US-Atombomben in der Eifel Deutschland wird Nuklearwaffen nicht los

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Aus der Zeit des Kalten Krieges lagern noch immer bis zu 20 alte Atombomben der USA in der Eifel. Ihr Abzug war schon längst beschlossene Sache. Doch bald sollen sie sogar durch neue, hochmoderne Nuklearwaffen ersetzt werden.

Wenn der Pilot die Strahlentriebwerke seines Tornados einschaltet, grollt es durch Büchel wie ein Donner. Schon früh morgens steigen in dem idyllischen Eifeldörfchen die Kampfflugzeuge der Bundeswehr auf und fliegen ihre Übungsmanöver. Den ohrenbetäubenden Lärm und den Anblick der Jagdbomber sind die 1200 Einwohner gewohnt. „Wer gegen den Fliegerhorst ist, ist hier alleine“, sagt der ehemalige Ortsbürgermeister Richard Benz, der nur zwei Kilometer von der Startbahn entfernt wohnt. Der pensionierte Tischler stellt klar: „Viele von uns hätten keine Arbeit, gäbe es die Tornados nicht.“ Das relativiere in einer strukturschwachen Region vieles. Sogar, dass im beschaulichen Büchel bald neue Atombomben einziehen sollen.

Bis 2020 plant die US-Regierung, ihre etwa 180 in Europa lagernden Nato-Nuklearwaffen zu modernisieren. Wichtige Hürden hat das Vorhaben jüngst im US-Kongress genommen. Vom Programm Lebensverlängerung ist auch Deutschland betroffen, genauer gesagt der Fliegerhorst Büchel. In der Vulkaneifel, zwischen Koblenz und Trier, werden aus der Zeit des Kalten Krieges noch immer bis zu 20 in die Jahre gekommene Atombomben der Typen B61-3 und B61-4 aufbewahrt – die letzten hierzulande. Diese Waffen sind für den Abwurf durch ein Flugzeug gebaut und besitzen die 13-fache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. Mit der Lagerung auf deutschem Boden entspricht die Bundesrepublik der Nuklearen Teilhabe, also der Abschreckungstaktik der Nato. Offiziell will die Bundesregierung die Existenz dieser Atombomben nicht bestätigen. Doch im schwarz-roten Koalitionsvertrag ist nicht ohne Grund vom angestrebten „Abzug der in Deutschland und Europa stationierten taktischen Atomwaffen“ die Rede.

Scheiternde Minister

Die Bomben von Büchel gelten als offenes Geheimnis. Und eigentlich galten sie politisch schon mehrfach als tot. Die Außenminister Joschka Fischer (Grüne) und Guido Westerwelle (FDP) haben sich in ihren Amtszeiten für einen endgültigen Abzug der Nato-Bomben stark gemacht, ebenso Verteidigungsminister Peter Struck und Rheinland-Pfalz’ langjähriger Landesvater Kurt Beck (beide SPD). Auch der Bundestag hat sich 2010 mit großer Mehrheit für dieses Ziel ausgesprochen. Lange schien es nur eine Frage der Zeit, bis die Bundesregierung von den USA verlangen würde, die Nuklearwaffen aus Deutschland abzuziehen. Gekommen ist es dazu bis heute nicht. Wenn die USA bald wie geplant ihre in die Jahre gekommenen Atombomben gegen die neu entwickelte B61-12 austauschen sollten, werden auf deutschem Boden die modernsten Nuklearwaffen der Welt lagern – ebenfalls für den Abwurf durch einen Bomber. Nach Schätzungen des US-Verteidigungsministeriums kostet das Modernisierungsprogramm bis zu zehn Milliarden Dollar.

