Tödliche Sperranlage Innerdeutsche Grenze: Ein Zaun, sie zu halten


Marienborn/Hötensleben. Auf 1400 Kilometer Länge trennte ein kaum überwindbares Sperrsystem die beiden deutschen Staaten. Es sollte verhindern, dass der DDR ihre Bürger davonliefen. Die Staatsführung betrieb gegen die „Republikflucht“ einen beispiellosen, oft tödlichen Aufwand. Spuren existieren an vielen Orten.

Zwischen den cremefarbenen Baracken herrscht gähnende Leere. Ein Vater schlendert mit seinen beiden Söhnen unter den gelblich-transparenten Flachdächern über den Beton. Mäßig interessiert sehen sich die Teenager in den tristen Buden um. Einst beäugten und fotografierten hier DDR-Grenzer die Pässe westdeutscher Transitreisender. Manchmal filzten sie auch die Reisenden selbst – eine detailreiche Dienstanweisung für Leibesvisitationen hängt in einem der Gebäude an der Wand.

In der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn an der Autobahn 2 nahe der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt streifen an diesem Nachmittag kurz vor Toresschluss die letzten Tagesbesucher umher. Fast verloren wirken sie auf dem 7,5 Hektar großen Gelände. Bis zum Fall der Mauer im Jahre 1989 bot der wichtigste Grenzübergang zwischen der Bundesrepublik und der DDR einen völlig anderen Anblick: Lange Kolonnen von Autos stauten sich auf der Fahrt nach West-Berlin. Zwar existierten an der innerdeutschen Grenze sechs solcher Übergänge für den Transitverkehr, doch 75 Prozent der Reisenden fuhren über Helmstedt und Marienborn – die Tour durch die DDR war von hier aus am kürzesten.

Bis zu 1000 Angehörige der DDR-Grenztruppen, des Zolls und der Staatssicherheit gingen in der „GÜSt“ (Grenzübergangsstelle) Marienborn in drei Schichten ihrem Geschäft nach. Zur Anlage gehörten Garagen, in denen sie Autos zerlegten, wenn sie darin Flüchtlinge vermuteten, eine Leichenhalle, in denen sie die Särge überführter Verstorbener öffneten, eine Gamma-Kanone, die versteckte Flüchtlinge mit Röntgenstrahlung sichtbar machen sollte.

Wer gefasst wurde, den erwarteten Einzelhaft und Verhöre bis hin zu körperlicher Gewalt in der U-Haftanstalt der Stasi am Magdeburger Moritzplatz. Schätzungen zufolge kamen dennoch mehrere Tausend Menschen durch.

Zeitgenossen wie Sascha Möbius, der die Transitfahrt nach Berlin als Kind erlebte, können sich an das einschüchternde Auftreten der Stasi-Offiziere in Marienborn erinnern. Heute vermittelt der Historiker als Leiter der Gedenkstätte Besuchern, was damals geschah. Die meisten, die kommen, stammen aus Westdeutschland und haben die Transitstrecke selbst befahren. Mindestens 40000 der jährlich bis zu 190000 Besucher aber sind Schüler. Was bei den Jugendlichen hängen bleibe, sei unterschiedlich, sagt Möbius. „Doch eines zeigen sie deutlich: Geschichte an einem konkreten Ort anhand konkreter Menschen und Beispiele, die interessiert sie.“

Für viele, die der DDR zu entkommen versuchten, endete die Geschichte tödlich. Die Zentrale Beweismittel- und Dokumentationsstelle der Landesjustizverwaltungen in Salzgitter ermittelte 872 Todesopfer an der innerdeutschen Grenze. Das im Westen „Todesstreifen“ genannte Niemandsland zwischen den deutschen Staaten war gegen Überwindung von Ost nach West militärisch gesichert. Mit welchen Methoden die DDR abseits der Berliner Mauer und der Grenzübergänge dafür sorgte, dass ihr die Arbeiter und Bauern nicht abhandenkamen, zeigt das Grenzdenkmal Hötensleben rund 18 Kilometer südlich von Marienborn. Ein Verein hat erreicht, dass die Sperranlage in Nachbarschaft des Dorfes Hötensleben auf einer Länge von 350 Metern nicht abgerissen wurde – Grenzzäune, Sichtblendmauer, geharkter Kontrollstreifen, Kolonnenweg, Autosperren, Bunker und Führungsturm sind noch da.

Fast idyllisch liegt das Ensemble im Licht der Nachmittagssonne. Hinter der Mauer grast ein Pferd. Neben dem Führungsturm lauschen Jugendliche auf Picknickdecken der Musik aus ihrer Auto-Stereoanlage. Als es die DDR noch gab, starb nicht weit von hier ein Mensch durch eine Mine, acht wurden durch Minen verletzt, einer von einem Hund. 332 Flüchtlinge wurden festgenommen.


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