Kaiserreich suchte „Platz an der Sonne“ Erster Weltkrieg: Sportdress und Pickelhaube

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Osnabrück. So viel ist klar: Viele Deutsche begrüßten den Ausbruch des Ersten Weltkriegs – das lag auch am gesellschaftlichen Klima. Militarismus prägte das Denken im Kaiserreich am Vorabend der Kämpfe. Aber das Kaiserreich hatte viele Facetten. Der nächste Teil unserer Weltkriegs-Analysen.

In der internationalen Staatenwelt galt Krieg damals noch weitgehend als legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung. Erst die traumatischen Vernichtungsschlachten des Ersten Weltkriegs führten zu einem Umdenken – und mündeten beispielsweise im Briand-Kellogg-Pakt von 1928, der den Krieg in der Moderne erstmals umfassend ächtete.

Angeheizt wurde die Kriegsbegeisterung von der politischen Führung des Deutschen Reiches. Kaiser Wilhelm II. hatte etwa den Bau einer riesigen Flotte vorangetrieben, um Großbritannien auf See herauszufordern. Das begünstigte die Entstehung der Triple-Entente von 1907, die im Ersten Weltkrieg zur gegnerischen Partei der Mittelmächte wurde, zu denen Deutschland zählte.

Kriegsbegeisterung

Anschaulich hat etwa der Publizist Sebastian Haffner die Kriegsbegeisterung am Vorabend des Ersten Weltkriegs beschrieben. Als Kind habe er während der Kämpfe fieberhaft Spielfiguren über Landkarten gezogen, um die Verläufe der Schlachten nachzustellen. Uniformen, Pickelhauben und Stechschritt gehörten nicht nur an Feiertagen zum Straßenbild.

Bei Kriegsausbruch stellten sich auch Kritiker wie die Sozialdemokraten hinter die Regierung und überließen ihr das Feld. Neuere Forschung zeigt, dass die Kriegsbegeisterung der Deutschen am Vorabend des Ersten Weltkriegs nicht überall gleich ausgeprägt war. Militarismus und Wilhelminismus gelten aber weiterhin als wesentliche Ursachen des Konflikts.

Im Herzen Europas

Wie konnte es nur so weit kommen? Während sich Deutschlands politische Macht in Grenzen hielt, stieg das Kaiserreich im Verlauf des 19. Jahrhunderts zum wirtschaftlichen Schwergewicht auf. Dies lag hauptsächlich am starken Wachstum der Industrie ab etwa 1830. Die Entwicklung ging vor allem vom Bergbau aus – der massenhafte Abbau von Eisenerz und Kohle begünstigte etwa den Eisenbahn- und Maschinenbau. Es war die große Zeit der Industriepioniere wie Gottblieb Daimler, August Horch oder Robert Bosch.

Die ersten Autos fuhren auf den Straßen, selbstverständlich waren sie damals nur für wenige erschwinglich. Dennoch machte sich in der Bevölkerung eine bisher ungekannte Begeisterung für Wissenschaft und Technik breit, die auch für die Entstehung der Kriegsflotte nicht unwesentlich war.

Der technische Vorsprung wiegte weite Teile der politischen und militärischen Führung in trügerischer Sicherheit: Man glaubte, die strategisch ungünstige Lage in der Mitte Europas wettmachen zu können durch die massenweise Herstellung von Rüstungstechnik wie Maschinengewehren.

Mit der Industrialisierung geht die Entstehung der deutschen Arbeiterbewegung einher. Seit den 1860er-Jahren setzten sich einflussreiche Organisationen für die Belange der Arbeiterschaft ein – 1875 wurde die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands gegründet, die sich 1890 schließlich in SPD umbenannte.

Bedeutend daran ist nicht zuletzt der Gedanke der Hilfe zur Selbsthilfe, der auch für den Finanzsektor eine bedeutende Rolle spielen sollte: Im 19. Jahrhundert wurden die ersten Genossenschaften in Deutschland gegründet, die weitgehend mittellosen Bauern oder Arbeitern Investitionen ermöglichten. Viele Wirtschaftshistoriker halten diese Entwicklungen sogar für entscheidend für den wirtschaftlichen Aufstieg.

