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„Wichtig für Geschichtskultur“ Historikerverband für kritische Edition von Hitlers „Mein Kampf“

Von Christof Haverkamp

Adolf Hitlers „Mein Kampf“ sollte nach Ansicht des Historikerverbandes als kritische Edition veröffentlicht werden. Foto: dpaAdolf Hitlers „Mein Kampf“ sollte nach Ansicht des Historikerverbandes als kritische Edition veröffentlicht werden. Foto: dpa

Osnabrück. Angesichts der aktuellen Diskussion um Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“ unterstützt der Historikerverband das Vorhaben des Instituts für Zeitgeschichte, eine kritische Edition zu erarbeiten und zu veröffentlichen.

In einem Gespräch mit unserer Zeitung erklärte eine Sprecherin, eine solche Ausgabe sei nicht nur für die Forschung ein dringendes Desiderat, sondern auch für eine aufgeklärte Geschichtskultur wichtig. Die Veröffentlichung einer kritischen Edition sei am besten geeignet, der gefährlichen Mythisierung von Hitlers „Mein Kampf“ entgegenzuwirken. Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands versteht sich als Vertretung der deutschen Geschichtswissenschaftler vor der Öffentlichkeit.

Zuvor hatte Niedersachsens grüne Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz gewarnt, ein Verbot sei nicht länger durchzusetzen. Die

Konferenz der Justizminister berät gegenwärtig auf der Insel Rügen. Mit dem heiklen Thema „Mein Kampf“ hat sich das Gremium am Mittwoch befasst. Die Runde verständigte sich am Abend darauf, dass die Verbreitung von Hitlers „Mein Kampf“ auch nach dem Auslaufen der Urheberschutzfrist Ende 2015 in Deutschland verboten bleiben soll.

Niewisch-Lennartz hatte vor dem Treffen erklärt, ab 2016 sollte eine Veröffentlichung mit wissenschaftlicher Kommentierung erlaubt werden, weil ein Verbot nicht länger durchzusetzen sei. Dann könne auch Hitlers Hetzschrift unter Umständen „präventive Wirkung entfalten“, sagte sie. Mecklenburg-Vorpommerns Justizministerin Uta-Maria Kuder (CDU) hatte betont, es sei zu klären, wie eine Weiterverbreitung dieser Hetzschrift zu verhindern sei.

Hitler hatte das Buch 1924 geschrieben. Am 31. Dezember 2015, gut 70 Jahre nach Hitlers Tod, erlöschen die Urheberrechte daran. Dann hätte sich der Freistaat Bayern, der die Rechte hält, nicht mehr darauf beziehen können, um einen Nachdruck in Deutschland zu verhindern. Bayerns Justizminister Winfried Bausback (CSU) begrüßte nun das „klare Signal“ der Konferenz.

Das Münchner Institut für Zeitgeschichte arbeitet seit Jahren an einer kommentierten Ausgabe, die nach dem Auslaufen der Urheberrechte veröffentlicht werden soll.

Die Frage sei nicht nur unter Juristen sehr umstritten, hatte Niewisch-Lennartz betont. Sie könne gut verstehen, dass es etwa für jüdische Verbände „eine fast unerträgliche Vorstellung“ sei, dass das Buch wieder in Deutschland zu kaufen wäre. „Ich glaube aber nicht, dass man ein Sondergesetz machen kann, das nur auf das Verbot eines Buches ausgerichtet ist.“ Die Vorsitzende der Konferenz, Mecklenburg-Vorpommerns Ressortchefin Uta-Maria Kuder (CDU), sah keine Notwendigkeit für ein Sondergesetz. „Wir sind zuversichtlich, dass die geltende Rechtslage ausreicht“, sagte Kuder.

Niewisch-Lennartz hatte auch zu Bedenken gegeben, dass ein Verbot wenig Erfolg versprechend sei, da das Buch bereits jetzt im Ausland und im Internet „praktisch an jeder Ecke zu kaufen“ sei. Daher ergebe es Sinn, eine gezielte Veröffentlichung samt Kommentierung zu unterstützen. Denn „eine aktive, kritische Auseinandersetzung“ mit dem Text sei zurzeit nicht möglich.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, hatte sich in der Vergangenheit bereits mehrfach für eine Neuausgabe ausgesprochen. So furchtbar das Buch sei, wäre eine kommentierte Fassung dem wilden Kursieren unbearbeiteter Versionen vorzuziehen. Auch wenn ihm bei dem Gedanken, dass Hitler zum Bestseller werden und Menschen Geld mit seinen Schriften verdienen könnten, regelrecht übel werde, verbinde er mit einer gut gemachten Neuausgabe die Hoffnung, dass das Buch „als so bösartig und zynisch entlarvt“ werde, wie es nun einmal sei. Der jüdische Publizist Henryk M. Broder wandte sich ebenfalls gegen ein Verbot. Er sagte der „Nordwest-Zeitung“, daran festzuhalten sei eine „symbolische Ersatzhandlung“ und zeuge von „tiefem Misstrauen gegen das eigene ,dumme‘ Volk“.

Bayerns Justizminister Bausback hatte sich zunächst nicht explizit zu einer kommentierten Ausgabe äußern wollen. Wenn es eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe gebe, die sich klar von dem Inhalt abgrenze, sei eine nichtstrafbare Veröffentlichung unter Umständen möglich, hatte seine Sprecherin gesagt. Das müsse im Einzelfall und anhand des konkreten Textes von Gerichten beurteilt werden.

Auf Rügen hatte sich Bausback aber für ein bundesweites Vorgehen gegen Hitlers Hetzschrift einsetzen wollen. Dazu solle das geltende Strafrecht angewendet werden, ein Sondergesetz sei nicht nötig. Es müsse mit allen Mitteln des Strafrechts gegen jeden strafrechtlich relevanten Nachdruck vorgegangen werden, hieß es. Das gab die Richtung vor. Am Ende einigten sich die Minister darauf, das Verbot der Verbreitung auch nach Ende 2015 aufrecht zu erhalten.

Einen NOZ-Kommentar zum Thema finden Sie hier.


Mein Kampf ist ein Buch Adolf Hitlers. Hitler schrieb es 1924 während seiner Haft in der Festung Landsberg. Das Werk ist eine Kampf- und Propagandaschrift, in dem auch sein Hass auf die Juden zur Sprache kommt. Ausführlich malte Hitler das Bild einer „Jüdischen Weltverschwörung“ aus. Das Buch sollte zum Neuaufbau der NSDAP als zentral gelenkter Partei unter Hitlers Führung dienen. Unter anderem begrüßte Hitler den Ersten Weltkrieg als „Erlösung aus den ärgerlichen Empfindungen der Jugend“, als Kampf der deutschen Nation „um Sein oder Nichtsein“. Außerdem forderte er den Anschluss Österreichs an Deutschland und einen neuen Lebensraum für das deutsche Volk.

Vor allem der erste Band wurde bis 1932 während der Zeit der Weimarer Republik zu einem viel diskutierten Bestseller. Seit 1936 wurde „Mein Kampf“ in den Standesämtern verteilt. Das Buch erreichte bis 1939 eine Auflage von 5,5 Millionen. 1943 waren in Deutschland nahezu zehn Millionen Exemplare verbreitet. „Mein Kampf“ wurde in 16 Sprachen übersetzt und auch nach 1945 im Ausland mehrfach wieder aufgelegt. Nach Ansicht des Bundesjustizministeriums verstößt eine Verbreitung von Hitlers „Mein Kampf“ nach Ablauf der sogenannten Schutzfrist am 31. Dezember 2015 gegen geltendes Recht und wäre damit strafbar.