Neues Buch Thilo Sarrazin beklagt „Tugendterror“ in Deutschland

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Gegen Denk- und Sprechverbote: Buchautor Thilo Sarrazin. Foto: dpaGegen Denk- und Sprechverbote: Buchautor Thilo Sarrazin. Foto: dpa

Osnabrück. Monatelang war es still um Thilo Sarrazin, den heftig kritisierten Bestsellerautor. Das dürfte sich nun ändern, denn er hat ein weiteres Buch geschrieben: „Der neue Tugendterror“ kommt an diesem Montag auf den Markt und handelt von den Grenzen der Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik.

2010 erschien sein Werk „Deutschland schafft sich ab“, mit dem der ehemalige Berliner Finanzsenator und frühere Bundesbankvorstand eine Millionenauflage erzielte. Es ist eines der am meisten verkauften Sachbücher in der Bundesrepublik seit Kriegsende . Sarrazins Buch löste eine breite, kontroverse Debatte über Zuwanderung aus. Und polarisierte: Während sich Journalisten und Politiker medien- und parteiübergreifend entrüsteten oder seine Thesen mindestens für nicht hilfreich hielten, spendete so mancher Blogger und Leser Sarrazin Beifall. Auf die vielen negativen Reaktionen geht der Autor ausführlich ein. Seitenlang gerät sein jüngstes Werk zur Verteidigungsschrift in eigener Sache, garniert mit Spott, nicht frei von Besserwisserei.

Zu Recht wendet sich Sarrazin gegen Kritiker, die sein Buch gar nicht gelesen haben oder ihn falsch zitieren. Er beklagt zudem eine „Verengung und Kartellierung der Meinungsbildung“, kritisiert Intoleranz und Tabus – und lehnt politische Korrektheit ebenso ab wie Denk- und Sprechverbote. Diese Aussagen verdienten es, ernsthaft erörtert zu werden, doch der Autor macht es unvoreingenommenen Lesern schwer. Ständig sieht er sich als Opfer, das nur deshalb auf Widerstand stößt, weil es ungeliebte Tatsachen ausspricht.

Den Begriff „Tugendterror“, 2012 salonfähig gemacht vom Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen mit einem Essay in der „Zeit“, greift Sarrazin auf und nennt den angeblichen Tugendterror „eine groteske Verzerrung der Wirklichkeit“.

Heftig hagelt es Medienschelte, mal gegen die „tumbe Lokalpresse“, mal gegen seriöse Zeitungen. Auch die Qualitätspresse, behauptet Sarrazin, würde schon mal die Gesetze der Statistik auf den Kopf stellen, „wenn sich die Wirklichkeit dem eigenen Denkmuster nicht fügen will“. Dass die meisten Journalisten eher dem linken Spektrum angehören, belegt Sarrazin durch Statistiken.

In 14 Thesen wendet sich der Autor gegen den „Tugendwahn“ in Deutschland und ebenso gegen einen „Gleichheitswahn“, der zur dominierenden Strömung in der Gesellschaft geworden sei. Behauptung reiht sich an Behauptung, oft in rechthaberischem Ton.

Manche Aussagen, etwa zum Ehegattensplitting, verdienen durchaus Beachtung – aber nicht wenige Passagen Sarrazins, der sehr zum Ärger vieler Parteifreunde immer noch der SPD angehört, dürften vor allem den rechtspopulistischen Stammtisch bedienen. Wer beispielsweise immer schon etwas gegen Sinti und Roma hatte und sie überwiegend für kriminell hielt, wird sich bestätigt fühlen.

Das Buch ist gedruckt in einer Startauflage von 100000 Exemplaren, die „Bild“-Zeitung druckte bereits einige Auszüge. Der „Diskussionsveteran“ (Sarrazin über Sarrazin) wird mit den populärwissenschaftlich klingenden, flüssig formulierten Erklärungen wohl wieder einen Bestseller landen. Zugleich dürfte er erneut spalten.

Und auch wenn Sarrazin die Grenzen der Meinungsfreiheit beklagt, kann er doch deutlich und ungestraft seine Ansichten kundtun und sogar viel Geld damit verdienen. Tatsächlich gefährdet ist die freie Meinungsäußerung anderswo: in Diktaturen.


Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror, Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland, 400 S., DVA, 22,99 Euro.

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