Friedensbewegung im Internet Juden und Araber verweigern den gegenseitigen Hass


Osnabrück. Nicht alle Juden und Araber hassen sich. Und neben den Bildern von Tod und Zerstörung im Nahen Osten gehen derzeit noch andere Bilder um die Welt. Sie zeigen Liebe, Freundschaft und Hoffnung. Immer mehr Juden und Moslems verweigern öffentlich die Feindschaft gegeneinander. Einzelpersonen setzen in sozialen Netzwerken oder über persönliches Engagement Zeichen mit großem Symbolwert. Sie mobilisieren eine friedliche Gegenbewegung zu Krieg und Hass zwischen Israel und Palästina – und für die Menschen.

„Nein, wir sind keine Feinde. Wir lieben uns und gehören zusammen“, sagten Zigtausende Bilder, die Menschen derzeit in sozialen Netzwerken veröffentlichen. Arabisch-jüdische Pärchen, Nachbarn, Familien oder Arbeitskollegen verbreiten die gemeinsamen Fotos über Facebook und Twitter. Unter dem Stichwort „Jews and Arabs refuse to be enemies“ (übersetzt: Juden und Araber lehnen es ab, Feinde zu sein) verweigern sie den gegenseitigen Hass, der jeden Tag tötet. Die Aufnahmen zeigen Menschen, die sich demonstrativ küssen, lachen und umarmen. Viele halten Schilder mit Botschaften in englischer, arabischer oder hebräischer Schrift in die Kamera: „Warum sollten wir uns hassen?“ Oder: „Wir sind die besten Freunde. Warum können wir uns nicht lieben?“

Kraft der Symbolbilder

Einige der Bilder muten so rührend an, dass sie wiederum tausendfach von fremden Sympathisanten und Medien verbreitet wurden und so zu Berühmtheit gelangten. Beispielsweise das Bild mit einer Frau und einem Mann, die mit einem Schild posieren: „Jüdin, Araber. Beide semitisch. Noch wichtiger, beide Menschen.“ Oder aber zwei kleine Jungen, die sich freundschaftlich umarmen, um den Hals tragen sie landestypische Schals, die Hände haben sie zum Peace-Zeichen gehoben.

Die Halb-Libanesin Sulome Anderson lud eines der mittlerweile wohl bekanntesten und zugleich umstrittensten Bilder ins Netz. Ein Schnappschuss zeigt sie und ihren jüdischen Freund Jeremy im innigen Kuss, zu dem Selfie schreibt sie: „Liebe versteht die Sprache von Raketenbeschuss, Besetzung und Luftangriffen nicht.“ Häufig ist durch die Weiterverbreitung nicht eindeutig auszumachen, wen die Bilder zeigen und wer sie hochgeladen hat. Ihre Botschaft ist dafür umso deutlicher.

Kritiker werfen der Bewegung allerdings Naivität vor und glauben nicht, dass sich der verhärtete Konflikt im Nahen Osten mit hübschen Fotografien lösen lässt. Damit mögen sie recht haben. Der Gedanke, der dahintersteckt, ist aber ein anderer. Ziel der Bewegung ist es nicht, eine Schuldfrage zu klären oder sich mit Vorwürfen zu belasten. Vielmehr sollen Symbole für Frieden, Verständnis und Menschlichkeit gesendet werden. Nicht Gegner, sondern Mitmensch sein. Einen Weg suchen, wo Waffen und Gewalt bisher keinen finden konnten.

Grundlage für die Bewegung bildet die Facebook-Gruppe „Jews and Arabs refuse to be enemies“. Gegründet haben sie die befreundeten Studenten Abraham Gutman und Dania Darwish am 10. Juli in New York. Sie rufen auf der Seite dazu auf, sich ihnen anzuschließen und nicht zu denken, Juden und Araber wären grundsätzlich Feinde. Damit wollen sie denjenigen widersprechen, die im Augenblick für die grausamen Entwicklungen verantwortlich sind. Und denjenigen beistehen, die in Israel oder Palästina leiden.

Den Spruch gibt es im Hebräischen schon länger, nun nutzen ihn Gutman und Darwish für ihr Anliegen. Bisher hat die Seite eine wachsende, aber überschaubare Zahl von 56000 Fans (Montagabend). Aber je mehr Menschen im Nahen Osten sterben , desto mehr Unterstützer wird die Seite sicher einsammeln.

Einmal etabliert, dient das Stichwort auch bei Twitter dazu, Stellung zu beziehen. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst twittert ausgiebig. Erst kürzlich veröffentlichte er beim Kurznachrichtendienst seinen Blick vom Weltraum auf die Erde: „Mein traurigstes Foto: von der ISS aus sehen wir Explosionen und Raketen über Gaza und Israel“, schrieb er.

Der Dirigent Daniel Barenboim sucht in der Musik einen Weg. Vor 15 Jahren gründete der Musiker mit dem israelischen und dem palästinensischen Pass das West-EasternDivan Orchestra. Unter seiner Leitung musizieren Menschen aus Ägypten, Syrien, dem Iran, dem Libanon, Tunesien, Israel und Palästina. Hier setzen die Bemühungen Barenboims an: Die jungen Musiker mögen nicht einer Meinung sein, aber beim Musizieren lernen sie, einander zuzuhören – ohne möglicherweise mit allem einverstanden zu sein.

So wie die Botschaft in den sozialen Netzwerken: nicht einer Meinung, aber auch nicht verfeindet.


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