Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg An Arbeit herausholen, was herauszuholen ist

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Osnabrück. Wer fährt die Ernte ein und versorgt das Vieh, wenn die Bauern an der Front sind? Wer steht an der Drehbank und fertigt Granaten, wenn die Facharbeiter im Schützengraben liegen? Die Kriegswirtschaft im Deutschen Reich war eine Verwaltung des Mangels. Fehlten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, drohte eine Hungerkatastrophe. Fehlten sie in der Rüstungsindustrie, schien die militärische Niederlage unausweichlich.

Etwa 750000 Kriegsgefangene wurden in die Produktion und auf die Höfe geschickt. Frauen und Jugendliche übernahmen schwere Arbeiten in der Industrie. Das starre Reglement der Obersten Heeresleitung bot den Gewerkschaften aber auch Spielräume für soziale Fortschritte.

Es müsse „aus dem Kriegsgefangenen an Arbeit herausgeholt werden, was er hergeben kann“, verfügte das Kriegsamt in Berlin am 1. Februar 1917. Die Haager Landkriegsordnung ließ es zu, dass einfache Soldaten zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, gefangene Offiziere jedoch nicht. Bemerkenswert ist, dass vornehmlich russische und polnische Kriegsgefangene in der Landwirtschaft mit jedem weiteren Jahr des nationalen Ausnahmezustands unentbehrlicher wurden.

Dabei zeigen Dokumente aus dem Emsland, dass es anfangs erhebliche Widerstände gab. So fasste die Gemeindeversammlung Helte im Kreis Meppen 1915 den Beschluss, trotz der angespannten Arbeitskräftesituation lieber auf die Beschäftigung von Kriegsgefangenen zu verzichten, da diese nur „wenig Hülfe aber viele Kosten und Lasten“ bringen würde.

Jochen Oltmer, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück, hat in seiner Dissertation die Beschäftigungssituation im Emsland des Ersten Weltkrieges aufgearbeitet. Er beschreibt, wie schnell die ablehnende Haltung schwindet und schon bald mehr Zwangsarbeiter angefordert werden, als das Militär zur Verfügung stellen kann. Hatten die Behörden anfangs auf strikte Internierung bestanden, auf Trupps von mindestens 30 Mann mit bewaffneten Aufsehern, so wandelt sich diese Praxis unter dem Druck der Ereignisse.

Immer kleiner werden die Arbeitskolonnen, und längst nicht mehr so wichtiger erscheint die Bewachung, bis es schließlich zur Einzelunterbringung auf den Höfen kommt. Zunächst nur für russische und flämische Kriegsgefangene, nicht jedoch für „Franzosen, französische Belgier und Engländer“, die „ihrer Natur nach“ unzuverlässig seien, wie damals unterstellt wurde.

Dabei wollte das Stellvertretende Generalkommando in Hannover die ausländischen Hilfskräfte eigentlich nur für Saisonarbeiten, etwa zur Ernte, auf die Höfe lassen. In der übrigen Zeit sollten sie zur Kultivierung der Moore eingesetzt werden, später auch im Bergbau. Weil sich die Ernährungslage im Reich zunehmend verschlechterte, kamen die Militärbehörden den Bauern jedoch entgegen. „Trotz der fehlenden Arbeitskräfte“ müsse die „Sicherstellung der Ernährung von Volk und Heer“ sichergestellt werden, erklärte das Kriegsministerium im Februar 1915. Da kündigte sich die große Hungersnot, der berüchtigte Steckrübenwinter, schon vage an.

Die Militärbehörden ließen es zu, dass Kriegsgefangene nach der Ernte zum Dreschen bleiben durften und schließlich sogar über den Winter hinweg. Dass sie auch für alle anderen Arbeiten, etwa das Füttern des Viehs, fest eingeplant wurden. Wie wertvoll diese Hilfe war, belegt ein Schreiben, das der Gemeindevorsteher von Borsum im November 1915 an den Landrat in Aschendorf richtete: Die Gefangenen hätten sich gut eingearbeitet und als zuverlässig erwiesen, sodass sie als vollwertige Arbeitskräfte angesehen werden müssten, die „als Ersatz für eingezogene Hofbesitzer, Haussöhne, Knechte und sonstige Hofarbeiter dringend benötigt“ würden.

Die Verteilungskämpfe um die Arbeit von Kriegsgefangenen nahmen aber zu. Als im Herbst 1916 mit dem „Hindenburg-Programm“ angeordnet wurde, Kriegsgefangene aus der Landwirtschaft in die Rüstungsindustrie zu schicken, reduzierte sich die Zahl der Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft nur unwesentlich. Und als im März 1918 mit der Sowjetunion der Separatfrieden von Brest-Litowsk geschlossen wurde, blieben viele russische Kriegsgefangene noch längere Zeit im Deutschen Reich, und damit auch auf den Höfen der emsländischen Bauern. Keineswegs aus freien Stücken, sondern weil es keine Möglichkeit für eine Rückreise gab oder sie bewusst verwehrt wurde.

„Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Zwangsarbeiter war so groß geworden, dass eine Rückkehr, oder auch nur eine Verminderung ihrer Zahl, in den Augen der Militärbehörden katastrophale Auswirkungen haben musste“, fasst Historiker Oltmer zusammen.

Das galt natürlich auch für die Industrie. Kriegswichtige Branchen erlebten im Ersten Weltkrieg einen Boom. Die Unternehmen bemühten sich um Freistellungen für ihre eingezogenen Arbeiter und Angestellten, sie stellten Zwangsarbeiter, Frauen und Jugendliche ein, um die Aufträge für das Militär zu erfüllen. Das Osnabrücker Stahlwerk wurde mehrfach erweitert und erreichte am 1. Juli 1917 mit 3348 Beschäftigten einen Rekord. 646 von ihnen waren Kriegsgefangene.

Bei Brück, Kretschel & Co., wo in Friedenszeiten Ziegelsteinpressen hergestellt wurden, verlegte man sich auf die Produktion von Seeminen und Zeppelin-Bomben. Der Handelskammerbericht für 1915 weist aus, „mit der Einstellung weiblicher Aushülfen für einfachere Arbeitsleistungen“ seien „ziemlich gute Erfahrungen gemacht“ worden. Ein Kapitel, das Rolf Spilker vom Museum Industriekultur Osnabrück für eine Ausstellung über den Ersten Weltkrieg aufgreift. Frauen stellten damals auch den größten Teil der Belegschaft in der Kromschröder AG, die neben ihren Gasuhren auch Zünderteile aus Messing für den Heeresbedarf fertigte. Vor dem Krieg hatte die Belegschaft ausnahmslos aus Männern bestanden.

Dieser Rollentausch förderte natürlich das Selbstbewusstsein der Frauen, die noch zu Beginn des Krieges oftmals ihre Arbeit verloren hatten. In der der Textilindustrie etwa waren Arbeiterinnen entlassen worden, weil Rohstoffmangel die Behörden zu einem Herstellungsverbot veranlasst hatte.

Der Mangel an Arbeitskräften in der Rüstungsproduktion ließ die Löhne dort in ungewohnte Höhen steigen. Hatte das Stahlwerk im Juli 1914 noch 47 Pfennig pro Stunde gezahlt, waren es vier Jahre später 70 Pfennig. Ein Durchschnittsverdienst, wie Rolf Spilker anmerkt, also auch für die Frauen und Mädchen.

Das weckte natürlich Begehrlichkeiten bei Beschäftigten anderer Branchen. Hindenburgs „Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst“ erschwerte einen Wechsel jedoch erheblich, und es erwies sich wegen seiner starren Bestimmungen manches Mal als Effizienzbremse.

Die Gewerkschaften ließen sich ihre Unterstützung für das Hindenburg-Programm mit Zugeständnissen belohnen, die zuvor im Kaiserreich noch undenkbar erschienen. So entstanden in Betrieben mit mindestens 50 Beschäftigten paritätisch besetze Schlichtungsausschüsse und ständige Arbeiter- und Angestelltenausschüsse.

Auch wenn sich die Gewichte ein wenig verschoben: Die Arbeit mit vielen Überstunden, auch in der Nacht und am Sonntag, ging auf die Knochen. Keine Statistik habe aufgeführt, wie „diese permanenten Überlastungen Schäden für die Gesundheit der ohnehin unterernährten Rüstungsarbeiterinnen und Rüstungsarbeiter mit sich brachten“, schreibt Rolf Spilker vom Museum Industriekultur.

Für die Zwangsarbeiter war der Alltag in den Fabriken noch härter. Sie waren weitgehend rechtlos, unterernährt und in den Sammellagern ständig von Infektionskrankheiten bedroht. Der Historiker Jochen Oltmer vermerkt, dass den Kriegsgefangenen auf den Bauernhöfen trotz der schweren Arbeit ein deutlich besseres Leben vergönnt war.


Der Krieg in der Region: Der Reservist Heinrich Kuhr, am 22. September 1877 als Sohn eines Schmiedes in Wehrendorf, Kreis Wittlage, geboren, war Vater von fünf Kindern und bewirtschaftete mit seiner Frau Marie die Heuerlingsstätte Hackstätte in Oelingen, da erreichte ihn am 3. August 1914 der Gestellungsbefehl. Heinrich Kuhr pflügte gerade mit einem Kuhgespann einen abgeernteten Roggenacker, als ihm der Brief mit der Aufforderung, sich in Minden zu melden, überreicht wurde. Mit den plattdeutschen Worten „In een paar Wierken bin ick wieder to Hus!“ und einem Pappkarton in der Hand verabschiedete sich Heinrich Kuhr von seiner Familie und den Nachbarn. Er sollte seine Wittlager Heimat nie wiedersehen. Fortan gehörte Heinrich Kuhr dem Hannoverschen Pionier-Batallion Nr. 10 an. Am 28. August 1914 wurde Heinrich Kuhr in Frankreich tödlich verletzt. Er war der erste Gefallene des Weltkrieges aus dem Wittlager Land. Die vom Arenshorster Pastor Zwick verkündete Todesnachricht von der Front löste große Betroffenheit aus. (as)

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