An der Einfahrt zum Fliegerhorst Büchel, kurz vor dem Schlagbaum, wehen die deutsche und die US-amerikanische Flagge einträchtig im Wind. An diesem Ort hat Elke Koller schon oft gestanden und mit Gleichgesinnten gegen die Atombomben in ihrer Nachbarschaft demonstriert. Ihre Mitstreiter kommen aus ganz Deutschland. Meist singen oder fasten die Friedensaktivisten und Atomwaffengegner. Es ist auch schon vorgekommen, dass einige Wagemutige den Zaun durchgeknipst haben, um dann zu testen, wie nahe sie den Bomben wohl kommen können. „Hier wird internationales Recht gebrochen“, sagt Koller überzeugt. Die 71-Jährige hat viele Jahre eine Apotheke im nahen Cochem betrieben und sich bei den Grünen engagiert – bis diese unter Kanzler Schröder dem Bundeswehreinsatz im ehemaligen Jugoslawien zustimmten. Koller ist keine überdrehte Querulantin, wenn sie spricht, dann ruhig und bedacht. Sie will, dass die Atombomben aus Büchel verschwinden. Deutschland habe 1969 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet, sagt sie. Die Bomben in ihrer Nachbarschaft seien jedoch ein klarer Verstoß dagegen.

Über die vertraglichen Feinheiten lässt sich indes streiten. Genau genommen hat die Atommacht USA ihre Waffen in Büchel nicht der Bundesrepublik übergeben. Innerhalb des Fliegerhorsts lassen die Amerikaner die Bomben von den 140 Soldaten einer eigenen Munitionssicherungs-Einheit bewachen. Deutsche Soldaten können diesen Bereich nicht einfach betreten. Das Areal mit den entsprechenden Flugzeug-Sheltern ist mit einem zusätzlichen Doppelzaun geschützt, die US-Soldaten tragen Maschinengewehre. Die Verfügungsgewalt über die Atombomben liegt bei US-Präsident Barack Obama.

Dennoch sind die Bücheler Bomben auch eine deutsche Angelegenheit. Was, wenn irgendwann der schlimmste Fall eintritt? Sollten die Atombomben zum Einsatz kommen, gäbe es vor Ort keine Flugzeuge der US-Air-Force. In Büchel stünden für ihren Abwurf allein Bundeswehr-Tornados mit ihren Zweierbesatzungen aus deutschen Piloten und Waffensystemoffizieren bereit. Aus US-Atombomben könnten im Handumdrehen gleichsam deutsche werden.

Bereit zum Abwurf?

Wer mit den Soldaten des Taktischen Luftwaffengeschwaders 33 in Büchel sprechen oder überhaupt den Fliegerhorst von innen sehen will, muss seine Fragen zu den Atombomben jedoch draußen lassen. Es wäre interessant, zu erfahren, ob die deutschen Tornado-Crews auf diesen Ernstfall vorbereitet sind. Ob sie ihn trainieren. Ob sie überhaupt bereit wären, den Befehl zum Abwurf einer Atombombe auszuführen.

In einer noch im Jahr 2008 gedruckten Taschenkarte für Soldaten – der zentralen Dienstvorschrift 15/2 – heißt es schließlich eindeutig, der Einsatz atomarer Waffen sei deutschen Soldaten verboten. Dieser Passus findet sich seit der Überarbeitung der Dienstvorschrift im vergangenen Jahr im umfangreichen Handbuch nicht mehr wieder. Warum, das mag das Bundesverteidigungsministerium nicht kommentieren. Selbst Hellmut Königshaus (FDP), der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages und eigentlich der erste Anwalt sämtlicher Soldaten, will darüber nicht reden und lässt nur knapp ausrichten, er habe keine Erkenntnisse dazu.

Nachdem sich der Schlagbaum des Fliegerhorsts öffnet, geht die Fahrt vorbei an drei ausgemusterten Fliegern, die am Wegesrand an vergangene Tage erinnern. Ein Starfighter in schwarz-gelber Sonderlackierung kündet noch vom Kalten Krieg und vom Willen des einstigen Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß, ein Flugzeug zu haben, das Atomwaffen bis zum Ural tragen kann. Von Doppelzäunen oder amerikanischen Soldaten ist auf dem Weg zum Stabsgebäude nichts zu sehen. Genau das ist das Ziel der Gastgeber.

