Interview mit Lehrerverband „Wir nehmen nur die Guten für den Schuldienst“

Zieht Bilanz: Heinz-Peter Meidinger. Foto:.dpaZieht Bilanz: Heinz-Peter Meidinger. Foto:.dpa

Osnabrück. Die Sommerferien rücken näher. Wir ziehen eine Bilanz des letzten Schulhalbjahrs mit Heinz-Peter Meidinger, dem Vorsitzenden des Deutschen Philologenverbands, der 90000 Gymnasiallehrer vertritt.

Herr Meidinger, brauchen Deutschlands Schulen wegen Verrottung einen Sicherheits-Check?

Nein, den brauchen sie in der Mehrzahl wohl nicht, aber sie brauchen auch keinen Schlendrian. Ich habe schon den Eindruck, dass manche der für die Instandhaltung zuständigen Kommunen Schülerinnen und Schülern deutlich mehr zumuten als anderen Nutzern öffentlicher Gebäude. Das gilt speziell in Berlin oder auch Schleswig-Holstein. Ich hoffe sehr und gehe fest davon aus, dass Eltern nicht Angst vor einstürzenden Decken oder aus dem Rahmen fallenden Fenstern haben müssen. Denn alles andere wäre ein Skandal. Aber ich kritisiere auch, dass sich in Schulen Provisorien unerträglich lange und manchmal sogar über Jahrzehnte halten. Containerklassen oder auch Stützpfeiler in den Gebäuden dürfen allenfalls eine vorübergehende Lösung sein. Und was unseren Kindern teilweise als Schultoiletten zugemutet wird, ist eine Missachtung der jungen Generation und nicht tolerabel.

Der Bund hat von 2005 bis 2013 die Mittel für Bildung um 60 Prozent erhöht. Spüren die Schulen davon nichts?

Großes Fragezeichen! Denn die ausdrücklich garantierten Summen betreffen nur Hochschulen und Kitas. Was für die Schulen übrig bleibt und wofür es ausgegeben werden soll, ist nicht festgelegt. Das bestimmen die Länder. Nach wie vor ist nicht auszuschließen, dass sie die Bundesmittel für das Stopfen von Haushaltslöchern verwenden und Schulen so Qualitätsverbesserungen nicht spüren.

Es steht eine Grundgesetzänderung bevor, die dem Bund Hochschulfinanzierung ermöglicht. Direkte Bundeshilfen für Schulen sind nicht möglich...

Mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass eine weitergehende Grundgesetzänderung unverzichtbar ist. Sie muss auch Hilfen für Schulen einschließen. Die können die aktuellen Herausforderungen wie zum Beispiel den Aufbau eines umfassenden Ganztagsangebots oder die digitale Aufrüstung sonst nicht schaffen. Es gibt nur wenige Bundesländer wie Bayern oder Baden-Württemberg, die sie dabei unterstützen können. Andere Länder aber – zum Beispiel die Stadtstaaten oder Nordrhein-Westfalen – können das nicht. Die so entstehenden Gerechtigkeitslücken muss der Bund schließen, damit die gleiche Qualität von Bildung gewährleistet ist.

Der Ausbau der Ganztagsschulen verliert nach einer Bertelsmann-Studie an Fahrt. Muss der Bund eine Finanzspritze nach dem Muster von 2003 starten?

Ich bin nicht der Auffassung, dass die verpflichtende Ganztagsschule für alle das große Ziel in Deutschland sein muss. Aber klar ist: Wir müssen das bisherige Angebot deutlich aufstocken, wenn 70 Prozent der Eltern Ganztagsangebote wollen – und zwar in allen Schulformen und in allen Bundesländern. Die haben die Lage im Übrigen oft selbst verbockt, weil Haushaltsmittel falsch eingesetzt wurden. Laut Bertelsmann-Studie hat zum Beispiel Nordrhein-Westfalen nur in 36,3 Prozent der Schulen ein Ganztagsangebot, in Niedersachsen bieten dagegen rund 60 Prozent aller öffentlichen Schulen ganztägigen Unterricht an.

Der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und die Unternehmensberatung McKinsey fanden heraus: Nur 17 Prozent der Abiturienten mit guten oder sehr guten Noten wollen Lehrer werden. Was muss passieren?

Da wird der völlig falsche Eindruck erweckt, nur das Mittelmaß strebe das Lehramt an. Der Verdacht liegt nahe, dass hier mit veralteten Zahlen operiert wird. Richtig ist – und da beziehe ich mich auf den renommierten Bildungsforscher Olaf Köller –, dass die Durchschnittsnoten von Lehramtsstudenten nicht schlechter sind als die von anderen angehenden Akademikern. Angehende Gymnasiallehrer liegen mit ihren Abiturschnitten sogar deutlich über dem Durchschnitt. Und Realität ist auch: Die Gymnasien wollen und nehmen nur die Guten. Die Zeiten sind weitgehend vorbei, dass dort wegen des Lehrermangels auch für schlechte Abiturienten immer noch etwas ging. Es gibt ein deutliches Überangebot – ausgenommen sind einige neue Bundesländer, berufliche Schulen und die Fächer Physik und Mathematik.

Wie findet man heraus, wer ein guter Lehrer ist?

Ich plädiere für Eignungstests an den Hochschulen noch vor Studienbeginn, bei dem sich Lehramtsanwärter drei Tage lang unter Beobachtung von unabhängigen Experten bewähren müssen, zum Beispiel im direkten Umgang mit Kindern oder in Stresstests. Da stellt sich schnell heraus, wem grundlegende Persönlichkeitsmerkmale fehlen, die für einen guten Lehrer wichtig sind und auch nicht in einem Studium vermittelt werden können.

Stichwort „Ferientricksereien“: Es gibt den Trend, dass Eltern ihre Kinder an den Ferienrändern krank melden, um günstigere Flugtickets zu bekommen.

Eine amtliche Statistik gibt es da nicht. Im regelmäßigen Austausch mit Schulleitern ist aber festzustellen: Die Zahl der Krankmeldungen von Schülerinnen und Schülern liegen unmittelbar vor und nach den Ferien um 30 bis 50 Prozent höher als sonst. Der Trend zur Trickserei hat also eher noch zugenommen angesichts des Konkurrenzkampfs in der Tourismusbranche, die außerhalb der Ferienzeit mit Billigtickets lockt. Wenn Eltern aufs Geld schauen müssen, erliegen sie da schon der Versuchung. Allerdings: Sie vermitteln ihren Kindern damit die fatale Botschaft, sie müssten sich nicht an Regeln halten. Das ist unsozial und ein echtes Problem.


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