Der Kontinent 1914 Bevor die Lichter in Europa erloschen


Osnabrück. Als im Juli 1914 die ersten Soldaten ins Feld zogen, standen sich die europäischen Mächte in zwei verfeindeten Lagern gegenüber: das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn auf der einen, Frankreich, England und Russland auf der anderen Seite. Bündnistreue und Kriegslust ließen den Kontinent im Blutrausch versinken.

Ein Jahr zuvor hatte der europäische Hochadel in Berlin noch ausgelassen gemeinsam gefeiert. Der Einladung des deutschen Kaisers Wilhelm II. waren neben anderen Blaublütigen sowohl der russische Zar Nikolaus II. als auch der britische König Georg V. gefolgt: Zur Hochzeit von Wilhelms Tochter Viktoria Luise mit Ernst August von Hannover im Mai 1913 versammelte sich die illustre Gesellschaft in der Reichshauptstadt. Bei Spazierfahrten, Ausritten, dem Besuch von Schloss Sanssouci und prachtvollen Bällen lachten die Herrscher gemeinsam in die Kameras. 14 Monate später konnte diese Vertrautheit den Beginn der Katastrophe nicht verhindern.

Dabei war die Hochzeit der Prinzessin auch so etwas wie ein Familientreffen: Wilhelm II. und Georg V. waren Cousins – Georges Vater und Wilhelms Mutter waren Geschwister und gleichzeitig Kinder der legendären britischen Königin Victoria. Auch George V. und Nikolaus II. waren Cousins, weil ihre Mütter Schwestern waren – Töchter des dänischen Königs Christian IX. Der Zar war gleichzeitig ein angeheirateter Verwandter des deutschen Kaisers, weil seine Frau Alix von Hessen-Darmstadt eine Cousine Wilhelms war.

Enge Familienbande

Jahrhundertelang hatten die europäischen Königshäuser Eheschließungen untereinander als Instrument zur Machtausweitung und Friedenssicherung eingesetzt. Doch nicht immer funktionierte dies. Den Ersten Weltkrieg etwa konnten die engen verwandtschaftlichen Bindungen nicht abwenden: Andere Kräfte hatten Einfluss gewonnen – Regierungschefs, Minister, Parlamente, das Militär.

Und so erinnerte im August 1914 nichts mehr an die unbekümmerte Feierlaune der königlichen Hochzeitsgesellschaft. „Die Feindseligkeit, die im Osten und im Westen seit langer Zeit um sich gegriffen hat, ist nun zu hellen Flammen aufgelodert“: So wandte sich der deutsche Kaiser Wilhelm II. am 4. August 1914 an die Mitglieder des Reichstags in Berlin. Zuvor hatte das Deutsche Reich Russland und Frankreich den Krieg erklärt.

Ein Kontinent, zwei starre Lager: So präsentiert sich Europa im Jahr 1914. Die Mittelmächte Österreich-Ungarn, Deutsches Reich und Italien standen der Entente aus Großbritannien, Russland und Frankreich gegenüber. Drei Jahrzehnte zuvor hatte das noch ganz anders ausgesehen. Durch eine geschickte Bündnispolitik verfolgte Reichskanzler Otto von Bismarck damals eine „politische Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden“. So formulierte er den Grundgedanken seiner Außenpolitik 1877 im Kissinger Diktat, einem diplomatischen Aktenstück.

Dieses Kunststück gelang Bismarck. Er verbündete sich mit Österreich-Ungarn, dem Zarenreich und Italien – und sorgte durch bestimmte Klauseln in den Verträgen dafür, dass die Mächte sich von Frankreich fernhielten. Großbritannien hatte wenig Interesse an europäischen Koalitionen, war es doch in erster Linie auf sein riesiges Weltreich konzentriert und konkurrierte dort außerhalb Europas mit Frankreich und Russland. Selbst angesichts des drohenden Kriegs gab sich der britische Premierminister Herbert Henry Asquith am 23. Juli 1914 noch beruhigt: „Zum Glück scheint es keinen Grund zu geben, weshalb wir dabei mehr sein sollten als bloße Zuschauer.“

Neue Allianzen

Nach der Entlassung Bismarcks 1890 aber war sein kompliziertes Bündnissystem zusammengebrochen. Der Weg wurde frei für neue Allianzen – auch solche, die aufgrund der weltpolitischen Lage zuvor als undenkbar gegolten hatten. Etwa zwischen England und Frankreich, die 1904 ihre kolonialen Differenzen in Afrika beilegten. Und drei Jahre später zwischen Russland und England, denen dies ebenfalls in Asien und im Nahen Osten gelang. Weil das Deutsche Reich unter Wilhelm II. seine Flotte massiv aufrüstete und seinen „Platz an der Sonne“, also überseeische Kolonien, verlangte, fühlte das Empire sich herausgefordert – und war plötzlich doch an europäischen Verbündeten gegen das Kaiserreich interessiert.

