Ibrahim Arify und „Afghan Films“ Filminstitut in Kabul katalogisiert Bewegtbilder



Kabul. Sie liegen versteckt auf Dachböden, verstauben in Scheunen, vermodern in Kellern: afghanische Filmschätze aus fast 100 Jahren. Das Institut „Afghan Films“ in Kabul um Direktor Ibrahim Arify hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Schätze zu bergen und für die Nachwelt zu archivieren.

Widerwillig ächzt die baufällige Treppe, Staub tanzt in der stickigen Luft. Im dämmrigen Licht des Dachbodens sind Berge von Filmrollen erkennbar, ungeordnet gestapelt oder in Regale gequetscht. Dazwischen liegen verhedderte Zelluloid-Bahnen. „Das alles“, sagt Ibrahim Arify, „müssen wir aufräumen und sortieren.“

Es ist nur ein kleiner Teil der Arbeit, die auf Arify und seine Mitarbeiter am afghanischen Filminstitut in Kabul wartet. Nach den Jahrzehnten des Bürgerkriegs und der Taliban-Herrschaft liegt auf dem Gelände von „Afghan Films“ in Gebäuden und Containern so viel Filmmaterial versteckt, dass noch niemand die wirkliche Menge überblicken kann. Das Team um Direktor Arify will die Filme bergen, katalogisieren und digitalisieren, um sie in Archiven aufbewahren zu können.

Manche Aufnahmen datieren bis in die 1920er-Jahre, als Afghanistan kurz nach der Unabhängigkeit von Großbritannien ein Königreich unter Amanullah Khan war. Auf den einzelnen Filmrollen fehlen fast immer genaue Angaben. „Wir schauen uns jeden Film an und versuchen dann anhand der dargestellten Ereignisse herauszufinden, wann und in welchem Zusammenhang er entstanden ist“, sagt Arify.

Der gebürtige Afghane, der 1995 nach Deutschland kam, arbeitet als integrierte Fachkraft, vermittelt durch das „Centrum für internationale Migration“ (CIM) in Kabul. Diese Arbeitsgemeinschaft von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Bundesagentur für Arbeit schickt Spezialisten ins Ausland, die vor Ort ihr Wissen weitergeben. Vor seiner Flucht nach Deutschland hat Arify als Kameramann für Afghan Films gearbeitet, später für öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland.

Er und sein Team haben bisher insgesamt 20000 Stunden Filmmaterial wiederentdeckt. 8000 Stunden davon sind inzwischen gesichtet und bereit für die Digitalisierung. Das Institut wartet derzeit auf eine Digitalisierungs- und eine Archivierungsmaschine, die Deutschland finanziert. Das Auswärtige Amt zahlt für beide Geräte zusammen 500000 Euro.

Filme sind in einer Gesellschaft wie der afghanischen, in der ein Großteil der Menschen Analphabeten sind, ein wichtiges Dokument für die eigene Kultur und Geschichte. Daher unterstützt die Bundesrepublik das Bemühen der afghanischen Regierung, ein Filmarchiv aufzubauen. Fotos und Filme hatten vor allem in der Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 einen schweren Stand, weil sie verboten waren. „Aus dieser Zeit haben wir nur eine vier Minuten lange Aufnahme“, sagt Arify. Die Taliban verbrannten systematisch das Material, das den Bürgerkrieg überstanden hatte. Arify und sein Team retten nun die Überreste.


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