Inflation starker Zeugnisse Kritik an zu guten Abiturnoten in Niedersachsen

Von Anika Becker

Abitur in der Diskussion: Sinken die Anforderungen, oder sind die Schüler besser vorbereitet?Foto: dpaAbitur in der Diskussion: Sinken die Anforderungen, oder sind die Schüler besser vorbereitet?Foto: dpa

Osnabrück. In Niedersachsen schneiden die Abiturienten immer besser ab: Sowohl die Durchschnittsnote als auch die Zahl der Einser-Abiturienten ist innerhalb von zehn Jahren gestiegen. Kritiker befürchten schon länger eine Inflation der Noten. Andere Stimmen verweisen hingegen auf gezieltere Vorbereitung der Abiturienten durch das Zentralabitur.

Seit Einführung einer Statistik durch die Ständige Konferenz der Kultusminister (KMK) der Länder im Jahr 2002 entwickelte sich der Schnitt in eine Richtung: Mit einem Durchschnitt der Abiturnoten von 2,74 gingen die niedersächsischen Schüler ins Rennen. Innerhalb von zehn Jahren kletterte der Wert auf 2,65 im Jahr 2012. Im vergangenen Jahr haben sich die Noten laut niedersächsischem Kultusministerium noch einmal auf 2,61 verbessert. Nach etlichen Zeugnisübergaben deutet sich auch in diesem Jahr der Trend zum guten Abi an: An Gymnasien in Lingen, Melle, Quakenbrück oder Bramsche beispielsweise war von sehr guten Ergebnissen und gar vom besten Schnitt seit Jahren die Rede.

„Selbstverständlich freue ich mich, wenn niedersächsische Abiturientinnen und Abiturienten bei den Noten gut abschneiden. Das Abiturzeugnis ist wichtig in Hinblick auf ihre weiteren Berufs- und Bildungschancen. Allerdings sind die Veränderungen nicht sonderlich signifikant“, sagte Bildungsministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) auf Nachfrage unserer Zeitung. Für sie sei eher die Frage nach besseren Lern- und Lehrbedingungen auf dem Weg zum Abitur wichtig.

Es fällt auf, dass sich die Noten auch seit Einführung des Zentralabiturs in Niedersachsen verbessert haben. Einen Zusammenhang mag Sebastian Schumacher, Mitarbeiter von Heiligenstadt, nicht herstellen: „Die Kerncurricula der Fächer sorgen dafür, dass die zu behandelnden Themen an gemeinsamen Standards orientiert unterrichtet werden.“ Soll heißen: Der Unterrichtsstoff wird nicht leichter.

Aus Lehrerkreisen heißt es hinter vorgehaltener Hand allerdings, dass Kollegen schlicht die Konfrontation scheuen. Eine Fünf auf dem Zeugnis bedeutet in der Regel die Auseinandersetzung mit den Eltern. Gute Noten hingegen müssen sie nicht rechtfertigen, sie werden gern genommen. Auch ist davon die Rede, dass Gymnasien natürlich um die Zahl ihrer Schüler kämpfen müssen. Eine gewisse Konkurrenzsituation ist nicht von der Hand zu weisen. Möglich, dass diese auch mit der Vergabe guter Noten angegangen wird.

Die Schüler sind die Verlierer: Hier geht es zum Kommentar zum Thema.

Einen anderen Ansatz benennt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. „Diese Noteninflation ist nicht zufällig, sie hat Methode. Insbesondere die Einführung des achtjährigen Gymnasiums wurde von manchen Landesregierungen dazu benutzt, durch softere Beurteilungsmaßstäbe die Akzeptanz der ungeliebten Schulzeitverkürzung zu erhöhen“, sagt er. Helge Feußahrens, Vorsitzender des Landessschülerrates Niedersachsen, sagt: „Wir freuen uns über jeden, der mit dem Abitur seinen Traumberuf verwirklichen kann, aber das Abi darf nicht entwertet werden. “ Ob das der Fall ist, darüber streiten Experten. Wenn keiner mehr eine Vier im Abitur hat und sich stattdessen die Einser-Durchschnitte häufen, was sagt das über die Schullandschaft aus? Dass die Schüler klüger werden? Ihre Ausbildung besser? Die Noten gerechter? Oder müssen Niedersachsen und andere Bundesländer die Aussagekraft ihres Abiturs infrage stellen, wie Kritiker sagen?