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Erster Weltkrieg Am Fließband des Todes: der industrielle Krieg



Osnabrück. Der Erste Weltkrieg war ein Maschinenkrieg. Ihre Zerstörungskraft überstieg das menschliche Vorstellungsvermögen. Tötungsindustrie an der Front und Rüstungsindustrie im Hinterland arbeiteten Hand in Hand.

Paris im Jahre 1914: Die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein und der junge Künstler Pablo Picasso erblicken auf dem Heimweg nach einem Abendessen einen französischen Militärkonvoi. Etwas daran ist seltsam: Die Lastwagen auf dem Boulevard Raspail sind mit ungleichen Flecken in verschiedenen Farbtönen bemalt. Picasso ist fasziniert. „Ja, das ist unsere Idee“, ruft er, „das ist Kubismus!“

Diese Szene schildert der amerikanische Unternehmensberater Joshua Cooper Ramo in seinem Buch „Das Zeitalter des Undenkbaren“. Es handelt davon, wie radikal und unvorhersehbar sich Weltordnungen verändern und wie Gesellschaften damit umgehen können. Stein, schreibt Cooper Ramo, habe beim damals noch fremden Anblick der Tarnmuster geahnt, dass in diesem Krieg bekannte Strukturen bis zur Unkenntlichkeit verändert werden würden wie in der kubistischen Kunst.

Die Bemalung, die Picasso so verblüffte, sollte die Formen der Fahrzeuge und ihrer Besatzungen auflösen, sie vermeintlich eins werden lassen mit dem Untergrund. Später im Kriegsverlauf würde der Mensch versuchen, tatsächlich mit der Erde zu verschmelzen. Der Frontsoldat des Ersten Weltkrieges musste sich während der Schlacht von der Erdoberfläche zurückziehen, musste Zuflucht suchen in Grabensystemen und in Unterständen, die bis zu zwölf Meter in die Tiefe reichten.

Denn es war etwas geschehen, das kein Stratege vorausgesehen hatte: Der Landkrieg, den man in Europa als Hin- und Herwogen von Truppen zu Fuß und zu Pferde gekannt hatte, war erstarrt, hatte sich festgefahren wie ein Auto im Schlamm. Der Motor lief heiß, aber nichts bewegte sich.

Maschinen, von Ingenieuren entwickelt, in Fabriken gefertigt und an den Fronten erstmals in riesiger Zahl eingesetzt, hatten eine unvorstellbare Zerstörungskraft entfesselt, die den Infanteristen zum bewegungsunfähigen Opfer machte, zum sprichwörtlichen Kanonenfutter.

„Die Artillerie war mit Abstand die wichtigste Waffe“, sagt Markus Pöhlmann, Spezialist für den Ersten Weltkrieg am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. 70 Prozent der Verwundungen seien durch Artilleriegeschosse verursacht worden. Erst an zweiter Stelle folgte das Ende des 19. Jahrhunderts aufgekommene Maschinengewehr (MG).

Rollende Feuerwalzen

Beide Waffentypen machten den Kampf Mann gegen Mann zur Randerscheinung. Die Wirkung mechanischer Großgeräte bestimmte jetzt das Geschehen. Krieg wurde zum industriellen Verfahren, dessen Produkt bestenfalls im Gewinn von Raum, in jedem Fall aber in Massentod und Verwundung bestand.

Die Waffentechnik habe dem Krieg „fast apokalyptische Dimensionen“ verliehen, sagt Gerhard Bauer, Wissenschaftler am Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden und Kurator der Ausstellung „14 – Menschen – Krieg“ , die am 1. August eröffnet wird. „Die Geschütze standen Radnabe an Radnabe.“ Gestaffelt in Granatwerfer und durch Pferdegespanne mobile Feldkanonen an der Front sowie schwere Geschütze rund einen Kilometer dahinter, schoss die Artillerie „Feuervorhänge oder Feuerwalzen, die über die gegnerischen Stellungen rollten. Die Infanterie rückte so dicht dahinter vor, dass sie manchmal von den eigenen Geschossen getroffen wurde. Die Soldaten versuchten, das durchpflügte Gelände in Besitz zu nehmen – hoffend, dass der Granaten speiende Maschinenpark in ihrem Rücken möglichst viele gegnerische Besatzungen getötet hatte oder zumindest deren MG-Schützen so lange in die Deckung drückte, dass man sich den Gräben nähern konnte.