Forscher und Erfinder

Am Anfang war Wilhelm von Humboldt. Er legte im 18. und 19. Jahrhundert wichtige Grundlagen für das deutsche Bildungssystem, insbesondere im universitären Bereich. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts mauserte sich Deutschland daher zur Hochburg der Wissenschaft. Ob Physik, Mathematik, Jurisprudenz oder Kulturwissenschaften – deutsche Forscher waren führend. Der Biologe Gregor Mendel oder der Chemiker Otto Hahn legten wichtige Grundlagen. 1914 erhielt der deutsche Physiker Max von Laue den Nobelpreis. Auch im Krieg profitierte das Kaiserreich von seinen Top-Wissenschaftlern: So perfektionierte Carl Bosch das Haber-Bosch-Verfahren zur Herstellung von Ammoniak, das bei der Herstellung von Munition hilft. Damit musste Deutschland kein Salpeter mehr importieren, das wegen der britischen Seeblockade bereits im Jahr 1914 knapp wurde.

„Platz an der Sonne“

Trotz aller Potenz: Bei der Verteilung der Welt war das Deutsche Reich spät dran. Ein Emporkömmling, der sich so fühlt und verhält. Am 6. Dezember 1897 hält Bernhard von Bülow, damals Staatssekretär des Auswärtigen Amts, im Berliner Reichstag eine viel zitierte Rede: Deutschland wolle auch einen „Platz an der Sonne“, sagt er – und meint damit, dass sich das Kaiserreich künftig stärker um Kolonien bemühen werde.

Am Wettbewerb um neue Herrschaftsgebiete beteiligten sich Großmächte wie Großbritannien, Frankreich und Russland längst im großen Stil. Bis 1914 hatte sich das Deutsche Kaiserreich in Afrika festgesetzt (unter anderem heutiges Kamerun, Namibia, Tansania), aber auch in der Südsee (unter anderem Karolinen, Palau) sowie im heutigen China (Kiautschou).

Immerhin: Nach der Fläche war das Deutsche Reich 1914 die viertgrößte Kolonialmacht.

Der Wettlauf um neue Gebiete beschleunigte auch die Globalisierung der Wirtschaftssysteme und Gesellschaften: Die Verkäufe deutscher Güter ins Ausland boomten – Deutschland etablierte sich als Exportnation in der Welt. Neben schwerindustriellen Erzeugnissen wie Stahl waren vor allem Maschinen gefragt.

Turnen und kicken

Die Deutschen lieben Vereine, heißt es. Auch diese Entwicklung begann im 19. Jahrhundert. Menschen unterschiedlichster Interessen schlossen sich zusammen, um in Chören zu singen, gemeinsam zu Kegeln oder Schach zu spielen. Auch Turnvereine waren beliebt, oder die Wandervogel-Bewegung, in der viele heute einen Vorreiter der Umweltbewegung sehen.

Besonders im Arbeitermilieu entstanden Literaturzirkel oder Chöre, die ein bestimmtes Liedgut pflegten. Die Volkshochschulbewegung hat ebenfalls im Arbeitermilieu ihre Wurzeln.

Und auch der Fußball entwickelte sich von der „Fußlümmelei“ zum Volkssport: Über 100000 kickten aktiv im DFB. Am 31. Mai 1914 standen sich die Spielvereinigung Fürth und der VfB Leipzig im Endspiel um die deutsche Meisterschaft gegenüber. In der 153. Minute (!) gelang dem Fürther Karl Franz das Goldene Tor, der erste Titel für die „Kleeblätter“ war perfekt. Drei Monate später starb Franz beim Fronteinsatz in Lothringen.


Im Sommer vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Dieser Text ist Teil unseres Schwerpunktprojekts zum Ersten Weltkrieg.

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