50 Jahre terre des hommes Der Krieg, die Kinder und die Helfer in der Not

Von Uwe Westdörp | 02.01.2017, 06:00 Uhr

„Da kann man nicht einfach zusehen. Da muss man etwas unternehmen.“ Der Vietnamkrieg und das Leid vieler Kinder waren vor 50 Jahren der Auslöser für die Gründung von terre des hommes Deutschland. Lutz Beisel, einer der Männer der ersten Stunde, erinnert sich.

 Herr Beisel, Sie gehörten vor 50 Jahren zu den Gründungsmitgliedern von terre des hommes Deutschland. Was war der Auslöser für Ihr Engagement? Wann und weshalb haben Sie gesagt: So geht es nicht weiter? 

Ich habe damals miterlebt, wie die Amerikaner ihre Waffen und Soldaten von Frankfurt aus ins Kriegsgebiet nach Vietnam geflogen haben. Zudem lief gerade der Auschwitz-Prozess. Dies alles hat in mir starke Verzweiflung, aber auch den Impuls ausgelöst, den herrschenden Zuständen eine humanitäre Aktion entgegenzusetzen. Dann habe ich durch Zufall gelesen, dass in der Schweiz eine kleine Gruppe um den Journalisten Edmond Kaiser kriegsverletzte Kinder aus Vietnam herausholt. Ich habe sofort Kontakt aufgenommen, bin hingefahren und habe mich entschlossen, auch hierzulande aktiv zu werden. Das war die Geburtsstunde von terre des hommes Deutschland.

 Wie viele Mitstreiter hatten Sie damals?  

Als wir uns im Januar 1967 zur Gründung in Stuttgart trafen, waren etwa vierzig Leute um mich. Wir haben uns einmal in der Woche getroffen und dann beschlossen, was jeder von uns macht. Das ist dann später, als die ersten Kinder kamen, so gewachsen, dass es nicht mehr ehrenamtlich gemacht werden konnte.

 Wie war das, als terre des hommes die ersten Kinder aus Vietnam ausfliegen ließ? Waren Sie dabei? 

Ja, ich war dabei. Das erste Flugzeug landete im Frühsommer 1967 in Rotterdam. Das hing damit zusammen, dass wir auf Freiplätze in Flugzeugen angewiesen waren, die uns von Fluggesellschaften überlassen wurden. Wir haben die Jungen und Mädchen aus Rotterdam abgeholt. Von da an hatte ich ständig Kontakt mit den Kindern selbst, mit den Krankenhäusern für die Erstaufnahme und mit den Menschen aus dem terre-des-hommes-Pool, die die Kinder dann betreut haben. Das war der erste Schwerpunkt – die Hilfe für die kranken Kinder.

 Schon bald hat terre des hommes dann auch Adoptionen vermittelt… 

Die Adoptionen liefen erst so ein bisschen nebenher, bis sich dann bei uns immer mehr Eltern gemeldet und gesagt haben: Wir sind gern bereit, solch ein Kind bei uns aufzunehmen und ihm eine Heimat zu geben.

 Wie lief das ab? 

terre des hommes in der Schweiz hatte bereits erfolgreich Adoptionen vermittelt. Die hatten einen Rechtsanwalt in Saigon, der gute Kontakte zur Regierung hatte und zusammen mit europäischen Notaren Papiere für Kinder erstellte, die einfach ausgesetzt oder gefunden worden waren. Dieser Aktion haben wir uns angeschlossen.

 Sind Sie auch selbst in Vietnam gewesen? 

