Zehn oder elf Euro pro Stunde sind zu wenig Pflegebeauftragter Laumann will Pflegeberuf aufwerten

Meine Nachrichten

Um das Thema Politik Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Pflege-Experte Laumann
              Foto: dpaPflege-Experte Laumann Foto: dpa

Osnabrück. Es herrscht Pflegenotstand in Deutschland, aktuell fehlen 30.000 Fachkräfte in Pflegeheimen. Experten warnen angesichts der demografischen Entwicklung vor einer Verschärfung der Lage. Staatssekretär Karl-Josef Laumann, seit Dezember Patientenbeauftragter und Bevollmächtigter Pflege der Bundesregierung und zuvor langjähriger Sozialminister in Nordrhein-Westfalen, will gegensteuern. Wie, erklärte er im Interview.

Herr Laumann, kaum ein junger Mensch möchte in der Pflege arbeiten. Wie wollen Sie dem begegnen?

Wir müssen vor allem mehr junge Menschen in der Pflege ausbilden. Allen, die diesen Beruf ausüben wollen, müssen wir auch eine kostenfreie Ausbildungsstelle anbieten können.

Wie kann das gehen?

In Nordrhein-Westfalen haben wir einen guten Weg gefunden: Hier haben wir die Kosten für die Ausbildung auf alle, die Pflege anbieten, umgelegt. Diese Umlage müssen alle zahlen, egal, ob es sich um stationäre oder ambulante Pflege handelt. Denn alle, die Pflege anbieten, brauchen Fachkräfte, aber längst nicht alle bilden diese auch aus. Die Umlage für die Ausbildung der Fachkräfte müssen nun alle bezahlen, die auch einen Nutzen davon haben. Die Zahl der Lehrstellen in der Pflege ist dadurch in NRW um ein Drittel gestiegen.

Das Berufsbild wird dadurch nicht attraktiver. Was muss sich ändern?

An den Pflegeschulen treffe ich schon heute Leute, die hoch motiviert sind, die das gerne machen und die den Beruf spannend, schön und befriedigend finden. Aber dennoch müssen wir an der Attraktivität arbeiten. Dazu gehört auch das Gehalt. Ich bin der Meinung, eine gute, examinierte Pflegekraft sollte nicht schlechter verdienen als ein Handwerker, der Maschinen repariert. Zehn oder elf Euro pro Stunde sind einfach zu wenig. Regional unterscheiden sich die Gehälter in der Pflege übrigens sehr, in einigen Regionen Deutschlands gibt es schon jetzt angemessene Gehälter. Aber eben nicht überall. Zu diesem Problem werde ich eine Studie in Auftrag geben.

Geld ist aber nicht alles.

Ja, aber ein wichtiger Punkt. Doch auch den Beruf als solchen kann man interessanter machen. So glaube ich, dass wir die Attraktivität des Pflegeberufs steigern können, wenn wir auf eine generalistische Ausbildung umstellen. So bekäme der gesamte Beruf eine viel höhere Flexibilität. Es gäbe nicht mehr die Dreiteilung Kinderpflege, Krankenpflege und Altenpflege, sondern eine gemeinsame Ausbildung für alle. Danach könnte man dann seinen Beruf flexibler an verschiedenen Orten, im Krankenhaus oder auch im Pflegeheim, ausüben.

Wann könnte das umgesetzt werden?

Ich bin zuversichtlich, dass wir das noch in dieser Legislaturperiode hinkriegen.

Bei den Hausärzten ist es ähnlich. Was ist zu tun?

Zunächst einmal: Der Hausarzt in der Fläche ist unverzichtbar. Er muss im Gesundheitssystem aber einen höheren Stellenwert bekommen. Der schöne Beruf des Hausarztes muss wieder hervorgehoben werden. Dafür müssen wir beispielsweise neue Praxis-Formen besser umsetzen. Hausärzte wollen immer öfter als Angestellte arbeiten und so das Risiko der Selbstständigkeit umgehen. Klar ist aber auch: Der Schlüssel liegt bei den Kassenärztlichen Vereinigungen (KV). Sie haben den Sicherungsauftrag, müssen die korrekte Verteilung der Ärzte sicherstellen. Es kann nicht sein, dass in den Städten zu viele, auf dem Land aber zu wenige Ärzte sind. Die KV müssen endlich ihren Job machen.

