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Guinea, Sierra Leone und Liberia Deutsche sollen aus Ebola-Ländern ausreisen

Von dpa

Leichenabtransport im liberianischen Foya: Die Zahl der Ebola-Opfer in Westafrika steigt weiter. Foto: Ahmed JallanzoLeichenabtransport im liberianischen Foya: Die Zahl der Ebola-Opfer in Westafrika steigt weiter. Foto: Ahmed Jallanzo

Kano/Berlin. Das Auswärtige Amt hat wegen der Ebola-Epidemie alle deutschen Staatsbürger zur Ausreise aus den westafrikanischen Ländern Guinea, Sierra Leone und Liberia aufgefordert.

Das gelte ausdrücklich nicht für medizinisches Personal, das dringend zur Bekämpfung des Ausbruchs benötigt werde, sagte ein Sprecher am Mittwoch in Berlin. Auch die deutschen Vertretungen blieben geöffnet.

Wie viele Deutsche betroffen sind, war zunächst unklar - ohnehin werden bei weitem nicht alle Westafrika verlassen. Dazu gehört Lothar Wagner vom Don Bosco Zentrum in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones. «Er wird die Stellung halten», sagte Don Bosco Mondo-Sprecherin Astrid Krampe. Das Zentrum kümmere sich vor allem um Straßenkinder, derzeit werde es von verwaisten oder verstoßenen Kindern geradezu überschwemmt.

Deutsche Entwicklungshelfer versuchen inzwischen, ihren Aufgaben von den Hauptstädten der Länder aus nachzukommen. Ihre Familien seien bereits heimgeflogen, berichtete die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). 14 Deutsche und rund 170 Einheimische sind demnach in Guinea, Sierra Leone und Liberia für die GIZ im Einsatz, unter anderem bei Beschäftigungsförderung und Straßenbau.

Die Epidemie hält unvermindert an: Die von Ebola betroffenen Länder haben inzwischen fast 2000 Fälle an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet. 1069 Tote wurden bis zum 11. August erfasst, teilte die WHO am Mittwochabend mit. Die Zahl der bestätigten und Verdachtsfälle sei binnen eines Tages um 128 auf 1975 gestiegen.

Nachdem die WHO den Einsatz kaum erprobter Medikamente am Dienstag als ethisch vertretbar einstufte, bat Nigeria die US-Gesundheitsbehörde CDC um eine Lieferung des Ebola-Mittels «ZMapp». Eine Antwort aus den USA stehe noch aus, sagte Nigerias Informationsminister Labaran Maku.

Liberia hatte schon am Montag die Zusage aus den USA erhalten, mit «ZMapp» zwei infizierte Ärzte behandeln zu können. Danach hatte der Hersteller Mapp Biopharmaceutical allerdings mitgeteilt, seine Vorräte seien vorerst erschöpft. Es werde Monate dauern, die Produktion hochzufahren, hatte der US-Sender CNN kürzlich einen Unternehmenssprecher zitiert.

Mit dem zuvor nur an Affen getesteten Mittel «ZMapp» waren zwei US-Helfer und ein inzwischen verstorbener Spanier behandelt worden. Auch der Ebola-Mediziner Sheik Umar Khan hatte das Präparat ursprünglich bekommen sollen, berichtete die «New York Times». Dies sei jedoch von seinem Behandlungsteam wegen der ungewissen Wirkung abgelehnt worden. Khan hatte sich während seines Einsatzes in Sierra Leone selbst mit dem Virus infiziert und war schließlich gestorben.

Nicht nur bei «ZMapp», auch bei anderen möglicherweise einsetzbaren Präparaten sind die verfügbaren Mengen derzeit nicht groß genug, um damit Hunderte Patienten behandeln zu können. Vorbeugende Mittel hingegen wären zumindest begrenzt vorhanden: Schätzungsweise 800 bis 1000 Dosen Impfstoff könnten nach Westafrika gebracht werden, sagte der stellvertretende Leiter der kanadischen Gesundheitsbehörde, Gregory Taylor. Auch dieser Wirkstoff wurde noch nicht in klinischen Studien am Menschen getestet.

Aus Nigeria wurde unterdessen ein dritter Ebola-Toter gemeldet. Ein 36-jähriger Mitarbeiter sei in Lagos gestorben, teilte die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas mit. Er habe Kontakt zu dem infizierten Berater der liberianischen Regierung gehabt, der im Juli nach Lagos geflogen und am Flughafen zusammengebrochen war. Der Ecowas-Mitarbeiter habe seither unter Quarantäne gestanden, hieß es weiter. Mehr als 100 Menschen stehen in Nigeria derzeit unter Beobachtung.

