Interview mit unserer Zeitung KMK-Präsidentin Löhrmann: Schulen angstdurchsetzt

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Sylvia Löhrmann
              Foto: dpaSylvia Löhrmann Foto: dpa

Osnabrück. An deutschen Schulen herrscht mitunter ein Klima der Angst. Das kritisieren Psychologen und Kinderärzte. Im Interview mit unserer Zeitung spricht die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und nordrhein-westfälische Schulministerin, Sylvia Löhrmann (Grüne), über die Herausforderungen ihrer Amtszeit, Hausaufgabenbegleitung und Helikopter-Eltern.

Frau Löhrmann, macht Schule krank?

Gute Frage. Schule kann in der Tat krank machen, aber sie muss nicht krank machen. Wir stellen uns die Gesundheitsfrage in Zeiten des Burn-out-Syndroms nicht nur für die Lehrer, sondern auch und insbesondere für die Schüler. Am Ende ist es eine Qualitätsfrage.

Woran messen Sie die Qualität einer Schule?

Dazu gehört der Blick auf die einzelne Unterrichtsstunde, das Gespräch mit den Lehrern, der Schulleitung, die Untersuchung des Umfelds. Bei der Qualitätsanalyse setzen wir uns auch mit dem Schulklima für alle Beteiligten auseinander.

An deutschen Schulen ist die Lernatmosphäre häufig schlecht. Psychologen kritisieren „eine schädliche Wettbewerbskultur“.

Es stimmt, unsere Schulen sind vielfach angstbesetzt und leiden unter Druck. Aber: Laut PISA sind 80 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler nach eigenen Angaben sogar glücklich in der Schule. Allerdings gibt es Kinder und Jugendliche, die Angst vor ihren Lehrern haben, Lehrer mit Angst vor ihrer Klasse, oder Eltern, die sich abgewiesen fühlen. Und wieder andere, die kaum Interesse bekunden.

Wie lässt sich das Klima der Angst an den Schulen überwinden?

Wir brauchen ein gutes Zusammenspiel von strukturellen Rahmenbedingungen, von Verlässlichkeit für die Schulen und gute Begleitung der inneren Schulentwicklung. In Nordrhein-Westfalen haben wir dazu einen Dreiklang entwickelt: zunächst einen Referenzrahmen, der beschreibt, was eine gute Schule ausmacht, darauf haben wir eine schlankere Qualitätsanalyse und unsere Fortbildungskonzeption ausgerichtet, um Schulen individuell zu unterstützen.

Zurück zur Wettbewerbskultur: Haben die Schüler heute noch Zeit, um eine Klasse zu wiederholen?

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Sitzenbleiben an sich führt nicht automatisch zum Erfolg. Deshalb wollen wir es in NRW ähnlich wie in Niedersachsen überflüssig machen, ohne es formal abzuschaffen. Es ist nicht die Frage, ob es sich ein Schüler leisten kann, sondern, ob es pädagogisch sinnvoll ist.

Wie bewerten Sie dabei den hohen Ehrgeiz einiger Eltern?

Forscher sprechen von „Helikopter-Eltern“, die Sorge haben, dass ihre Töchter und Söhne nicht erfolgreich genug sind. Das kenne ich auch aus meiner Erfahrung als Lehrerin. Wir sollten mehr Zutrauen in unsere Kinder und Jugendlichen haben und Druck von ihnen nehmen. Jeder soll sich nach seinen Talenten entwickeln können. Angesichts des Fachkräftemangels könnten alle Beteiligten viel entspannter sein, denn wir brauchen alle Potenziale.

Große Firmen stellen nicht selten ausschließlich Abiturienten ein. Erscheint Ihnen der Ehrgeiz der Eltern nicht begründet?

Das ändert sich spätestens in dem Moment, in dem es nicht mehr genug Bewerber gibt. Insofern werbe ich für eine geordnete, ruhige und zielgerichtete Schulentwicklung. Aktionismus und ständiges Hin und Her sind kontraproduktiv. Schule ist heute mehr als die Aneinanderreihung von Unterrichtsstunden, sondern individuelle Förderung. Die Gesellschaft braucht die Jugend, und wir wollen sie gut auf ihre Zukunft vorbereiten.

Insbesondere Kinder aus sogenannten schwächeren Milieus verlieren in Drucksituationen den Mut. Wo setzen Sie den Hebel an?

Wie bei allen Kindern kommt es hier auf gezielte, individuelle Förderung an. Genau hinschauen, früh eingreifen. Durch den Ganztagsausbau schaffen wir mehr Lern- und Förderzeit ...

...und zu Hause mehr Familienzeit. Lehrer und Kinderärzte sagen, davon seien wir aber weit entfernt.

Es mag regional zuweilen stockend vorangehen, aber die Richtung stimmt. Denn: Die deutsche Halbtagsschule ist anachronistisch. Das Modell der professionellen Hausaufgabenbegleitung, gemeinsamer Arbeitsgruppen, kultureller Angebote stützt und stärkt die Kinder. Der Ganztag entlastet die Elternhäuser.

Viele Lehrer fühlen sich mit den Herausforderungen der Inklusion überfordert. Was ist zu tun?

Unser Credo lautet: Unterstützung. Wir haben in NRW 53 Kompetenzteams eingerichtet und speziell geschult, dort gibt es für die Kollegien gezielte Fortbildungen. Schule ändert sich nicht auf Knopfdruck. Es sind viele verschiedene Stellschrauben zu bedienen.

Niedersachsen kehrt nun zum neunjährigen Gymnasium zurück . Woran liegt es, dass das Turbo-Abi nach acht Jahren nicht sonderlich beliebt zu sein scheint?

Auch da wird mir zu wenig auf die Frage der Qualität geschaut. Ich habe Rückmeldungen erhalten, nach denen sich die Bewertung ganz anders anhört, auch in G9-Gymnasien gab es Klagen über zu viel Druck. Die Ergebnisse beim Zentralabitur zeigen, dass die G8-Schüler nicht schlechter abschneiden, durchschnittlich sogar minimal besser. In der Studierfähigkeit werden auch keine Unterschiede festgestellt.

Inwiefern bleibt der Koalitionsvertrag im Bund hinter Ihren Erwartungen zurück?

Alle Parteien haben vor der Wahl mehr Ganztag versprochen. Im Koalitionsvertrag ist das aber nicht enthalten, stattdessen sechs Milliarden Euro für den gesamten Bildungsbereich für vier Jahre. In Anbetracht der jährlich elf Milliarden für die Rente, ist das für mich ein Missverhältnis.

Was spricht eigentlich gegen ein Bundesschulministerium?

Dadurch wird doch nichts besser. Einen Schulkonsens wie in NRW hätten wir auf Bundesebene nicht hinbekommen. Es wäre nicht möglich gewesen, so pragmatisch an die Sache heranzugehen. Und mal ehrlich: Auch innerhalb eines Bundeslandes, selbst in einer Stadt, gleicht nicht eine Schule der anderen - ob Sie nun von Hannover nach Osnabrück ziehen, oder innerhalb Kölns oder Münchens. Der Wunsch nach Zentralisierung hängt mit der Vorstellung zusammen, dass von oben durchregiert alles besser wird. Das ist aber ein Trugschluss.


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