Die Unerwünschten Arm und zugewandert: Wie Bulgaren in Dortmund leben


Osnabrück. Sie kommen voller Hoffnung – und landen in Matratzenlagern. Die Zuwanderung von gering qualifizierten Rumänen und Bulgaren stellt Dortmund vor Probleme. Der Kommune fehlt das Geld für Integrationsangebote. Kriminelle verdienen an der Not der Menschen. Ein Besuch.

Hussein ist einer von denen, über die bis vor Kurzem noch ganz Deutschland sprach. Er ist Bulgare, er ist arm und er ist zugewandert. Seit zwei Stunden steht er an diesem Morgen vor dem Stehcafé Europa in der Dortmunder Nordstadt. Er raucht und wartet. Worauf, das weiß er selbst nicht so genau. Café Europa: Das klingt nach einem Treffpunkt polyglotter Reisender, nach grenzenloser Freiheit. In Wahrheit wirft hier das flackernde Neonschild Licht auf die Unerwünschten : Bulgaren, die sich in Dortmund ein besseres Leben erhofften und feststellen mussten, dass sie hier nicht gebraucht werden.

Die Straße vor dem Café gilt als „Arbeiterstrich“. Es ist noch nicht lange her, da hielten am Bürgersteig regelmäßig Leute, die den Bulgaren und Rumänen Arbeit für einen Tag anboten. 30 oder 40 Euro bar auf die Hand für eine Entrümpelung oder Hilfsjobs auf dem Bau. Ein lohnendes Geschäft für zwielichtige Firmen. Besser als nichts, sagt Hussein, der nicht lesen und nicht schreiben kann.

Seit 2007 gehören Rumänien und Bulgarien zur EU. Arbeiten durften Bürger beider Länder in Deutschland zunächst allerdings nur in besonders nachgefragten Berufen oder als Selbstständige. Diese Einschränkung ist seit dem 1. Januar 2014 aufgehoben. 100 Tage sind seitdem vergangen.

Unworte bestimmen die Debatte

Schon Monate vor dem Stichtag kochte in Deutschland eine Debatte über „Armutszuwanderung“ und „Sozialtourismus“ hoch – Unworte des Jahres, die von keiner bundesweiten Statistik gedeckt werden. Denn Bulgaren und Rumänen sind seltener arbeitslos als andere Einwanderergruppen. Sie empfangen weniger Sozialleistungen und sind vergleichsweise gut ausgebildet. Unternehmen setzen auf die wichtigen Fachkräfte.

Und doch gibt es Orte, die Ausreißer in dieser Statistik sind. Die Dortmunder Nordstadt ist einer von ihnen. In einigen Straßenzügen ist der Anteil an gemeldeten Einwohnern aus Bulgarien und Rumänien in den vergangenen Jahren um das 100-Fache gestiegen. Gekommen sind vor allem Menschen, für die das Beamtendeutsch die Bezeichnung „Bildungsferne“ parat hält. Dubiose Vermieter verdienen sich eine goldene Nase an verwahrlosten Wohnungen, die sie den Zuwanderern als Matratzenlager feilbieten. 50 Euro pro Woche pro Person soll ein gängiger Preis sein.

Auch Hussein im Café Europa hat das schon bezahlt. Vor fünf Jahren zog er, der seinen Nachnamen nicht verraten will, nach Dortmund. Seine Familie hat er seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Ab und zu schickt er ihr Geld. Wie ein Großteil der bulgarischen Einwanderer in Dortmund kommt Hussein aus Stolipinowo, einem Vorort der Stadt Plowdiw. Der Stadtteil zählt zu den größten Roma-Gettos des Balkans.

Keine Nischen

„Diese Menschen sind mit einer vollkommen falschen Vorstellung gekommen. Die absolut meisten von ihnen wollen Arbeit finden. Aber sie treffen auf einen Arbeitsmarkt, der für diese Qualifikationsstruktur überhaupt keine Nischen hat“, sagt Birgit Zoerner. Als Sozialdezernentin der Stadt Dortmund ist es ihre Aufgabe, für eine Perspektive zu sorgen. Manche sagen, das hätte früher passieren müssen. Nun hat die Stadt alle Hände voll zu tun, die negativen Folgen der Zuwanderung zu lindern.

Knapp 100 sogenannte Problemimmobilien beobachten die Ordnungsbehörden derzeit in der Nordstadt. In manchen wurde der Strom abgestellt, aus den Hähnen kommt kein Wasser, und in den Höfen stapelt sich Müll. Die Stadt kann erst eingreifen, wenn die Zustände eine akute Gesundheitsgefährdung für die Bewohner darstellen. Als „Ekelhäuser“ erlangen geräumte Bauten traurige Berühmtheit in der Boulevardpresse. Von offenen Stromkabeln, die quer durch Wohnungen gespannt wurden, berichtet das Ordnungsamt – und von Treppenhäusern, durch die Kot und Urin flossen. Auch illegale Wohnungsprostitution soll es gegeben haben, erzählen Anwohner.

Früher gab es in der Nordstadt einen legalisierten Straßenstrich. Doch das liberale Modell hatte einen Haken: Von Tag zu Tag wurden es mehr Frauen, die sich an die Straße stellten. Kaum noch eine sprach Deutsch. Zum Schluss verkauften 700 Frauen in der Nordstadt ihren Körper, vielen ging es dreckig. 2011 erklärte die Stadt ganz Dortmund zum Sperrbezirk für Straßenprostitution. Die meisten Frauen sind seitdem weitergezogen, aber nicht alle. „Ein großer Teil der Menschen, die jetzt hier sind, wird bleiben. Das heißt: Es gibt keine Alternative zur Integration“, sagt Birgit Zoerner.

Kostenlose Sprechstunden

Bei Kindern gelingt das am einfachsten. Ein von der Stadt finanziertes Projekt der Diakonie bemüht sich um die schulische Teilhabe von rumänischen und bulgarischen Kindern. Manche von ihnen halten in den Auffangklassen zum ersten Mal einen Stift in der Hand. Im Gesundheitsamt bietet die Stadt kostenlose Sprechstunden für nicht krankenversicherte Kinder und Frauen an.

Hussein im Café Europa hat von diesen Angeboten noch nie gehört. „Ich will nicht aufgeben“, sagt er. Zu Hause in Plowdiw gebe es keine Hoffnung. In Deutschland sehe er jeden Tag, dass es den Menschen besser gehen kann. In einem der Callshops wählt Hussein die Handynummer seines Bruders in der Heimat. Er will seiner Tochter zum Geburtstag gratulieren. Für das Gespräch hat er lange gespart.


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