Caritas-Präsident warnt vor liberaleren Gesetzen „Es ist richtig, organisierte Sterbehilfe zu verbieten“

Peter Neher ist Priester und Caritas-Präsident. Foto: dpaPeter Neher ist Priester und Caritas-Präsident. Foto: dpa

Osnabrück. Tod und Sterben machen Angst. Eine Umfrage ergab, dass die Vorstellung, allein zu sterben, das Schlimmste ist. Viele wünschen sich die Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe auch in Deutschland. Das ist der falsche Weg, sagt Caritas-Präsident Peter Neher im Interview mit unserer Zeitung.

Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben. In ein Hospiz wollen nur 27 Prozent. Warum?

Die Hospizbewegung ist noch immer nicht bekannt genug. Zwar gibt es bundesweit rund 200 stationäre Hospize und im Bereich der Caritas fast 60, dazu kommen die vielen ambulanten Hospizdienste, aber wenn Sie das umrechnen auf 80 Millionen Einwohner, ist das nicht so viel. Hinzu kommt: Persönliches Sterben ist immer noch ein Tabu.

Wann darf ein Mensch sagen: Ich möchte mein Leben jetzt beendet wissen?

Wir müssen genau hinschauen: Wann sagt das jemand? Warum sagt er es? Es gibt Situationen, die extrem dramatisch, belastend und schwierig sind in Bezug auf die Krankheitssymptome und die persönliche Situation.

Da liegt der Gedanke an Sterbehilfe nahe, oder?

Es ist subjektiv verständlich, dass jemand sagt: Ich kann nicht mehr. Aber es ist ein großer Unterschied, ob ich das als Kranker sage – und möglicherweise im Grunde doch am Leben hänge – oder ob ich es mir als Gesunder vorstelle: So möchte ich es nicht haben. Ich selbst war jahrelang Klinikseelsorger, ich weiß, dass es solche Situationen gibt. Die meisten Todkranken haben jedoch einfach Angst. Angst vor dem Alleinsein, vor großen Schmerzen. Bevor ich also die Debatte um Sterbehilfe führe, würde ich lieber fragen: Was ist notwendig, um die Ängste und mögliche Schmerzen zu lindern?

Was können wir tun?

Unsere Gesellschaft muss sich der Aufgabe stellen, Sterben menschenwürdig zu gestalten, auch im Hinblick auf den demografischen Wandel. Wir müssen diese Debatten führen, die Augen zu verschließen hilft nicht. Das Wissen, am Ende nicht allein zu sein, entlastet und nimmt Ängste. Diese Aufgabe erfüllen Hospize, aber auch Familien, Freunde und qualifizierte Fachleute. Ihnen müssen wir helfen; wir müssen dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Und wir müssen das, was sie leisten, öffentlich machen.

Was würde geschehen, wenn unsere Sterbehilfe-Gesetze gelockert würden?

Als Theologe sage ich: Die Verfügungsgewalt über das eigene Leben ist uns Menschen nicht gegeben. Dieser Ansatz ist jedoch Menschen, die nicht unbedingt einen Zugang zum christlichen Glauben haben, nicht so einfach zugänglich.

Ein wichtiger Gedanke aber – und der ist gesellschaftlich durchaus anschlussfähig – ist folgender: Wer schützt denn eigentlich den Sterbenskranken vor dem Anspruch derer, die sagen, dass sein Leben nicht mehr lebenswert sei?

Mit gelockerten Gesetzen entstünde ein unglaublicher Druck. Zum einen will ich meinen Angehörigen nicht zur Last fallen, und da gibt’s doch diese Möglichkeit... Und umgekehrt: Meine Angehörigen werden es von mir erwarten, dass ich meinem Leben ein Ende setze. Das ist eine ungeheuerliche Vorstellung. Und auch die Angehörigen müssten sich rechtfertigen. Da fragt dann vielleicht die Nachbarin: Warum macht ihr euch da so viel Mühe? Diese gesellschaftliche Auseinandersetzung bekämen wir, sobald es den rechtlichen Rahmen dafür gäbe.

Belgien lässt Sterbehilfe für todkranke Kinder zu...

Das finde ich unsäglich. Kinder haben keine Vorstellung von Endgültigkeit. Ich will die Situation mit einem todkranken Kind nicht beschönigen, aber trotzdem muss man die Frage stellen, woher die Motivation, das Leben des Kindes zu beenden, kommt. Mit sechs oder sieben Jahren hat ein Kind keinen Begriff von Endlichkeit.

Was bedeutet das für uns?

Die ganze Debatte muss geführt werden vor dem Hintergrund: Was ist menschliches Leben wert? Wie können wir helfen? Da geht es auch um Finanzen. So müssen die Träger von Hospizen zehn Prozent ihrer Kosten durch Spenden decken. Zehn Prozent; im Einzelfall kann das noch wesentlich mehr sein! Es käme niemand auf die Idee, dies von einem Krankenhaus zu verlangen.

Wir brauchen auch andere Bedingungen bei der Pflege. Wir fordern einen neuen Pflegebegriff, der ganzheitlich ist. Es kann doch nicht darum gehen, wie lange man braucht für das Schneiden von Fingernägeln, wie lange für dieses, wie lange für jenes. Auch diese kleinen Dinge des Alltags menschenwürdig zu gestalten ist ein Baustein für Altwerden und Sterben in Würde.

Wie überwindet man die Angst vor dem Thema?

Ich bin entfernt davon zu sagen: Früher war alles besser, das war es nicht. Aber ich bin in einem kleinen Ort aufgewachsen. Und wenn die Oma gestorben war, wurde sie zu Hause aufgebahrt. Für uns Kinder war das ein bisschen gruselig, aber normal; wir konnten uns verabschieden. Dieses unmittelbare Erleben des Sterbens fehlt heute. Auch ist schwarze Kleidung heute Mode. Früher war sie ein Signal: Geht vorsichtig mit mir um; ich trauere um einen Menschen. Dorthin kommen wir natürlich nicht zurück. Doch die aktuelle Debatte hilft, die Augen für dieses Thema wieder zu öffnen.

Was muss die Politik tun?

Es ist richtig, organisierte Sterbehilfe zu verbieten, wie Minister Gröhe es vorschlägt. Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der ich als Sterbenskranker all diesen Erwartungen ausgeliefert bin, die mir dann verkauft werden als mein freier Wille.

Was darf die Politik jetzt keinesfalls tun?

Sich dem Trend unserer Nachbarn zur Liberalisierung ergeben. Wir haben gute Gesetze. Diesen hohen Anspruch sollten wir nicht aufgeben. Die Diskussion darüber, wie wir als Gesellschaft mit dem Tod und mit dem Sterben umgehen wollen, die müssen wir aber unbedingt weiterhin führen.


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