Doch oft genug reichte selbst die schlimmste Feuerwalze nicht aus, um tief eingegrabene Verteidigungsstellungen sturmreif zu schießen. Manchmal griffen vorrückende Einheiten deshalb zum tragbaren Flammenwerfer. Auf deutscher Seite hatte diesen ausgerechnet ein ehemaliger Berufsfeuerwehrmann zur Einsatzreife gebracht, der nach dem Krieg einen Führungsposten bei einem noch heute tätigen Hersteller von Feuerlöschern übernahm.

Erfolg versprach sich die Oberste Heeresleitung auch von einer weiteren Industriewaffe, gegen die Stacheldrahtverhaue und Laufgräben keinen Schutz boten: Unter Leitung des Chemikers und Miteigentümers der damaligen Farbenfabrik Friedrich Bayer in Leverkusen, Carl Duisberg, entwickelte eine teils mit Nobelpreisträgern besetzte Kommission von Wissenschaftlern Methoden, Giftgas über den Gegner zu bringen. Dessen Wirkung war verheerend, und bald antworteten die Alliierten ihrerseits mit Gasangriffen.

In der Ausweglosigkeit des Stellungskrieges ersannen deutsche Militärs und Industrielle schließlich auch Artilleriewaffen, die im französischen Hinterland Angst und Schrecken verbreiten sollten. Das sogenannte Paris-Geschütz des Krupp-Konzerns hatte einen 37 Meter langen Lauf und konnte 130 Kilometer weit schießen.

Im Emsland entwickelt

Das riesige Paris-Geschütz wurde bedient wie eine Produktionsanlage von bis zu 80 Soldaten und einer Gruppe ziviler Ingenieure. Entwickelt hatte Krupp die Anlage zum Teil auf dem firmeneigenen Schießplatz im emsländischen Meppen, der heute als Wehrtechnische Dienststelle 91 fortbesteht.

Wie an einer „Werkbank“ (Pöhlmann) wurde auch in einem neuen Waffensystem gearbeitet, das schließlich doch noch Bewegung aufs Schlachtfeld brachte. Den erstmals von den Briten eingesetzten Panzer bedienten bis zu zwölf Mann in Arbeitsteilung: Einer kommandierte, zwei lenkten, die anderen bedienten MGs und Kanonen. Schuss- und Motorlärm, Abgase und Temperaturen von bis zu 60 Grad erinnerten an Arbeitsbedingungen in Stahlwerken. Oft fielen Besatzungsmitglieder in Ohnmacht.

Die Tötungsindustrie an der Front verschlang Material und Menschen, die Industrie im Hinterland lieferte Nachschub von beidem. Da immer mehr Männer an die Front gingen, rückten in den Fabriken Frauen nach. Vielfach seien das „tragische Schicksale“ gewesen, sagt Bauer, denn oft bot ein Job in der Rüstungsindustrie Frauen die einzige Möglichkeit, allein über die Runden zu kommen. Die Arbeit war körperlich hart und wegen stetig sinkender Sicherheitsstandards lebensgefährlich. 1918 tötete ein Feuer in einer Munitionsfabrik in Plauen mindestens 129 junge Frauen.

All dies hatte es nie zuvor gegeben. Generäle und Politiker hätten unter „Technik-Schock“ gestanden, sagt Pöhlmann. Als alles vorbei war, sollen Staatsmänner angemerkt haben, der Krieg hätte durch weniger Technik verhindert werden können. Die Geschwindigkeit, die mit der neuen Kommunikationstechnik der Telegrafie in Verhandlungs- und Entscheidungsprozesse gekommen war, habe sie in den Tagen vor der Mobilmachung überfordert.


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