällig werden, gehören ausgewiesen. Verdächtige mit deutschem Pass müssen an der Ausreise gehindert werden. Diese Idee wurde mit dem Hinweis auf die Reisefreiheit zurückgewiesen.

Welche Chancen gibt es denn, die Radikalisierung junger Muslime zu verhindern?

Oftmals besteht in einer muslimischen Gemeinde noch die Chance, einen jungen Menschen, der auf der Kippe zur Radikalisierung steht, anzusprechen und aufzufangen. Doch die Gemeinden sind meist so verunsichert, dass sie sich dies nicht trauen, aus Angst, öffentlich an den Pranger gestellt zu werden. Diese Furcht ist in vielen Fällen größer als das Bestreben, einen Menschen vor einem Abgleiten in die Radikalität zu bewahren. Genau da müssen wir ansetzen: Einen Muslim, der sich auf eine radikale Ideologie einlässt, müssen wir schließlich religiös abholen, ihn für ein Gespräch gewinnen. Theologisch lässt sich das neo-salafistische Islamverständnis schließlich leicht widerlegen.

Weshalb gelingt dies bisher so selten?

Weil eben in vielen Gemeinden die Furcht herrscht, selbst unter Verdacht zu geraten, wenn sie auf potenzielle Radikale aufmerksam machen. Für die präventive Arbeit brauchen wir Schutzräume und geschultes Personal sowie eine systematische und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Behörden, mit Jugendämtern, Sozialarbeitern und Psychologen. Das kostet Geld. Gleichzeitig brauchen Moscheegemeinden das Rüstzeug, um selbst mit diesen Problemen umzugehen, etwa indem Imame gezielt geschult werden. Solche Maßnahmen muss sich der Bund etwas kosten lassen.

Woran scheitert dieser Ansatz bisher?

Ich beobachte von politischer Seite eine große Skepsis gegenüber der Religion, nicht nur alleine auf den Islam bezogen. Behörden für Sozialprojekte zu begeistern ist oft einfacher als für die Unterstützung religiöser Angebote. Doch Radikalisierungsphänomenen, die sich fälschlich auf den Islam berufen, müssen wir im ersten Schritt mit religiösen Ansprachen begegnen. Nur so kriegen wir die betroffenen jungen Muslime – wenn überhaupt.

Noch sind Menschen mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert bei der Polizei oder im Verfassungsschutz. Inwiefern sehen Sie hier Handlungsbedarf?

Die Polizei hat recht, wenn sie darauf verweist, dass sie nicht aufgrund des Quotendrucks die Zugangsstandards senken kann. Das heißt, wir müssen daran arbeiten, dass mehr Migranten höhere Abschlüsse machen. Gleichzeitig könnten zusätzliche Qualifikationsmaßnahmen eine Möglichkeit sein, Menschen mit Migrationshintergrund den Zugang zu erleichtern. Hier fehlen bislang entsprechende Anstöße vonseiten der Politik.


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