Ja, Anfang 1972 war ich zum ersten Mal dort. In Saigon selbst wurde damals gerade nicht gekämpft. Man sah aber überall Soldaten und lange Kolonnen mit Militärfahrzeugen. Katholische Nonnen kümmerten sich im Umland von Saigon um verlassene oder verwaiste Kinder. Ich erinnere mich an eine riesige Halle im Mekong-Delta, darin stand Gitterbett an Gitterbett. Man erklärte mir: Wenn Kinderkrankheiten wie Keuchhusten und Masern ausbrächen, würde jedes Mal fast ein Drittel der Kinder sterben. Hatten die Nonnen schon Papiere für diese Kinder erkämpft, wurden diese weiter genutzt. Die Nonnen legten einfach auf den alten Ausweis ein neues Kind.

 Zwischen 1967 und 1998 hat terre des hommes mehr als 2800 verlassene Kinder aus verschiedenen Ländern an deutsche Eltern vermittelt. Doch 1994 kam der Beschluss, die Auslandsadoptionen einzustellen. Was war passiert? 

Das war eine große Auseinandersetzung bei terre des hommes. Es gab erbitterte Diskussionen. Doch am Ende war es richtig, Adoptionen nur noch dann zu vermitteln, wenn es im Heimatland des Kindes keine Alternative dazu gibt. Bereits 1975 hatte es eine andere Weichenstellung gegeben, als terre des hommes sich entschied, keine deutschen Entwicklungshelfer mehr zu entsenden, sondern mit Partnern vor Ort zusammenzuarbeiten.

 Wie kam es dazu? 

Die Idee ist entstanden, als in Vietnam der Krieg zu Ende war. Da haben wir unsere Arbeit dort erst einmal aufgeben müssen, sind dann aber wieder zurückgekehrt und haben in Vietnam geholfen, Infrastruktur zu schaffen und für die Kinder zu sorgen, die wir wieder zurückgeführt haben. Dabei lernten wir, wie effektiv es ist, mit denen zu kooperieren, die ihr Land kennen und die wissen, wie die Hilfe für Kinder im Land am besten zu organisieren ist.

 Wie erfolgreich war diese Strategie? 

Fast überall dort, wo wir Projekte über unsere Partner durchführen konnten, hat sich die Situation für die Kinder, für ihre Familien und die jeweiligen Dörfer sehr verbessert. Das sind große Erfolge. Aber es gibt auch einen Erfolg hier mit Blick auf Deutschland: dass man nicht mehr wie gelähmt auf Krisen und Probleme blickt, sondern das Gefühl bekommen hat: Man kann etwas erreichen, man kann von Deutschland aus solidarisch dafür sorgen, dass überall auf der Welt sich das Leben von Menschen verbessert. Natürlich gibt es viele Organisationen, die hier tätig sind, auch größere als unsere. Doch wichtig ist: Jeder einzelne Mensch zählt.

 Sie waren nach Ihrem ehrenamtlichen Einsatz jahrelang hauptberuflich für terre des hommes in der Zentrale in Osnabrück tätig, bis sie 1979 als Manager zu den Freien Waldorfschulen wechselten. Doch heute sind Sie wieder dabei…  

Richtig. Als die vielen Flüchtlinge nach Deutschland kamen, da habe ich mich entschlossen, eine Arbeitsgruppe an meinem Wohnort in Tutlingen zu gründen. Jetzt sind wir eine Handvoll Leute, und meine Frau und ich betreuen eine syrische Flüchtlingsfamilie mit 13 Köpfen. Eine aufwendige, aber erfolgreiche Aufgabe. Außerdem hat terre des hommes eine Gemeinschaftsstiftung, aus deren Erträgen Projekte unterstützt werden. Ich bin seit Kurzem Mitglied des Stiftungsrats, der über die Anlagestrategien und die Mittelverwendung wacht.

 Was wünschen Sie terre des hommes für die Zukunft? 

Ich wünsche mir, dass wir mit den übrigen terre-des-hommes-Organisationen, also denen in den Niederlanden, in Frankreich und in der Schweiz, zukünftig noch enger zusammenarbeiten und dass auch in den Ländern, wo wir helfen, terre-des-hommes-Organisationen entstehen, dass es also eine Art Vereinte Nationen bei tdh geben wird.