Österreich-Ungarn, das am 28. Juli 1914 mit der Kriegserklärung an Serbien den Gang in die Katastrophe eröffnete, interessierte sich hingegen wenig für Kolonien und Schutzgebiete in der weiten Welt. Der Vielvölkerstaat war mit den Konflikten vor der eigenen Haustür vollends beschäftigt. Auf dem Balkan brodelte es seit Jahren. 1908 hatte die Habsburger-Monarchie ihr Staatsgebiet gen Süden erweitert und Bosnien-Herzegowina annektiert. Damit brachte sie das sensible Machtgefüge in dieser Region in Südost-Europa durcheinander – und Russland, das sich als Schutzmacht der slawischen Völker auf dem Balkan sah, gegen sich auf.

Die beiden Balkankriege 1912 und 1913, aus denen das Königreich Serbien gestärkt hervorging, gelten als Wegbereiter für den Ersten Weltkrieg. „Mit den Serben muss aufgeräumt werden“, konstatierte der deutsche Kaiser Wilhelm II. im Juli 1914. Und der österreichisch-ungarische Außenminister Leopold Berchtold erteilte zwei Tage später seinem Botschafter im Belgrad die Instruktion: „Wie immer die Serben reagieren – Sie müssen die Beziehungen abbrechen und abreisen; es muss zum Krieg kommen.“

Erbfeindschaft

Vom territorialen Zankapfel im Südosten zu einem ähnlichen im Westen Europas: die Region Elsass-Lothringen. 1871 im deutschen Reichseinigungskrieg vom Kaiserreich von Frankreich annektiert, gilt der Streit um dieses Fleckchen Erde als Inbegriff des deutsch-französischen Gegensatzes. Seit 200 Jahren gab es immer wieder Kämpfe um die Region, die mal unter deutscher, mal unter französischer Hoheit stand. Sie zurückzuerobern, war für Frankreich gleichbedeutend mit der Rache am Deutschen Reich für den verlorenen Krieg von 1870/71 und die darauf folgende internationale Isolierung durch die Bismarcksche Bündnispolitik.

Für Kaiser Wilhelm II. muss es eine herbe persönliche Enttäuschung gewesen sein, dass sich seine Verwandten George V. und Nikolaus II. mit seinem Erzfeind Frankreich verbündeten. Dem Zaren sandte er noch bis in den Sommer 1914 hinein Briefe, die er mit „Dearest Nicky“ überschrieb. Nikolaus selbst schickte am 6. Juli 1914, als der Krieg zum Greifen nahe war, seinem angeheirateten Cousin folgendes Telegramm: „Um ein solches Unheil wie einen europäischen Krieg zu verhüten, bitte ich Dich im Namen unserer alten Freundschaft, alles Dir Mögliche zu tun, um Deine Bundesgenossen [Österreich-Ungarn] davon zurückzuhalten, zu weit zu gehen.“

Die Monarchen selbst mochten dem Strudel nicht mehr Herr werden, der den Kontinent ergriffen hatte. In der deutschen Reichsregierung, in der Militärführung und auch in der Bevölkerung herrschte seit Langem eine anti-russische, parallel dazu im Zarenreich eine anti-deutsche Stimmung, die beide Reiche auseinander trieb.

Am Abgrund

Und im August 1914 klang der deutsche Kaiser bereits ganz anders, als er den Kriegszustand in seiner Thronrede verteidigte: „Bei der Verfolgung ihrer berechtigten Interessen ist der verbündeten Monarchie [Österreich-Ungarn] das Russische Reich in den Weg getreten. An die Seite Österreich-Ungarns ruft uns […] unsere Bündnispflicht.“ Der Weg in den Abgrund war nicht mehr aufzuhalten.

Die von Wilhelm beschworene Bündnispflicht erkannte Italien allerdings nicht, das ebenfalls zum Dreibund gehörte: Es verweigerte dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn bei Kriegsausbruch die Bündnistreue, weil es die beiden Mächte als Aggressoren wahrnahm. Später trat Italien aufseiten der Entente in den Krieg ein.

Jenes Europa, wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts existiert hatte, sollte es nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr geben. Reiche zerbrachen, Grenzen wurden neu gezogen, Monarchen gestürzt, Systeme revolutioniert. Und zuvor standen dem Kontinent vier blutige, alles zerstörende Jahre bevor. Von düsterer Untergangsstimmung erfasst, mahnte Großbritanniens Außenminister Edward Grey am Abend des 4. August 1914, als sein Land dem Kaiserreich den Krieg erklärte: „Jetzt verlöschen die Lichter in ganz Europa. Wir werden sie nie wieder in unserem Leben brennen sehen.“


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