Die Spielregeln sind eindeutig: Dieter Nestler, stellvertretender Kommodore des Geschwaders, darf nur über die Weiterentwicklung des Tornados Auskunft geben. Neben Nestler sind nicht weniger als acht Militärs gekommen, um Fragen zu beantworten, von denen sie wissen, dass sie hier nicht die existenziellen sind.

Eine nervöse Anspannung liegt im Raum. Der stellvertretende Kommodore, ein freundlicher Mann mit einer etwas altmodischen, groß geratenen Brille, gibt sich dennoch betont freundlich: „Der Tornado hat einen riesengroßen Schritt nach vorne gemacht.“ Ein Pilot und ein Waffensystemoffizier, die ebenfalls in der einteiligen Fliegermontur neben ihrem Vorgesetzten sitzen, nicken synchron. Es geht auch um ihr Leben.

Tornados werden angepasst

Bis Ende 2015 bekommen die rund 40 in Büchel stationierten Tornados nach und nach ein Software-Upgrade, das die Sicherheit der Besatzung deutlich erhöht. Außerdem wird eine neue lasergesteuerte GPS-Waffe integriert. „Unsere ersten Tests haben gezeigt, dass das Zusammenspiel phänomenal funktioniert“, schwärmt der Waffensystemoffizier, der namentlich nicht genannt werden will. In Windeseile rattert der Soldat auch die anderen kompatiblen Waffen herunter. Dass der Tornado als einziges Bundeswehrflugzeug unter seinen Tragflächen Halterungen für zwei B61-Nuklearwaffen besitzt, das verschweigt er – anders als etwa das offizielle YouTube-Video der Bundeswehr zum Tornado.

Genau diese Fähigkeit könnte Deutschland teuer zu stehen kommen, wenn die USA die neuen B61-12-Nuklearwaffen nach Büchel bringen. Die Halterungen am Tornado müssten an die neuen, digital gesteuerten Bomben angepasst werden. Die Millionen für die Umbauten an den Tornados müssten wahrscheinlich aus dem Bundeshaushalt kommen. „Schon jetzt gibt es Abgeordnete aus dem US-Kongress, die fordern, die europäischen Verbündeten an den gesamten Kosten für die Entwicklung der B61-12 zu beteiligen“, sagt Ottfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit. Nato-Atombomben lagern zum Beispiel auch in Belgien und Italien.

Ob es in Deutschland überhaupt so weit kommt, wird allerdings nicht in Washington entschieden, sondern in Berlin. „So etwas geht nicht am Parlament vorbei“, sagt Agnieska Brugger, die abrüstungspolitische Sprecherin der Grünen. Es ist schwer, Bundestagsabgeordnete wie Brugger zu finden, die bereit sind, in dieser Frage offen über ihre Haltung zu sprechen. „Viele geben nur vorneherum die Abrüstungsbefürworter“, meint Brugger.

Wenn es nach Rentner Richard Benz geht, werden in seinem Büchel bald neue Nuklearwaffen aus den USA landen. Alles andere mag er sich nicht vorstellen „Sollten die Atombomben verschwinden, wird der Fliegerhorst innerhalb von zwei, drei Jahren geschlossen“, ist sich Benz sicher. Die Region würde auf einen Schlag 2000 Arbeitsplätze verlieren, darunter 800 zivile – und in den Jahren danach wohl noch viel mehr.

Aus dem Garten hinter ihrem Haus kann Elke Koller die Tornados starten und landen sehen. Ein bewaldetes Tal liegt zwischen ihr und dem Fliegerhorst. „Der Lärm ist gar nicht so schlimm, daran habe ich mich gewöhnt“, gibt Koller zu. Aber die Vorstellung, dass sich drüben am Fliegerhorst einmal ein Unglück ereignen könnte, beunruhige sie. „Dann sind wir hier die Ersten, die sofort verbrennen.“ Und Unglücke geschehen schließlich immer wieder, zuletzt Anfang des Jahres. Da stürzte einer der Tornados ab, keine Tausend Meter von ihrem Haus entfernt.


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