Ein erhöhtes Risiko für das Übergreifen der Ebola-Epidemie besteht nach Auffassung der WHO derzeit im ostafrikanischen Kenia. Der Flughafen der Hauptstadt Nairobi gilt als wichtiges Drehkreuz im afrikanischen Luftverkehr. Die zuständige Landesdirektorin Custodia Mandlhate sagte, es sei sehr wichtig, dass das Land seine Kontrollen weiter verschärfe. Nach Angaben des britischen Senders BBC landen wöchentlich 70 Flüge aus Westafrika in Kenia, darunter auch aus den von Ebola betroffenen Ländern.

Ghana hat seine Vorsorgemaßnahmen bereits erweitert. Bildungsministerin Jane Naana Opoku Agyemang wies die Hochschulen des Landes an, das kommende Semester zwei Wochen später beginnen zu lassen. Zudem sollen Temperaturmessungen an den Grenzen verhindern, dass mit Ebola infizierte Studenten zum Semesterstart einreisen. Zudem soll es vorerst keine internationale Konferenzen und öffentliche Großveranstaltungen mehr geben.

Für die Zukunft sei wichtig, die Gesundheitssysteme armer Länder in Afrika zu stärken, sagte Mustapha Sidiki Kaloko, Kommissar für Soziales der Afrikanischen Union. «In Europa wäre das nicht passiert, denn dort sind die Staaten in der Lage, die Fälle aufzuspüren und sofort zu isolieren.» Zudem müsse besser aufgeklärt werden. «Die Erziehung ist unser schwacher Punkt: Wir müssen den Menschen beibringen, dass es sich bei Ebola nicht um Hexerei handelt.»

Bis zum 9. August hatten die Behörden der betroffenen Länder der WHO 1800 bestätigte und Ebola-Verdachtfälle gemeldet, mehr als 1000 Tote waren registriert. «Alles wird durch die Epidemie geprägt und bestimmt, der gesamte Alltag dreht sich nur noch um das Virus», sagte Ordensmann Lothar Wagner dem katholischen Kindermissionswerk «Die Sternsinger» zur Lage in Freetown. «Das Stadtbild ist geprägt von vermummten Menschen in Schutzkleidung.»


Mehr als 1000 Menschen sind der Ebola- Epidemie in Westafrika bisher zum Opfer gefallen. Ein Rückblick:

Dezember 2013: Experten gehen davon aus, dass es in der Region Guéckédou im westafrikanischen Guinea schon Ende 2013 erste Ebola-Fälle gab, wahrscheinlich zurückgehend auf ein erlegtes Tier. Guéckédou liegt in der Nähe der Grenzen zu Liberia und Sierra Leone.

23. März 2014: In Guinea sind laut einem Radiobericht etwa 60 Menschen an Ebola gestorben, es gibt fast 100 Infizierte.

25. März: Ebola wird auch im Nachbarland Liberia nachgewiesen, mindestens fünf Menschen sind bereits gestorben.

26. Mai: Nach WHO-Angaben sterben fünf Menschen in Sierra Leone.

23. Juni: Experten warnen, die Epidemie sei außer Kontrolle.

20. Juli: In Lagos landet ein Berater der liberianischen Regierung und bricht noch am Flughafen zusammen. Fünf Tage darauf stirbt er, der Labortest ergibt: Ebola.

29. Juli: In einer Klinik seines Landes stirbt der Arzt Sheik Umar Khan aus Sierra Leone, der sich bei seinem unermüdlichen Einsatz gegen Ebola selbst angesteckt hatte.

31. Juli: Sierra Leone erklärt den nationalen Notstand. Die WHO plant ein 100-Millionen-Dollar-Programm für den Kampf gegen Ebola.

4. August: Ebola breitet sich nun auch in Nigeria aus: Ein Arzt des eingereisten Beraters ist mit dem Virus infiziert. Die Weltbank sagt eine Nothilfe von bis zu 200 Millionen Dollar zu.

5. August: Experten reagieren zurückhaltend auf den Einsatz des experimentellen Ebola-Mittels „ZMapp“ bei zwei infizierten Helfern, die aus Liberia heim in die USA geflogen wurden.

6. August: Liberia verhängt einen dreimonatigen Ausnahmezustand. Der zuvor ausgerufene Notstand habe nicht ausgereicht, heißt es.

7. August: Erstmals wird ein Ebola-Infizierter nach Europa gebracht: Spanien fliegt den Geistlichen Miguel Pajares zur Behandlung ein.

8. August: Die WHO stuft die Ebola-Epidemie als Internationalen Gesundheitsnotfall ein. Nigeria ruft den nationalen Notstand aus.

12. August: Der spanische Ebola-Patient stirbt in Madrid. Die Zahl der Todesopfer ist laut WHO auf mehr als 1000 gestiegen. Als erstes afrikanisches Land will Liberia das Ebola-Mittel „ZMapp“ einsetzen.

13. August: Das Auswärtige Amt fordert deutsche Staatsbürger zur Ausreise aus Guinea, Sierra Leone und Liberia auf. Medizinisches Personal ist ausgenommen.