Studie: erschreckende Ergebnisse 62 Millionen Frauen in Europa Opfer von Gewalt

Von dpa

Wenn ein Streit eskaliert: Eine Studie hat ergeben, dass jede dritte Frau seit ihrer Jugend Opfer von körperlicher Gewalt geworden ist. Foto: dpaWenn ein Streit eskaliert: Eine Studie hat ergeben, dass jede dritte Frau seit ihrer Jugend Opfer von körperlicher Gewalt geworden ist. Foto: dpa

Wien. Millionen Frauen in der EU sind Opfer von Gewalt. Viele müssen Schläge ertragen, häufig wird der eigene Partner zum Täter. Eine neue Studie zeigt erschreckende Zahlen auf.

Ein blaues Auge nach einem Streit mit dem Partner, eine zerrissene Strumpfhose nach einer Partynacht oder der immerzu aufdringliche Chef im Büro: Die Berichte von weiblichen Gewaltopfern sind sehr unterschiedlich. In der Europäischen Union gibt es erschreckend viele von ihnen, wie eine neue Studie zeigt. Jede dritte Frau hat demnach seit ihrer Jugend körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Das sind etwa 62 Millionen. Fünf Prozent davon sind vergewaltigt worden, berichtet die EU-Grundrechte-Agentur (FRA).

Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem vergangenen Jahr sollen Männer genauso oft Opfer häuslicher Gewalt sein.

Häufig lauert die Gefahr in den eigenen vier Wänden: 22 Prozent der Befragten gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt durch den Partner erfahren zu haben. Zu körperlicher Gewalt zählt die EU-Studie etwa, wenn Frauen geschlagen, an den Haaren gezogen, geschubst oder mit harten Objekten attackiert werden. Sexuelle Gewalt bedeute Vergewaltigung oder versuchte Vergewaltigung.

Der Studie zufolge werden diese Übergriffe in Beziehungen oft zum Alltag. Auch Schwangere würden dann nur selten verschont. Dagegen vorzugehen wagen sich die wenigsten: Viele gaben an, dass sie sich zu sehr zu schämen oder peinlich berührt seien und deshalb nicht zur Polizei gehen.

Vergewaltigungen durch Fremde, wobei dabei oftmals mehrere Männer beteiligt sind, würden schneller angezeigt. Sechs Prozent der Befragten sagten, dass es bereits zu einer versuchten Vergewaltigung gekommen sei. Gleich viele nahmen aus Angst vor möglichen Konsequenzen an sexuellen Aktivitäten teil.

Die höchste Gewaltrate meldeten Frauen der Studie nach in den drei nordischen Ländern Dänemark (52 Prozent), Finnland (47) und Schweden (46). In Polen, Österreich und Kroatien gibt es mit je 20 Prozent vergleichsweise am wenigsten Gewalt. Deutschland liegt mit 35 Prozent über dem EU-Schnitt (33). Die Autoren warnen vor voreiligen Schlussfolgerungen: Angaben zu Übergriffen und die tatsächlich ausgeübte Gewalt stimmten nicht immer überein.

Kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gewalt hätten einen Einfluss darauf, wie offen Frauen dieses Thema ansprächen. Bei stärkerer Gleichberechtigung der Geschlechter herrsche deutlich mehr Bewusstsein, und es gebe mehr Anzeigen.

Von sexuellen Belästigungen seien noch mehr Frauen betroffen als von Gewalt . Vor allem gut ausgebildete Frauen in Spitzenpositionen sprachen davon. Dies könnte damit zusammenhängen, dass sie Grenzüberschreitungen besser einschätzen könnten und diese auch meldeten.

Insgesamt gaben zwischen 83 und 102 Millionen Frauen an, sexuell belästigt worden zu sein. Das sind zwischen 45 und 55 Prozent aller Frauen in der EU ab 15 Jahren. Der Zahlenunterschied ergibt sich aus unterschiedlichen Ansichten der Befragten darüber, was als ob etwa Annäherungsversuche durch Männer, sexistische Witze oder ungewollte Nacktfotos per SMS bereits zu einer sexuelle Belästigung zählt. Viele der Attacken beginnen bereits in der Kindheit.In Deutschland sind es 13 Prozent. Dazu zählt, wenn Erwachsene ihre Genitalien demonstrativ zur Schau stellten oder unsittliche Berührungen im Intimbereich vornahmen. Täter waren in diesem Fall fast ausschließlich Männer, wie die Frauen laut Studie berichteten. Solche Übergriffe führen bei einem Drittel der Frauen dazu, in späteren Beziehungen wieder zum Opfer zu werden.

Noch verbreiteter sei körperliche Züchtigung: Mehr als ein Viertel der Befragten haben bis zum Jugendalter physische Gewalt erlebt. In Deutschland ist die Zahl mit 37 Prozent noch deutlich höher. Erwachsene Frauen wie Männer schlagen in diesem Fall laut Studie fast gleich oft zu. Auch von Stalking, immer öfter auch über das Internet, sind viele Frauen betroffen. Fast jede fünfte Frau ist seit ihrem 15. Lebensjahr Opfer von Stalking geworden. In Deutschland war fast jede vierte Frau schon einmal betroffen.

„Frauen sind nicht sicher auf den Straßen, am Arbeitsplatz und schlussendlich auch nicht zu Hause, dem Platz, an dem sie Schutz finden sollten“, sagte FRA-Direktor Morten Kjaerum. Insgesamt wurden 42000 Frauen in den 28 EU-Ländern im Alter zwischen 18 und 74 Jahren befragt. Die Gespräche fanden 2012 persönlich statt. Eine vergleichbare Studie zu der Thematik gab es laut FRA in der EU bisher nicht, die Studie sei die bisher weltweit größte.