Es fehlt aber auch an Hausärzte-Nachwuchs.

Das stimmt. Dass es an den Unis zu wenige Lehrstühle für Allgemeinmedizin gibt, ist ein Zeichen, dass hier etwas nicht stimmt. Der Fokus liegt zu sehr auf den Fachärzten und zu wenig auf der Allgemeinmedizin. Ich glaube auch nicht, dass es so gut ist, für das Medizinstudium vorwiegend den Numerus clausus als Auswahlkriterium zu nehmen. Wenn zum Beispiel jemand eine Ausbildung im Pflegebereich gemacht hat, sollte man dies auch anerkennen, wenn er danach Medizin studieren will. Zum Glück aber kann ich sagen, dass immer noch viele Leute Medizin studieren wollen, auf einen Studienplatz kommen derzeit acht Bewerber.

Pflege ist teuer. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn schlägt vor, die Pflegeversicherungsbeiträge Kinderloser zu erhöhen. Was halten Sie davon?

So viel Sympathie ich für diesen Vorschlag persönlich habe, aber im Koalitionsvertrag steht, dass für alle die Beiträge sich um ein halbes Prozent erhöhen, um die Leistungen der Pflegeversicherung um 20 Prozent steigern zu können. Wenn wir diese Idee umsetzen wollten, müssten wir das mit dem Koalitionspartner klären, da es nicht Teil des Koalitionsvertrags ist. Aber wir dürfen durch diese Diskussion nicht die gewaltigen Anstrengungen verzögern, die Leistungsfähigkeit der Pflegeversicherung zu erhöhen. Wir geben fünf Milliarden Euro mehr ins System. Die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs wird den Zugang zu Leistungen gerechter machen. Damit werden insbesondere auch demenziell Erkrankte voll leistungsberechtigt. Dieses Problem wird ja seit Jahren zu Recht von praktisch allen Beteiligten beklagt.

Sie haben sich für einen neuen Umgang mit Fehlern von Ärzten und Pflegekräften auch in der Pflege ausgesprochen. Warum?

Wir haben heutzutage das Problem, dass Fehler oft zu Skandalen hochdiskutiert und auch hochgeschrieben werden, aber nicht aus ihnen gelernt wird. Eines aber ist klar: Wo Menschen so eng miteinander arbeiten wie etwa in der Pflege, da passieren Fehler. Die dürfen natürlich nicht verharmlost oder gar vertuscht werden. Wir müssen aber dahin kommen, dass jemand, dem ein Fehler unterlaufen ist, dazu stehen kann ohne Angst zu haben. Wir brauchen eine andere Kultur, wie wir mit solchen Fehlern umgehen.

Schon jetzt gibt es viele Kontrollmechanismen. Reichen sie nicht aus?

Der offene Umgang fehlt. Aus lauter Angst vor Fehlern ist eine übermäßige Bürokratie entstanden. Gerade die lückenlose Dokumentation von jedem Handgriff zeigt die Angst davor, einen Fehler zu machen. Ich würde mir wünschen, dass jeder weiß: Menschen sind keine Maschinen, und sie machen Fehler. Dazu muss man stehen können, auch um sie künftig vermeiden zu können.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Frau Merkel hatte Sie überzeugt, der Richtige für den Posten des Patientenbeauftragten in Berlin zu sein. Zugleich sind Sie sehr in NRW verwurzelt. Planen Sie schon die Rückkehr?

Für mich ist unumstößlich, dass ich in NRW fest verwurzelt bleibe. Denn ich weiß, nur wenn ich eine Region hinter mir habe, kann ich politisch auch etwas erreichen. Ich bin mit viel Leidenschaft und Herz Sozialpolitiker, also passt das neue Amt perfekt. Die Antwort ist also: Nein, ich plane nicht meine Rückkehr.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN